Constanza Macras/ Dorky Park: "Stages of Crises" © Thomas Aurin
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Tanz im August | Gärten der Welt, Arena - Constanza Macras/ Dorky Park: "Stages of Crises"

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Der Tanz im August, das Internationale Tanzfestival Berlin weicht in diesem Jahr in verschiedene Outdoor-Spielstätten aus – so auch in die Arena in den Gärten der Welt in Berlin-Marzahn. Dort hatte gestern Abend das neue Stück der Berliner Choreographin Constanza Macras Premiere "Stages of Crisis".

Diese Arena, für das Tanzfestival ein pandemiebedingter Not-Ort, ist eine hübsche weitläufige Betonschüssel. Man sitzt jedoch ziemlich weit weg von der Bühne, auf der mit großer Geste gespielt werden muss, damit das auch in der Entfernung noch zu sehen ist. Insofern passt das krachige Macras-Theater hierher.

Zudem ist "Stages of Crisis" die Bühnenversion ihrer Wald-Choreographie "Forest" von 2013, dem vielstündigen Parcours durch den Müggelwald. Und auf schräge Weise passt die bis auf den letzten Grashalm domestizierte künstliche Natur der Gärten der Welt zu diesem Stück, in dem sich Constanza Macras u.a. über die deutsche Romantik und die Wald-und-Natur-Sehnsucht der Deutschen und über die Landlebenflucht heutiger Großstädter lustig macht.

Constanza Macras/ Dorky Park: "Stages of Crises" © Thomas Aurin
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Nonsens-Märchen – ein verschnupftes Schneewittchen

So lässt sie ihre tolldreist überdrehten Tänzerinnen und Tänzer möglichst schräg und falsch romantische Kunstlieder singen und Nonsens-Märchen erzählen - die Gebrüder Grimm auf Kokain gewissermaßen. Wie in der Geschichte vom Mädchen, das sich von der Bank zu Krediten überreden lässt, ein Partygirl-Leben führt und so viel kokst, dass alle es nur noch Schneewittchen nennen. Das Mädchen landet völlig verschuldet, verarmt und auf Psychopharmaka im Wald und will nichts von den Krisen der Welt hören, will nur schlafen. Diese absurden Geschichten, abgeleitet von deutschen Märchen sind ein Highlight des Abends, in dem Constanta Macras alle möglichen Themen zusammenrührt.

Kruder Themenmix

Das Ganze spielt nach einer Apokalypse vor der Kulisse eines geplünderten kleinen Supermarktes. Die Stadt ist untergegangen, das Stadt-Theater geschlossen, ein paar Schauspieler und Tänzer tummeln sich noch im Wald, wohin es auch den früheren Jazzlehrer des Königs verschlägt, der entlassen wurde, weil er sich verletzt hatte und der nun zu einer Art Waldguru mutiert und mit Fuchs, Vogel und Skorpion eine artenübergreifende neue Lebensform gründen will, denn das Zeitalter des Menschen, das Anthropozän ist vorbei, wie uns die Vögel gerade erklärt haben.

Wer die Zusammenhänge von alldem nicht verstanden hat, hat dennoch richtig gelesen, denn so geht es in diesem Stück zu.

Nur einzelne Szenen ergeben für sich genommen Sinn

Hier wird alles wird zusammengerührt: Kritik an Kapitalismus und Konsumverhalten, die ökonomische und ökologische Krise und die Krise des Theaters und ein bisschen Semiologie, ein Traktat über Bilder und Abbilder und Bedeutungszuordnungen gibt es auch.

Constanza Macras verquirlt hier alles mögliche und nur einzelne Szenen ergeben für sich genommen Sinn, das Ganze in einen Sinnzusammenhang bekommen zu wollen, ist ein nutzloses Unterfangen.

Constanza Macras/ Dorky Park: "Stages of Crises" © Thomas Aurin
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Theater nur ein Produkt auf einem Markt

Immerhin sind einige Szenen grandios, wie die Persiflage auf das Berliner Theatertreffen, das hier stellvertretend für die Krise des Theaters allgemein aufgespießt wird. Das Theatertreffen sei eine "Mikrowelt des Prestiges" heißt es hier, das Theater letztlich auch nur ein Produkt auf einem Markt und sie wurde schon wieder nicht eingeladen, niemand interessiere sich für ihr Stück. Das ist der selbstironische, selbstreflexive Macras-Humor, der so manche krude Geschichte dann doch wieder amüsant macht.

"Greatest Supermarket Hits of all Times"

Die Tänzerinnen und Tänzer geben hier alles. Sie präsentieren schreiend, kreischend, flüsternd die Geschichten und singen Popsongs wie in einer Karaokeshow, denn im geplünderten Supermarkt wurde eine CD mit den "Greatest Supermarket Hits of all Times" gefunden. Und sie stürzen sich wagemutig ins körpergefährdende chaotische Getümmel, ins Toben, Schleudern, Wirbeln und Gliederwerfen, in Zusammenbrüche und Stürze. Das ist mitunter wahnwitzig und sieht mitunter nach einer Parodie des eigenen Macras-Tanztheaters aus.

Desillusionierung

Dieser Abend hinterlässt insgesamt trotz einiger grandioser Unterhaltungsshow-Effekte einen bitteren Nachgeschmack. Überall ist Zerfall, alles geht zugrunde, Hoffnung ist nicht in Sicht, außer vielleicht in einer Anarchie der Künste.

Ein Eindruck von der Online-Stream-Vorab-Premiere Anfang Mai aus dem Hebbel am Ufer hat sich bei dieser Bühnenpremiere am nicht ganz geeigneten Ort noch verstärkt: der Eindruck einer Desillusionierung. Dieses Stück ist mit seinem wilden Themenmix trotz aller Komik recht düster, von gallig-bitter-trauriger Ironie und Parodie getränkt.

Ein Macras-typischer Theater-Chaos-Donner, der nur teilweise überzeugt.

Frank Schmid, rbbKultur

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