Vaganten Bühne: Fliegende Eier von Sarajevo – mit Senita Huskić, Natalie Mukherjee; © Fabienne Dür
Fabienne Dür
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Vaganten Bühne - "Fliegende Eier von Sarajewo"

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In Deutschland waren die 90er Jahre heile Welt: Millionen schauten "Der mit dem Wolf tanzt" im Kino oder feierten halbnackt bei der "Loveparade". Ganz anders sah es im damaligen Jugoslawien aus: Im Osten Europas tobte ein Krieg zwischen den Ethnien, der mit brutalen Massakern an der zivilen Bevölkerung einherging. Zum Beispiel das in Srebrenica vor 26 Jahren, im Juli 1995. 8.000 Bosniaken, hauptsächlich Jungen und Männer, wurden dabei ermordet. Im Gedenken an die Opfer zeigt die Vaganten Bühne die Uraufführung eines Stücks, das die Familiengeschichte eines bosnischen Flüchtlingsmädchens erzählt.

Vor dem Delphi-Filmpalast nebenan spielt eine spritzige Jazzkombo und auch die Vaganten Bühne hat eine kleine Open-Air-Spielstätte gebaut: vor der Bühne Tischchen, die Serviererin nimmt Getränke-Bestellungen entgegen.

Nicht gerade die Atmosphäre, in der man eine Familienrecherche rund um den Bosnienkrieg verorten würde. Und doch passt der laue Abend inmitten der Berliner Schulferien bestens zu dieser Uraufführung – sie beginnt mit einem Kinderspiel, das Senna und ihre Schwester Esma jeden Sommer beim Besuch der Tante in Bosnien spielen: Am Abend, wenn die Eltern Freunde treffen, schleichen sie sich auf den Balkon ihres fünften Stockwerks – und wenn niemand guckt, werfen sie Eier herunter, die durchaus mal eine Passantin treffen können.

Im Theater sind es zum Glück nur Papiereier, die durch die Luft ins Publikum segeln.

Kriegsnarben

Die "fliegenden Eier von Sarajevo" sind also ganz wörtlich zu nehmen. Jede Sommerferien sausen sie wie Wurfgeschosse vom Balkon, wenn Senna und Esma ihre Cousins in Bosnien besuchen. Eine 24-Stunden-Höllenfahrt im Ford Mondeo ist das von Deutschland aus. Jahr für Jahr begleiten wir Senna auf dieser Reise von der einen Heimat in die andere. Jahr für Jahr erleben wir, wie sich ihr Blick verändert. Zuerst sind da die Pfannkuchen mit Nutella und der Horror-Fahrstuhl, der die Siebenjährige erschreckt. Dann das erste Verliebtsein in einen Jungen.

Erst sehr viel später, Senna ist inzwischen 22 und studiert, bemerkt sie die Kriegsnarben:

"Ich gehe automatisch direkt auf den Balkon. Die Einschusslöcher sind überall, am Geländer, in der Hausfassade, der ganze Wohnblock ist voll damit. Wie konnte meine Tante nach dem Krieg in dieselbe Wohnung? Ich schaue nach unten und sehe einen Bombenkrater im Beton. Er hat dieselbe Form wie die Eier, die damals auf den Boden geprallt sind."

Coming of Age-Geschichte statt Kriegsdrama

Eine kluge Entscheidung von Fabienne Dür und Senita Huskić, wie in einer Sommerserie aus Sennas Perspektive zu erzählen – denn statt eines erdrückenden Kriegsdramas, das uns behüteten deutschen Nachkriegsgenerationen weit entfernt erscheint, wird so die komische, bewegende Coming of Age-Geschichte eines aufgeweckten deutschen Mädchens, das sich mit seiner großen Schwester zankt und den ersten Liebeskummer erlebt – und zufällig Verwandte in Bosnien hat.

Erst nach und nach lernt Senna zu verstehen, wovon ihre Eltern so laut schweigen. Wovor sie geflohen sind. Und dass sie eben doch nicht als "echte" Deutsche gilt, wenn sie einen bosnischen Namen trägt und nicht weiß, dass man bei einer Schnitzeljagd nicht wirklich Schweineschnitzel aufspüren will.

Vaganten Bühne: Fliegende Eier von Sarajevo – mit Senita Huskić, Natalie Mukherjee; © Fabienne Dür
Bild: Fabienne Dür

Durch die bedrückenden Erzählungen der Mutter, die Sennas Perspektive ergänzen, fließt dann noch ein Stück Flucht- und Kriegsgeschichte ein. Die Sorge um die Schwester in Sarajevo damals, die verzweifelt versucht, in die "geschützte Stadt" Srebrenica zu fliehen – und es zum Glück nicht schafft. Der Ort mit dem Vergewaltigungslager, aus dem die Mutter von Sennas Schulfreundin stammt. Die Ankunft von Sennas Familie im Flüchtlingsheim, das Malochen der hochschwangeren Mutter bei McDonald’s und in der Hotellerie, bis sie zusammenbricht. Die Angst vor der Abschiebung – und die teure Hochzeit mit dem Nachbarn, um ihr zu entgehen. Das Schweigen in der eigenen Familie über den Krieg und seine Traumata. Die Anspruchshaltung der Tante, Computer nach Sarajevo zu schicken, weil sie doch nun die reichen Deutschen sind.

Junge europäische Geschichte lebendig erzählt

Senita Huskićs bosnischer Hintergrund sei der Ausgangspunkt für das Stück gewesen, sagt das Theater, man habe es allerdings nicht mit ihrer eigenen Biografie zu tun. Doch Huskić steht als Senna auf der Bühne – und wenn ihr beim Schlussapplaus die Tränen kommen, wird auch der letzten im Publikum klar, wie viel ihr dieses Stück bedeuten muss. Zusammen mit Natalie Mukherjee als Sennas Mutter und zugleich Schwester bilden die beiden ein gefühl- und kraftvolles Spielerinnen-Doppel, das einem sehr nah kommt.

Fabienne Dür, die hier zum ersten Mal auch Regie führt, verlässt sich ganz auf die Kraft der Erzählung und ihrer Spielerinnen. Auf der Bühne nur eine Wäscheleine, an die Esma und Senna ihre auf Papier gekritzelten Erinnerungen hängen, als müssten sie erst noch eine Weile im Sommerwind trocknen. Erinnerungen an eine junge europäische Geschichte, von der das deutschsprachige Theater viel zu selten derart lebendig erzählt.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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