Berlin Circus Festival 2021: Revue Regret; © Bernadette Fink
Bild: Bernadette Fink

Berlin Circus Festival 2021 | Tempelhofer Feld - Revue Regret: "dear doubts"

Bewertung:

Das Berlin Circus Festival hat lange Geduld haben müssen. Zwei Jahre, um genau zu sein. Da fand das letzte richtige Festival für zeitgenössischen Zirkus mit Publikum auf dem Tempelhofer Feld statt. Dazwischen: abwarten, absagen, umplanen, eine Online-Edition mit Künstlerresidenzen im letzten Winter. Doch nun können Zuschauer*innen wieder ins Zelt und auf das Festivalgelände.

Eine "Lite-Edition" nennen es die Macher*innen des Berlin Circus Festival - mit weniger Stücken, einem kleineren Zelt und weniger Menschen darin: nur 70 Zuschauer*innen pro Vorstellung. Auch das Festivalgelände mit Bar, Tischen und Stühlen, dem kleinem Springbrunnen, das als Begegnungsort vor und nach den Stücken so wichtig ist für dieses Festival, ist kleiner als sonst. Und so ist bei aller Freude über diesen Neuanfang auch etwas Melancholisches zu spüren.

Ein zarter Beginn, um dann im Winter wieder ein größeres Zirkusfestival zu wagen.

"dear doubts" - bereuen, zaudern und zweifeln

Das Stück am ersten Abend, "dear doubts" der deutsch-schwedischen Kompanie Revue Regret, passt gut zu diesem etwas zurückgenommenen Start. Es ist in der Zeit des kulturellen Corona-Stillstands entstanden und die zwei Artist*innen setzen sich darin mit dem Bereuen, dem Zaudern, dem Zweifeln auseinander. Passend zu dieser Zeit, wo alles anders war und ist, wir ständig umdenken und neu denken mussten und müssen - gerade in der Kunst. Eine melancholische, nachdenkliche Grundstimmung, die das ganze Stück durchzieht und sich auch in der Musik widerspiegelt.

Ein Stück wird getragen von diesem Nachdenken. Ganz absurd dabei: dieses Reflektieren übernimmt ein ausgestopfter Fuchs - als ein sehr regungsloser Erzähler, belehrend und mit monotoner Stimme. Er erklärt uns also im Prinzip die Welt – und das hat neben dem Erkenntnisgewinn auch etwas sehr Komisches.

Ein ständiges Hin und Her aus Ordnung und Chaos

Die beiden Artist*innen setzen diese Gedanken und Gefühle zum Bereuen in artistische Bilder um. Sie erzählen keine Geschichte, sondern assoziieren artistisch. So hängt der Artist Jakob Jacobsson um sein Seil gewunden in der Luft und blättert in Papieren, wirft sie wahllos herunter, lässt sie durch den Raum wirbeln, während er in selbst in Luft wirbelt, sich spreizt und dreht.

Am Boden versucht seine Partnerin Lisa Chudalla die Kontrolle über das Gedankenchaos zu bekommen, ordnet die Blätter, damit er sie wieder durcheinanderwirbelt. Ein ständiges Hin und Her aus Ordnung und Chaos. Bis sie ihn und die Blätter, alles Rückblicken, Zaudern, Zweifeln einfach in eine Kiste sperrt. Und da hält er es erstaunlich lange aus.

Ein passender Auftakt für den Neuanfang beim Berlin Circus Festival

Es ist ein kleines, nachdenkliches Stück, das sehr schöne Bilder findet. Die beiden sehr jungen Artist*innen berühren in ihrer Verletzlichkeit - eher leise und trotzdem immer wieder mit emotionaler Wucht. Manche Übergänge ziehen sich ein wenig in die Länge, etwas mehr Tempo, etwas mehr Fluss zwischen den einzelnen Szenen wäre sicher gut gewesen. Die Artist*innen von Revue Regret könnten auch noch wenig am schauspielerischen Ausdruck arbeiten. Die komischen und die tragischen Momente etwas ausreizen. Aber insgesamt ist dieser Auftakt sehr passend für diesen vorsichtigen Neuanfang beim Berlin Circus Festival.

Ein schöner Moment auch, wenn am Ende fast alle Zuschauer*innen der Aufforderung des ausgestopften Fuchses nachkommen und auf einen Zettel schreiben, was sie in ihrem Leben bereuen. Sie legen ihre dem Fuchs vertrauensvoll in seine leblosen Pfoten. Und dieser Moment hat etwas sehr Ernsthaftes und Berührendes: alle machen mit - ob Kind, Oma oder junge Erwachsene.

Frauke Thiele, rbbKultur

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