Mord im Orientexpress am Schiller Theater (Illustratuin: Agi Dawaachu)
Agi Dawaachu
Mord im Orientexpress am Schiller Theater | Bild: Agi Dawaachu Download (mp3, 4 MB)

Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater - "Mord im Orientexpress"

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Katharina Thalbach hat seit Jahren davon geträumt, den Detektiv Hercule Poirot zu spielen. Nun war es – nach fünf durch die Pandemie bedingten Verschiebungen – endlich soweit: Premiere für den "Mord im Orientexpress" in Berlin.

Die inzwischen 67-jährige Katharina Thalbach spielt an der derzeit im Berliner Schiller Theater residierenden Komödie am Kurfürstendamm nicht nur den von Agatha Christie in unzähligen Kriminalromanen bekannt gemachten Belgier, sie hat auch Regie geführt. Beides lässt staunen. Als Schauspielerin bietet sie im Part des schnüffelnden Superhirns eine intelligente Travestie mit erstaunlichem Tiefgang. Auch ihre Inszenierung offeriert mehr als launige Unterhaltung.

Elegant, charmant, witzig und gehaltvoll

Katharina Thalbach zeichnet den Detektiv mal komödiantisch, mal in tragischem Ton, durchgehend glaubwürdig. Bei allem Witz und gelegentlich auch Klamauk gelingt ihr eine facettenreiche Charakterstudie. Sie nimmt die Figur ernst. Und gibt ihr damit Gewicht. So hat sie es auch als Regisseurin gehalten: Die Geschichte um einen Rachemord im Orientexpress steuert bei ihr auf die Frage zu, was Gerechtigkeit ist. Gibt es unverrückbare Prinzipien?

Katharina Thalbach hat das mit derart viel Geschick in Szene gesetzt, dass auch Zuschauer*innen, denen die Story geläufig ist, vor Spannung den Atem anhalten. Da werden feine Denkanstöße gegeben. Wobei der Abend nicht so tut, als wolle er intellektuell abheben. Es wird ehrliches Theater geboten. Die Devise: Schön, wenn Du noch ein bisschen mehr mitnimmst, aber vor allem wollen wir Dich unterhalten. Das geht auf.

Enorm hoher Unterhaltungsfaktor

Der Unterhaltungsfaktor ist enorm hoch. Neben, mit und um Katharina Thalbach agiert ein hervorragendes Ensemble: Tochter Anna und Enkelin Nellie Thalbach, Nadine Schori, Andreja Schneider, Tobias Bonn, Mat Schuh. Dazu sorgen Tänzerinnen und Tänzer und zahlreiche Kleindarsteller für schöne Effekte, wie etwa eine pantomimisch-tänzerische Umsetzung des Mordgeschehens. Christoph Marti, bekannt neben Andreja Schneider und Tobias Bonn als einer der Geschwister Pfister, ragt heraus. Voller Verve agiert er als überdrehte US-amerikanische Diva Helen Hubbard. Das ist erstmal sehr komisch. Doch in den entscheidenden Augenblicken verleiht auch er der Figur Tiefe. Zudem berückt er mit einer blendenden Erscheinung. Was immer wieder von so kurzen wie eindringlichen Momenten der Nachdenklichkeit aufgewertet wird.

Katharina Thalbach bei der Fotoprobe zum Theaterstück 'Mord im Orientexpress' in der Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater. Quelle: Sebastian Gabsch/dpa
| Bild: Sebastian Gabsch/dpa

Spektakuläre Szenen lassen staunen

Der Modedesigner Guido Maria Kretschmer und sein Assistent Laurent Hermann Progin haben alle Mitwirkenden raffiniert kostümiert. Charme und Eleganz sorgen für eine Augenweide. So auch das Bühnenbild von Momme Röhrbein. Das sorgt sogar für einige spektakuläre Szenen - etwa jene, da sich anfangs der Orientexpress in Bewegung setzt. Man wähnt sich zunächst tatsächlich auf dem Bahnhof von Konstantinopel im Jahr 1934 und schließlich als Mitreisender im Salonwagen oder in einzelnen Coupés.

Gelungen sind zudem die Tanz- und Gesangsnummern. Komponist Christoph Israel, bekannt beispielsweise als Begleiter von Max Raabe, setzt geschickt auf eigens komponiere Musicalnummern, auf Broadway-Songs, dazu sogar auf Tschaikowsky und Prokofieff. Auge und Ohr dürfen schwelgen.

Leider war die Akustik zur Premiere nicht vollständig perfekt. Gelegentlich hat die Musik den Gesang übertönt, manchmal waren auch Dialogpassagen nur mühsam zu verstehen. Das dürfte sich aber in den nächsten Vorstellungen einspielen.

Bombastischer Beifall des Premierenpublikums

Katharina Thalbach hat als Hercule Poirot und als Regisseurin alle Zügel in der Hand. Ihre Auftritte als eitle Intelligenzbestie sind Kabinettstückchen. Aber in der Inszenierung hat sie klug dafür gesorgt, dass dies nicht alles andere überdeckt, sondern zu einem wunderbaren Zusammenspiel führt. Sie hat – und das gibt dem Abend endgültig Klasse – eine ihrer wichtigsten Maximen beherzigt - nämlich dafür zu sorgen, dass Bühne und Zuschauerraum gleichsam miteinander verschmelzen. Wofür auch ein pfiffiger Einsatz von Film und Video sorgen. Dadurch werden etwa Zeitsprünge quasi im Handumdrehen absolviert.

Am Premierenende gab es für den wie im Fluge vergehenden drei Stunden dauernden Abend extrem großen Zuspruch vom prominent besetzten Publikum. Schauspielstar Katja Riemann, ihr Kollege Gerd Wameling, Berlins Kultursenator Klaus Lederer, Promi-Anwalt und Kunstförderer Peter Raue, die Filmproduzentin Regina Ziegler und viele andere saßen spürbar animiert im ausverkauften, jedoch corona-gerecht nicht voll besetzten Theater. Immer wieder gab es Szenenbeifall und am Schluss – berechtigt – etwa fünfzehn Minuten wahrlich donnernden Beifall, Bravo-Rufe und Jubel.

Einen derartigen Publikumszuspruch gab es an einem Berliner Sprechtheater in den letzten Jahren nur sehr, sehr selten.

Peter Claus, rbbKultur

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