Caroline Peters in Yerma
Thomas Aurin
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Schaubühne am Lehniner Platz - "Yerma"

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Der ruhelose Theater-Reisende Simon Stone zeigt an der Berliner Schaubühne seine eigene Fassung von Federico García Lorcas "Yerma". In der Rolle der Yerma ist die aus Film und Fernsehen bekannte Caroline Peters zu sehen, die seit kurzem zum Ensemble der Schaubühne gehört und nach dem zeitweiligen Theateraus endlich zeigen kann, was für eine großartige Bühnenschauspielerin sie ist.

Der in der Schweiz geborene und in Australien aufgewachsene Simon Stone ist ein künstlerisches Multitalent. Er brilliert als Theater-, Opern- und Filmregisseur, Autor und Schauspieler, seine Inszenierungen werden bei den Wiener Festwochen und Salzburger Festspielen gefeiert, seine Baseler Version von Tschechows "Drei Schwestern" wurde 2017 von der Fachzeitschrift "theater heute" zum "Stück des Jahres" gekürt. Jetzt ist der ruhelose Theater-Reisende also an die Berliner Schaubühne weitergezogen.

Stone macht aus Lorcas "Yerma" eine Karrierefrau im heutigen Berlin

Lorcas Stück ist nur noch Korsett für eine ins Heute transferierte Beziehungsschlacht, die sich um einen krankhaften und zwanghaften Kinderwunsch dreht, der zerstörerische Züge annimmt und in einem blutigen Alptraum endet. Der historische Kontext von Lorcas politisch und sprachlich radikaler Dichtung ist kein Thema.

Dass Lorca 1936 von den Faschisten verhaftet und erschossen wurde, hat für Simon Stone keine Bedeutung. Er löst "Yerma" aus dem archaisch-bäuerlichen komplett Umfeld heraus: Aus der einfachen Frau eines tumben Bauern macht er eine emanzipierte und erfolgreiche Journalistin und Bloggerin im heutigen Berlin, eine Karrierefrau, die - weil die biologische Uhr tickt - den Wunsch nach einem Kind verspürt, in eine tödlichen Obsession abdriftet und vom Regisseur in einen filmischen Alptraum verstrickt wird.

Caroline Peters spielt zart, ruppig und wild - es stockt einem der Atem

Caroline Peters hat in Wien mit Simon Stone im "Hotel Strindberg" logiert und in "Medea" wüst herumgefuhrwerkt, am Berliner Ensemble in Stones "Eine griechische Tragödie" furios aufgespielt. Sie weiß, dass Stone immer aufs Ganze geht, dass es weh tut, dass er filmisch erzählt, mit Rollen-Klischees spielt, Figuren zerlegt und wieder neu zusammengesetzt.

Das liegt Caroline Peters, schon an der Berliner Volksbühne hat sie einst René Pollesch auf seinen irrlichternden Textexkursionen mit vollem Körpereinsatz begleitet. Auch jetzt ist sie zart und zerbrechlich, ruppig und wild, steigert sich mit ihrem Kinderwunsch in einen Wahn hinein, der völlig von ihr Besitz ergreift, alles in einen finsteren Abgrund zieht und damit endet, dass sie ihren Job und ihrer Mann verliert, sich ein Messer in den Unterleib rammt, um die Gebärmutter herauszuschneiden, in der sich, trotz teurer Hormonbehandlung und medizinischer Eingriffe über Jahre hinweg kein Kind einnisten will.

Es stockt einem der Atem, man ist zugleich fasziniert und kann es doch kaum ertragen, wie Caroline Peters von einer humorvollen, blitzgescheiten Frau, die gern viel Geld verdient und angenehmen Sex hat, zu einer entgrenzten Furie mutiert, die jeden Realitätssinn verliert, ihren Mann verachtet, ihre Schwester und ihre Mutter beschimpft, sich in Dreck und Schlamm wälzt, in Alpträume verliert und sich nur noch eines wünscht: den eigenen Tod.

Eine dramatische Katastrophe und starke Charaktere

Die Inszenierung beginnt beiläufig und läppisch, kippt dann vom rhetorischen und erotischen Geplänkel in eine existenzielle, dramatische Katastrophe, einen zutiefst aufwühlt und verstört.

Die fünf Figuren, die Yerma umschwirren wie Motten das Licht, sind nicht nur Staffage, alle gewinnen eigenständige Kontur, sind starke Charaktere. Ilse Ritter ist (Helen) eine ebenso elegante wie die gefühlskalte Mutter; Jenny König (Maria) eine fahrige und duldsame Schwester; Carolin Haupt (Désirée) eine schnoddrige und klarsichtige Kollegin; Konrad Singer (Viktor) ein melancholischer und warmherziger Freund und Helfer; Christoph Gawenda (John) ein notorischer Macho und perverser Lüstling, der von Yerma und ihrem Kinderwunsch allmählich um den Verstand gebracht und in den Ruin getrieben wird.

Caroline Peters als Yerma und Christoph Gawenda als John während der Fotoprobe für das Stück Yerma in der Berliner Schaubühne (Bild: IMAGO / Martin Müller)
| Bild: IMAGO / Martin Müller

Orgie der Selbstzerstörung

Wie all diese um Yerma kreisenden Figuren sich verkanten und verknoten und ums eigene Überleben kämpfen, ist schmerzlich schöne Schauspielkunst, die uns mitreißt in eine Orgie der Selbstzerstörung. Sie findet statt in einem engen Glaskasten, der zwischen die Zuschauertribünen gequetscht ist. Im Glas spiegelt sich alles mehrfach, alle Figuren und alle Zuschauer, die zu Voyeuren und stummen Mitspielern werden. Im Kasten tigern die Akteure wie eingesperrte Tiere umher und zerfleischen sich, manchmal werden ihre Beziehungsschlachten in grelles Licht getaucht, manchmal stapfen die verwirrten, verzweifelte Menschen in Gummistiefeln durch Regen und Matsch.

Ein Theaterabend, den man so schnell nicht vergisst

Von Minute zu Minute, von Szene zu Szene wird der Schmerz größer, die Verzweiflung und Ausweglosigkeit greifbarer, fast ist man froh und fühlt sich befreit, wenn alles, nach knapp zwei Stunden, vorbei ist und die Akteure ihren verdienten Applaus bekommen.

Ziemlich mitgenommen wankt man betäubt hinaus in den lauen Sommer und weiß, dass man diesen Abend so schnell nicht vergessen wird.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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imago-images/Alex Halada

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