Szenenbild aus: Fräulein Julie nach August Strindberg (Quelle: DT/Arno Declair)
Bild: DT/Arno Declair

Deutsches Theater | Kammerspiele - "Fräulein Julie"

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August Strindberg beschreibt in seinem Stück einen Machtkampf. Julie ist Tochter eines Grafen und begehrt ihren Diener Jean. Am Anfang kann sie ihm noch Befehle geben, doch als sie miteinander geschlafen haben, kehrt sich das Verhältnis um. Er nennt sie eine Hure und versucht, sie zu erpressen.

Timofej Kuljabin erzählt in seiner Inszenierung eine komplett andere Geschichte. Bei ihm geht es um Fremdbestimmtheit und Überwachung. Jean hat eine Kamera installiert, mit der er sein Treffen mit Julie heimlich filmt. Er handelt im Auftrag von Julies früheren Verehrer Thomas, der von ihr auf erniedrigende Weise abgewiesen wurde und sich nun rächen will. Diese Figur hat Kuljabin ins Stück eingefügt.

Große Zärtlichkeit

Wir blicken in eine Designerküche – noble Grautöne, gedämpftes Licht. In der Etage darüber ist der Raum sichtbar, in dem Thomas sitzt. Die Bilder der versteckten Kamera werden groß auf eine Leinwand übertragen. Julie befiehlt Jean auf die Knie zu gehen und ihr die Füße zu küssen. Doch da Jean sich bewusst tollpatschig anstellt, wird keine Verführung daraus. Das Spiel driftet ins Komödiantische ab, bis Jean die Sicherungen durchbrennen. Er fällt über Julie her, sie gibt sich hin und auf einmal erfüllt große Zärtlichkeit die Bühne. Er stellt die Kamera ab und schmiedet mit ihr Fluchtpläne. In den Süden will er mit ihr gehen und ein Hotel eröffnen.

Deutsches Theater: Fräulein Julie © Arno Declair
Bild: Deutsches Theater/Arno Declair

Außer Kontrolle

Doch als die Frage aufkommt, wer das alles bezahlen soll, verfliegt die Romantik. Julie behauptet, kein Geld zu haben, Jean reagiert genervt. Es hagelt Beleidigungen und am Ende steckt Jean Julies geliebten Zeisig in einen Mixer. Das ist so brutal, dass es schon wieder komisch ist.

Doch Timofej Kuljabin und seinem grandiosen Ensemble gelingt es, die Schraube immer noch weiter zu drehen – immer neue Wendungen, immer neue Komik, immer neuer Schmerz. Vor allem Linn Reusse als Julie ist überragend – erst ist sie die verwöhnte Millionärstochter mit Machtgelüsten, dann eine verwundete Seele, die keinen Ausweg mehr sieht. Felix Goeser als Jean hingegen ist hinreißend komisch, immerzu überfordert von der sich rasant verändernden Situation.

In dieser Inszenierung ist niemand Herr der Lage. Das ist das eigentliche Thema. Eine Intrige wird eingefädelt, gerät aber trotz permanenter Kameraüberwachung außer Kontrolle. Die Figuren balancieren am Rande eines Abgrunds und es ist nicht klar, ob sie abstürzen werden.

Eine erfrischend neue Sicht auf einen viel gespielten Klassiker.

Oliver Kranz, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Starker Wind von Jon Fosse Regie: Jossi Wieler Bühne & Kostüme: Teresa Vergho Musik: Michael Verhovec Dramaturgie: John von Düffel Auf dem Bild: Max Simonischek, Maren Eggert, Bernd Moss. (Quelle: Arno Declair)
Arno Declair

Deutsches Theater | Kammerspiele - "Starker Wind" von Jon Fosse

Der Autor Jon Fosse wird gern als der "norwegische Beckett" bezeichnet. Das Wichtigste bleibt unsagbar und steht zwischen den Zeilen. Anfang der 2000er war Fosse einer der weltweit meistgespielten Dramatiker – nach 30 Theaterstücken zog er sich dann aber in die Prosa zurück. Bis dann 2020 ein neuer Monolog für die Bühne erschienen ist, für den er in Norwegen prompt mit dem renommierten Ibsen-Preis ausgezeichnet wurde. Jetzt ist er auch hierzulande mit einem neuen Stück zurück: Das Deutsche Theater in Berlin zeigt die deutschsprachige Erstaufführung von "Starker Wind".

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