Berliner Ensemble "Sarah" © Matthias Horn
Matthias Horn
Bild: Matthias Horn Download (mp3, 5 MB)

Berliner Ensemble - "Sarah"

Bewertung:

In den Vereinigten Staaten haben die Bücher des 1978 geborenen Scott McClanahan fast schon Kult-Status. Mit ein paar Jahren Verspätung werden sie jetzt auch ins Deutsche übertragen, von keinem Geringeren als dem Sprachkünstler und diesjährigen Büchner-Preisträger Clemens Setz. Das weckt Interesse und Begehrlichkeit, auch bei Regisseur und Intendant Oliver Reese, der sich auf Bühnen-Fassungen von Roman-Vorlagen spezialisiert hat. Am Berliner Ensemble inszeniert er jetzt eine Theater-Version von Scott McClanahans "Sarah".

McClanahan schreibt schnoddrig und zugleich artifiziell, das Normale erscheint als etwas Besonderes, der banale Alltag dient als Folie für sozial-psychologische und gesellschafts-politische Erkenntnisse. In allen Romanen, auch in „Sarah“, ist der Ich-Erzähler Scott mehr oder weniger identisch mit dem Autor, der Material seiner Biografie ausbreitet, Erlebtes und Erfundenes miteinander vermischt und vom Leben am Rande der Gesellschaft erzählt, von Sonderlingen und Zurückgebliebenen, von Depression und Alkoholismus, von Waffennarren, Rassisten und typischen Trump-Wählern.

McClanahan beschreibt die bittere Wirklichkeit im ländlichen West-Virginia, dort ist er aufgewachsen, dort lebt er noch immer: Eine Welt aus Supermärkten und Highways, Hamburger-Läden und billigen Bruchbuden, Arbeitslosigkeit und Einsamkeit. In oft surrealen Szenen und wüsten Dialogen erzählt Scott immer am Rande der Peinlichkeit von intimen und privaten Details aus seinem Leben, von seiner verkorksten Jugend und von seiner Liebe zu Sarah, die er bereits als Kind kannte und irgendwann mit Anfang Zwanzig heiratete. Sie haben zwei Kinder, Iris und Sam, doch die Ehe zerbricht, weil Sarah es nicht mehr erträgt, ständig belogen und betrogen zu werden. Sie kann Scotts ständige Trunkenheit nicht mehr ertragen, seine seltsamen Freunde, seinen bizarren Humor, seine pornografischen Fantasien.

In einem literarischen Rausch plappert und plaudert, beichtet und berichtet Scott seine Verfehlungen, erzählt von seiner Scheidung, davon, dass er auch nach vielen Jahren Sarah nicht vergessen kann und sie noch immer abgöttisch liebt. Es ist eine rasante, fiebrige, verrückte, fantastische Ode auf die abwesende Sarah, die von Scott heraufbeschworen und herbeigesehnt wird.

Schauspiel- und Sprach-Kunst

Oliver Reese hat den manchmal etwas ausufernden Roman radikal von 206 auf 39 Seiten eindampft und es doch schafft, den Kern und das Wesen der abgrundtief traurigen und doch hanebüchen lustigen Liebesgeschichte herauszuschälen. Er verzichtet darauf, die filmreifen Handlungen und grotesken Dialoge des Romans auf mehrere Personen zu verteilen und in szenisches Spiel zu transformieren.

Reese vertraut ganz auf die Schauspiel- und Sprach-Kunst von Marc Oliver Schulze, der zu einem fast zweistündigen rhetorischen Dauer-Feuerwerk ansetzt und nur durch minimale Veränderungen in der Stimmlage, in Körperhaltung, Gestik und Mimik in jede von Scott herbei zitierte Person zu schlüpfen, uns in jede noch so abseitige und absurde Handlung hineinzuziehen und sie vor unserem inneren Auge zum Leben zu erwecken. Zum Beispiel wie der betrunken Auto fahrende Scott von einem Polizisten gestoppt wird; wie er mit seinem besten Kumpel in einem ranzigen Porno-Schuppen landet; wie er einen einäugigen, sabbernden Mops kauft; wie er Sarah bei der Geburt ihrer Kinder in den Kreißsaal begleitet und ihr hilft, die Wehen zu ertragen; wie er mit seinen kleinen Kindern spielt und um ihre Liebe buhlt; wie er von Sarah beschimpft wird, im Streit seinen Computer zerschlägt und zur Scheidung gedrängt wird; wie er frustriert die Ehe-Bibel verbrennt, in seinem Auto schläft und auf dem Parkplatz des Supermarkts kampiert; wie er sich genervt die Vorhaltungen seiner Eltern anhört; wie er Sarah mit ihrem neuen Liebhaber überrascht, ausrastet und dessen Auto bespuckt; wie er Sarah nach vielen Jahren endlich wieder sieht und dann doch nicht weiß, was er ihr sagen soll, außer dass er nicht kapieren kann, warum seine Leben und seine Ehe so kläglich scheitern mussten.

Ganz egal, welche Person gerade spricht und handelt: Marc Oliver Schulze erweckt sie alle zum Leben, man meint sie nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen: Dieser eine, sich um Kopf und Kragen redende und spielende Derwisch setzt ein Kopfkino in Gang setzt und lässt einen Film ablaufen, in dem sich alles um Sarah dreht, die abwesende große Liebe, ohne die das Leben nur noch aus Schmerz besteht, den man irgendwie ertragen, aber nie überwinden kann.

Ein berauschender Theaterabend

Zu Beginn steht Schulze ganz allein im verknitterten Smoking und verschwitzen Rüschen-Hemd im grellen Spotlight auf der dunklen Bühne, aber sie ist nicht leer: Wenn die Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt haben, erkennt man einen Kühlschrank, ein paar wacklige Stühle und speckige Pappkartons: er wird die Requisiten irgendwann noch brauchen und benutzen. Im Kühlschrank lagern seine Wasserflaschen und Bierdosen, deren Inhalt er gierig in sich hinein kippt, auch die ollen Alltagsklamotten, in die er sich zweitweise zwängt, liegen im Eisfach.

In den Kartons findet er allerlei Gerümpel und kaputte Spielsachen, die er verzweifelt und angewidert über den Bühnenboden kickt oder gegen die Wand wirft, weil sie ihn zu sehr an seine verlorenen Kinder und seine abwesende Sarah erinnern. Eine Sonnenbrille und eine Badehose werden ihm wie von Geisterhand gereicht, wenn er sich an einen schönen Strandurlaub mit seiner Kleinfamilie erinnert: Aber das ist alles nur beliebiges Beiwerk und überflüssiger Schnickschnack, auch die Musikfetzen, die gelegentlich im Hintergrund wabern und verwehen, sind nett anzuhören, aber auch durchaus überflüssig: Eigentlich braucht Schulze das gar nicht, um Liebe und Sehnsucht, Schmerz und Verzweiflung, das Sabbern des sterbenden Hundes, die Schreie seiner gebärenden Frau, die sinnlosen Saufereien und Selbstmordgedanken kenntlich und plausibel zu machen.

Es reicht völlig aus, mit den Augen zu rollen, den Mund zu verziehen, die Hände zu verknoten, den Körper zu verrenken, die Tonlage zu verändern, enthemmt zu quäken und entgrenzt zu quietschen, mal zu zetern, mal zu zittern: Vor uns steht Scott, ein narzisstisches Urviech, verdreckt, verlogen, verkommen, doch auch Mitleid erregend und ungemein sympathisch, ein Antiheld, der es schafft, der amerikanischen Tristesse zu trotzen und seinen Humor nicht zu verlieren: Marc Oliver Schulze schenkt uns einen bemerkenswerten und berauschenden Theaterabend.

Frank Dietschreit, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Oedipus: von Maja Zade; Regie: Thomas Ostermeier - Schaubühne am Lehniner Platz © Gianmarco Bresadola/Schaubühne am Lehniner Platz
Gianmarco Bresadola/Schaubühne am Lehniner Platz

Schaubühne am Lehniner Platz - "Ödipus" von Maja Zade

Mit der Inszenierung von Thomas Ostermeier kommt nun der vierte "Ödipus" innerhalb von vier Wochen in Berlin auf die Bühne. Für die Schaubühne hat Maja Zade den antiken Mythos in eine Unternehmerfamilie verlagert. Sie lotet in ihrem Stück aus, was es bedeutet, wenn nichts, was als sicher gilt, mehr Bestand hat.

Download (mp3, 3 MB)
Bewertung:
Volksbühne: "Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen" von René Pollesch; © Christian Thiel
Christian Thiel

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz - "Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen"

Lange Jahre war die Berliner Volksbühne das Zentrum der deutschen Bühnenavantgarde. Doch nachdem Frank Castorf von Bord gehen musste, verkam der Theatertanker zum Schlachtfeld der Kulturkämpfe. Auf den konzept- und glücklosen Chris Dercon folgte Interims-Intendant Klaus Dörr, der wegen "MeToo"-Vorwürfen vom Hof gejagt wurde. Von der Volksbühnen-Fangemeinde als Retter in der Not auserkoren, übernahm Dramatiker und Regisseur René Pollesch das Haus, an dem er einst seine größten Erfolge feierte. Den Neustart wagt Pollesch mit der Uraufführung seines Stückes "Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen".

Download (mp3, 5 MB)
Bewertung:
DT Box: Mercedes von Thomas Brasch – hier: Caner Sunar, Julia Windischbauer, Franziska Machens; Vorabfoto: © Arno Declair
Arno Declair

DT-Box - "Mercedes"

Sakko und Oi sind Zufallsbekannte. Sie ist eine Herumtreiberin und er ein Arbeitsloser. Und beide haben jede Menge Zeit. Doch wie soll man damit umgehen? "Mercedes" von Thomas Brasch wurde 1983 uraufgeführt und ist nun am Deutschen Theater in der Box zu sehen.

Download (mp3, 6 MB)
Bewertung: