Deutsches Theater: Oedipus – hier: Linda Pöppel, Toni Jessen, Yannik Stöbener, Kathleen Morgeneyer, Manuel Harder; © Arno Declair
Arno Declair
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Deutsches Theater - "Oedipus"

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Wenn die Inszenierungen von Ulrich Rasche beschrieben werden, ist oft von Monumental- oder Maschinentheater die Rede. Der Regisseur liebt Chöre, die er meist auf Laufbänder oder riesige Drehscheiben stellt. Nun hat er am Deutschen Theater in Berlin "Oedipus" von Sophokles inszeniert – und sein Konzept verfeinert.

Auch diesmal wird rhythmisch gesprochen und die Drehbühne rotiert, aber es gibt keine großen Maschinen. In früheren Inszenierungen hat Rasche riesige Apparaturen auf die Bühne gestellt – die Schauspieler wirkten wie Rädchen in großen Getrieben. Im Deutschen Theater hingegen liegt der Fokus ganz auf den einzelnen Akteuren. Selbst der Chor – der bei einer antiken Tragödie ja gesetzt ist – kommt nicht als Masse daher, sondern besteht aus Individuen (zwei Männern und einer Frau), die meist einzeln sprechen.

Und das mit Druck: Das Volk klagt über die Pest und Oedipus als König muss Abhilfe schaffen. Das Orakel von Delphi erklärt, dass ein ungesühnter Mord die Ursache der Seuche sei. Der frühere König ist auf einer Reise erschlagen worden und Oedipus gelobt, den Täter zu finden. Er ahnt nicht, dass er es selbst ist.

Seinem Schicksal kann man nicht entfliehen

Der antike Mythos erzählt, dass der Mensch seinem Schicksal nicht entfliehen kann. Das Orakel hatte Oedipus zuvor nämlich genau das prophezeit: Er werde seinen Vater töten und seine Mutter heiraten. Doch er ging davon aus, dass seine Pflegeeltern gemeint waren. Seine leiblichen Eltern kannte er nicht. Er wird also schuldig, ohne es zu wissen.

Das Stück erzählt wie die Wahrheit ans Licht kommt, aber auch über Politik: Oedipus muss sich als Herrscher profilieren. Er muss die Seuche bekämpfen oder zumindest einen Schuldigen präsentieren – einen Sündenbock. Als sich andeutet, dass er selbst der Mörder ist, betrachtet er das als Intrige. Er beschimpft den Seher Teiresias und seinen Schwager Kreon, von dem er annimmt, dass er die Herrschaft übernehmen will. Erst ganz am Schluss zieht er die Konsequenzen.

Szene aus dem Oedipus am Deutschen Theater
Bild: Arno Declair

Einfache, aber kraftvolle Zeichen

Das Stück ließe sich leicht ins Heute holen. Doch genau das tut Rasche nicht. Er setzt auf Abstraktion. Die Bühne ist leer und dunkel, oben schweben Kreise aus Leuchtstoffröhren, die ihre Farbe ändern können – von weiß zu blau zu blutig rot. Manchmal schweben sie auch auf die Bühne herab und umschließen die Darsteller. Alle tragen schwarze, lange Gewänder, die keiner bestimmten Epoche zuzuordnen sind. Selbst die Sprache wirkt fremd.

Rasche nutzt eine Übersetzung von Hölderlin, die poetisch klingt, aber auch rätselhaft. Der Sinn der einzelnen Sätze lässt sich nicht immer verstehen. Aber das ist auch nicht nötig, denn die Inszenierung erzeugt schon von sich aus einen Sog. Es wird rhythmisch gesprochen, genau in dem Tempo, in dem die Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Drehbühne ihre Schritte setzen.

Alles ist synchronisiert – Bewegung, Sprache, Licht und Musik. Das hat eine ungeheure Kraft – zumal Rasche den Rhythmus nicht monoton durchlaufen lässt, sondern immer wieder Akzente setzt. Wenn Oedipus den Mörder des früheren Königs mit einem Fluch belegt, ertönen dumpfe Trommelschläge. Sie gehen durch und durch. Nach der Weissagung des Sehers beginnt die Musik zu jaulen und einer der Neonkreise, die über den Darstellern schweben, färbt sich orange. Das sind einfache, aber sehr kraftvolle Zeichen. Man spürt, wie das Unheil aufzieht und Oedipus mehr und mehr den Boden unter den Füßen verliert.

Eine bildstarke und mitreißende Inszenierung

Für die Darstellerinnen und Darsteller besteht die Herausforderung darin, sich im Takt zu bewegen, ohne dass es mechanisch wird. Das fängt mit dem Chor an, in dem jede und jeder einzelne mit einer eigenen Haltung auftritt und es hört mit Oedipus auf, der erst als besorgter Staatsmann erscheint, dann als aufbrausender Machtmensch und am Ende hilflos über die Bühne wankt. Manuel Harder macht das ganz wunderbar – mal mit rasselndem Pathos, mal ganz leise und schlicht.

Und auch Kathleen Morgeneyer muss erwähnt werden, die den Seher Teiresias spielt. Das Entsetzen über die Weissagung, die von ihr erwartet wird, steht ihr ins Gesicht geschrieben. Sie will Oedipus schonen. Erst als er sie unter Druck setzt, schleudert sie alles heraus. So werden im rauschhaften Bühnengeschehen Geschichten sichtbar – das Individuelle innerhalb der strengen Form.

Der Abend dauert drei Stunden, doch die Zeit vergeht wie im Flug. Ulrich Rasche ist eine bildstarke und mitreißende Inszenierung gelungen.

Oliver Kranz, rbbKultur

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