David Ruland, Moritz Gottwald, Renato Schuch, Laurenz Laufenberg, Genija Rykova und Robert Beyer in "Michael Kohlhaas" (Regie: Simon McBurney und Annabel Arden, Schaubühne) © Gianmarco Bresadola
Gianmarco Bresadola
David Ruland, Moritz Gottwald, Renato Schuch, Laurenz Laufenberg, Genija Rykova und Robert Beyer in "Michael Kohlhaas" (Regie: Simon McBurney und Annabel Arden, Schaubühne) | Bild: Gianmarco Bresadola Download (mp3, 4 MB)

Schaubühne am Lehniner Platz - "Michael Kohlhaas"

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Michael Kohlhaas ist bereit bis zum Äußersten zu gehen, um Gerechtigkeit zu bekommen. Kleists berühmte Novelle hat der Regisseur Simon McBurney für die Berliner Schaubühne dramatisiert und dort in Szene gesetzt. Er fragt dabei, ob es richtig ist, das Gesetz zu brechen und welche Formen des Widerstands angemessen und effektiv sein können.

Beim ersten Blick auf die Bühne schwant einem nichts Gutes: Mikrofone sind da an der Rampe aufgereiht, daneben Kamera und Reclamheft, eine Leinwand, davor ein paar Stühle. Bitte nicht wieder einer dieser abgegriffenen postdramatischen Abende, an dem die Spieler den Text lesen und ständig Rollen wechseln, um bloß keine Identifikation aufkommen zu lassen!

Dann tritt auch noch der Schauspieler Moritz Gottwald nach vorn, als wolle er einen Vortrag über Kleist halten: "'Ich soll tun, was der Staat von mir verlangt. Zu seinen mir unbekannten Zwecken soll ich ein bloßes Werkzeug sein. Ich kann das nicht.' Dieser Satz stammt nicht aus 'Michael Kohlhaas', das wir heute für Sie lesen werden, sondern von Heinrich von Kleist."

Im Anschluss startet tatsächlich eine gemeinschaftliche Rezitation der Novelle – beginnend mit Kleists berühmtem ersten Satz:

"An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Rosshändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit."

Ein höchst präzises Sprechkonzert

Doch wie Simon McBurney und seine Co-Regisseurin Annabelle Arden diese abgenutzte Inszenierungsidee der 90er zum Leben erwecken, wie sie ein hoch emotionales Spiel erzeugen, bei dem man vor Spannung an der Stuhlkante sitzt, das ist spektakulär. Das Ensemble teilt sich jeden der komplizierten Sätze so auf, dass daraus eine höchst präzises Sprechkonzert entsteht – selten hat man Kleists Musikalität so perfekt zu hören bekommen. Das Ergebnis: Man versteht jedes Wort und hängt den Spielerinnen und Spielern an den Lippen, obwohl sie von ihren Figuren nur in der dritten Person erzählen.

Ensemble auf Hochleistung

Überhaupt ist das Hören hier das sinnlichste Erlebnis. McBurney lässt Flugzeugdröhnen, das Öffnen eines Fensters, vor dem die Massen grölen, religiöse Choräle und Elektrobeats sekundengenau einspielen – als schlage man ein Instrument beim Kammerkonzert an. Auf dem Höhepunkt, wenn Renato Schuchs glühender Kohlhaas zum Brandschätzer und Mörder wird, bläst die Akustik zum Sturmgewitter.

Doch auch beim Spielen ist das Ensemble auf Hochleistung. Im fliegenden Wechsel werden die Kurfürsten-Kostüme übergeworfen und die Handykameras bedient, um Videos der Kollegen auf die Leinwand zu projizieren. Auch hier erzeugen die einfachsten Mittel große Wirkung. Etwa, wenn Gottwald und Laurenz Laufenberg nackt auf allen Vieren, mit Krücken als Verlängerung der Arme, die verhungerten Mähren spielen, die Kohlhaas statt seiner beiden Rappen auf der Tronka-Burg ausgehändigt bekommt – der Beginn allen Übels. Oder wenn, eine der wenigen Dialogszenen, Genija Rykova ihren Mann nicht mehr versteht, der Haus und Hof für seinen Rachefeldzug verkaufen will.

Die Haltung bleibt unklar

Doch so meisterhaft das alles inszeniert ist, fragt man sich spätestens in der zweiten Stunde, in der Kohlhaas’ Schicksal von einem Kurfürsten zum nächsten wandert und immer fantastischer anmutet, was McBurney und Arden eigentlich für eine Haltung zu diesem Aufständler haben. Ist er ihnen ein Held oder ein Terrorist? Ist sein Recht auf politischen Widerstand legitim – oder purer Amoklauf?

Dass die Produktion mit Kohlhaas sympathisiert, ist spürbar. Doch mit einer eindeutigen Haltung zu heutigen Whistleblowern oder Klimaschutz-Extremisten wie Extinction Rebellion wartet die Inszenierung nicht auf. Im deutschen Regietheater ist das ungewöhnlich. Aber der Brite McBurney steht in einer Tradition, die den Autor mehr würdigt als die persönliche Interpretation dessen Werk.

So bleibt man etwas unbefriedigt zurück, weil das Diskussionsangebot des Regisseurs fehlt, mit dem man sich auseinandersetzen könnte. Das muss man aushalten. Zurückgeworfen wird man allein auf Kleists Frage nach Recht oder Unrecht, Mut oder Fanatismus. Und das genügt.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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