Tanz im August: "Underdogs" v. Anne Nguyen © Patrick Berger
Tanz im August: Underdogs © Patrick Berger
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Tanz im August | Freilichtbühne Weißensee - Anne Nguyen: "Underdogs"

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Der Tanz im August ist eröffnet, das Internationale Tanzfest Berlin. Nachdem das Festival letztes Jahr fast vollständig ausgefallen ist, nur für kurze Zeit online präsent war, sind in diesem Jahr immerhin 14 Produktionen zu Gast, mehr als 70 Vorstellungen sollen stattfinden, drinnen wie draußen. Zur Eröffnung gab es gestern mehrere Premieren, u.a. in der Freilichtbühne Weißensee. Dort wurde als deutsche Erstaufführung die Choreografie "Underdogs" von Anne Nguyen gezeigt.

Eine Premiere im doppelten Sinne, denn die hübsche, kleine Freilichtbühne Weißensee, wie ein Amphitheater im Wald, ist zum ersten Mal Spielstätte für das Festival. Sie ist eine von vier Outdoor-Spielstätten in diesem Jahr – die Pandemie macht‘s nötig und das Wetter hoffentlich möglich.

Gestern Abend hat es nur vor und nach der Vorstellung geregnet, sonst hätte wegen Verletzungsgefahr für die Tänzer auch abgebrochen werden müssen. Aber es war schon eine skurrile Szene: die Zuschauer*innen in Regenklamotten und mit den vorher verteilten Regenponchos aufgereiht auf nassen Bänken.

Anne Nguyen – schon zweimal zu Gast bei Tanz im August

Die französische Choreografin Anne Nguyen ist keine Unbekannte bei Tanz im August - sie war bereits zweimal zu Gast beim Tanzfest. 2011 mit ihrem Frauen-Duo "Yonder Woman", eine verspielt-ironische Superheldinnen-Geschichte, mit Comic-Charakter und mit viel Augenzwinkern präsentiert. Und 2019 mit "Kata", das war schon ernsthafter, eine Verbindung von Breakdance und Martial Arts, ein Kommentar auch zur Krieger- und Kämpfer-Attitüde im Breakdance, mit viel Dominanzgehabe und Rangeleien und auch viel Lust auf Spektakel.

Bei diesen beiden Vorgängerstücken waren Idee und Geschichte klar und eindeutig, was von "Underdogs" leider nicht zu sagen ist - hier bleibt unklar, was Anne Nguyen mit ihrem Trio erzählen möchte.

Keine "Underdogs"

Laut Ankündigung soll es um rebellierende Außenseiter*innen gehen, um Underdogs der Gesellschaft, was eine unmissverständliche Geschichte wäre. Die findet jedoch auf der Bühne so nicht statt.

Die drei Tänzer, zwei Männer, eine Frau, angenehmerweise ihren Zwanzigern schon lange entwachsen, tanzen wie in einer Revue. Es gibt Soul-Musik aus den 70ern bis zu Hip-Hop- und Rap-Musik der Gegenwart – die Musikstücke wirken willkürlich aneinandergereiht und so auch der Tanz. Anne Nguyen hat keine verbindende Storyline, sondern inszeniert kurze Szenen, die unverbunden bleiben.

Zu Beginn sind die drei noch ein nettes Trio, tanzen, wie um sich aufzulockern füreinander, eine tanzt, die anderen feuern an. Aus diesem harmlosen Geplänkel wird zwar nach und nach eine Geschichte der Gewalt – sie posieren, als hätten sie Gewehre oder Pistolen und als würden sie Steine werfen oder müssten sich schützen und es gibt auch eine Schlägerei in Zeitlupe - aber wer da warum gegen wen antritt, wie die Gewalt entsteht, bleibt offen.

Schlägerei in Zeitlupe

Etwa bei der Schlägerei in Zeitlupe mit Schlägen, Tritten und Stürzen – alles in zeitlupenhafter Bewegung. Erst sieht es so aus, als müsste einer den Beziehungsstreit eines Paares schlichten und würde dabei am meisten abbekommen, dann aber gehen alle aufeinander los, alle teilen gleichermaßen aus und müssen gleichermaßen einstecken – aber warum wird nicht klar.

Der Tanz ist eine Überraschung

Immerhin ist der Tanz eine Überraschung. Anne Nguyen, die aus dem Urban Dance, dem Breakdance kommt, lässt hier alle typischen Breakdance-Figuren weg. Die Überschläge, die Boden-Akrobatik oder die Powermoves, die rasenden Drehungen auf dem Kopf oder dem Rücken oder das Flanken mit gespreizten Beinen – alles fehlt.

Die drei zeigen vor allem das Locking, wilde Gestik mit Händen und Armen und das Popping, kurze ruckhafte Bewegungen, als würde die Bewegung stottern, eine mechanische Puppe nach jeder Bewegung kurz einrasten. Das trägt über die Dauer von 50 Minuten nicht wirklich.

Weit entfernt vom üblichen Breakdance

Anne Nguyen hat sich zwar angenehm weit entfernt vom herkömmlichen Breakdance. De mehrfache Battle-Of-The-Year-Gewinnerin und Weltmeisterin hat hier auch die übliche Battle- und Kreis-Struktur des Breakdance aufgelöst, lässt das Testosteron-Geschwängerte völlig außen vor und bei ihr sind tanzende Frauen immer absolut gleichberechtigt – aber hier kommt sie nicht auf den Punkt. Sie kann im Tanz auch mit der Trio-Struktur nichts anfangen und leider lässt sie die drei nicht ein einziges Mal so richtig von der Leine.

Dieses Auftaktstück des Tanzfestivals hat nicht überzeugt – der Tanz wirkt auf der großen Bühne und mit der weiten Entfernung zum Publikum recht verloren. Bleibt abzuwarten, wie der Tanz im August mit seiner pandemiebedingten Konzentration auf Berliner Tanzkünstlerinnen und -künstler weitergeht.

Frank Schmid, rbbKultur

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