Gorki: Streulicht © Ute Langkafel
Ute Langkafel
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Gorki Theater - "Streulicht"

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Im letzten Jahr erschien Deniz Ohdes Debütroman "Streulicht". Darin erzählt sie von einer jungen Frau, die zurückkehrt an ihren Geburtsort und sich auf Spurensuche nach ihrer Herkunft begibt. Der Regisseur Nurkan Erpulat hat den Roman nun am Gorki Theater inszeniert.

Deniz Ohde, 1988 in Frankfurt am Main als Tochter einer türkischen Mutter und eines deutschen Vaters geboren, ist eine der aufregendsten Stimmen der neuen deutschen Literatur. Mit ihrem Debüt-Roman "Streulicht" kam die junge Autorin, die in Leipzig Germanistik studierte und dort inzwischen beheimatet ist, sofort auf die Short-List des Deutschen Buchpreises, erhielt den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung und den "aspekte"-Literaturpreis 2020. Jetzt inszeniert Nurkan Erpulat eine Bühnenfassung des Romans im Container des Maxim-Gorki-Theaters.

"Streulicht" ist das Licht, das durch kleine Teilchen, durch Nebel, Staub und Dreck von seiner ursprünglichen Richtung abgelenkt wird: für die Ich-Erzählerin, die nicht mit der Autorin identisch sein muss, aber doch viele biografische Gemeinsamkeiten aufweist, das Licht, das der alte Industriepark in den Himmel schickt. In der kaputten Gegend ist sie aufgewachsen, hier hat ihr Vater im Chemiewerk geschuftet. "Streulicht" ist ein diffuses, unwirkliches Licht, das alles ein bisschen vernebelt. Es steht dafür, dass der Ich-Erzählerin vorgeworfen wurde, sie würde ihr Licht unter den Scheffel stellen, sich klein machen und weg ducken, am liebsten unsichtbar sein. Um die Benachteiligungen abzuschütteln, die sie als Arbeiterkind erfuhr, um sich vom Außenseitertum wegen ihres türkischen Hintergrunds zu befreien, hat sie vor einigen Jahren ihre Familie verlassen, auswärts studiert, sich neu erfunden und kehrt nun an den Ort ihrer traumatischen Herkunft zurück. Denn ihre damals besten Freunde, Pikka und Sophia, die immer hier im Arbeiter-Milieu, dem Industriepark und der verfaulten Luft geblieben sind, haben die Erzählerin zur Hochzeit eingeladen: Es wird für sie eine Reise in die Abgründe ihrer verdrängten Erlebnisse und Erinnerungen.

Sie denkt an die abweisende Mutter, die sich weigerte, mit ihrer Tochter Türkisch zu sprechen, vor Kummer und Heimweh immer dünner wurde und starb - und die Tochter allein ließ mit ihrem schweigsamen Vater. Sie erinnert sich an die Demütigungen und Beleidigungen, die sie als Migranten-Tochter in der Schule ertragen musste, wie sie sich mit Hilfe von Bildung der sozialen Misere entgegenstemmte. Mit Pikka und Sophia läuft sie jetzt noch einmal durch die Schauplätze ihrer Kindheit, versucht noch einmal mit ihrem verbitterten Vater ins Gespräch zu kommen, beschreibt nüchtern, unsentimental und detailliert all das Hoffnungslose, die abgestandenen Gerüche und verzerrten Töne: Es ist ein atmosphärisch dichter Bericht darüber, wie wir fühlen, schmecken, riechen und hören und wie diese Sinnes-Wahrnehmungen unsere Kindheit und unser ganzes späteres Leben und unsere Erinnerung für immer prägt.

Nurkan Erpulat, Regisseur am Gorki Theater; Foto: Carsten Kampf

Sinnlichkeit, Schönheit und Hässlichkeit kommen zu kurz

Nurkan Erpulat blendet diesen Aspekt der Erzählung zwar nicht ganz aus, aber er hält ihn klein: für ihn ist es eine Geschichte über Ungleichheit und Rassismus, eine Coming-out-Story über das Aufwachen und den Aufbruch in andere Verhältnisse. Deshalb dampft er die Romanvorlage stark ein, seine Text-Fassung hat nur 46 luftige, der Roman dagegen 288 voll beschriebene Seiten. Alles, was die Erzählerin im Roman erlebt, erinnert, beschreibt, verteilt Erpulat auf drei Schauspieler:innen, Aysima Ergün, Çiğdem Teke und Wojo van Brouwer. Sie sprechen und spielen im Chor und auch mal Solo, sie tänzeln und singen, lächeln süffisant, grölen verzweifelt in ihrer geklonten Verdreifachung und in ihrem verdreifachten, scheußlich-sportlichen Outfit, alle sind mal Ich-Erzählerin, mal Vater, mal Mutter, mal Pikka, mal Sophia, mal Lehrerin. Sie drücken verdreifacht die Schulbank, verdreifacht lernen sie englische Vokabeln, verdreifacht denken sie über den Begriff der "Identität" nach und fragen sich verdreifacht gebetsmühlenartig: "Wer bin ich?"

Die sinnliche Seite, der Vollmond hinter den Schloten, die Schönheit des Hässlichen kommt dabei zu kurz. Wo unerträgliches Schweigen herrschen müsste, wird lauthals gestritten, wo die Enge erdrückend sein müsste, wird robust ein Weg ins Freie gesucht. Es gibt in der anderthalbstündigen Inszenierung keinen stillen Moment, in dem der Schmerz spürbar und die Erinnerung fast unerträglich wird. Erpulat will eine Geschichte über Ungleichheit, Diskriminierung und Rassismus erzählen: Aber wo bleibt dabei der Dreck der Schlote und der Gestank der Kloake, den man zeitlebens nicht aus der Nase bekommt?

Überflüssige Literatur-Vernichtung

Der vergammelte Industriepark und das diffuse Streulicht, durch den die heimkehrende Erzählerin taumelt, ist auf der Bühne nicht sichtbar und spürbar. Alles spielt sich im künstlichen Irgendwo, im sterilen Überall ab. Weiße Stellwände werden hin und her geschoben, um neue Fantasieräume zu schaffen, auf die Wände werden ständig neue Fotos und Zeichnungen projiziert, Bilder von Anschlägen auf Ausländer, Polizeiübergriffe, fremdenfeindlicher Hass und Terror. Stühle und Tische, an denen Schulunterricht als Übung in Disziplin und Unterwerfung vorgeführt wird, werden rein und rausgetragen, es gibt choreographierte Tanz- und Gesangseinlagen, Pop-Musik plätschert aus dem Off, ständig ist Bewegung und Hektik, aber eigentlich passiert rein gar nichts, außer dass drei geklonte Figuren sich durch einen sensiblen Text kämpfen, ihn verwursten und veralbern: nichts als rasender Stillstand, absoluter Leerlauf, sinnfreie Regie-Einfälle. Wir werden Zeuge, wie ein ganz großer Text zu einer ganz kleinen Inszenierung verkommt.

Dem auf Unterhaltung abonnierten Premieren-Publikum konnte das den Spaß aber nicht nehmen, es lachte ausgiebig und applaudierte kräftig. Die Autorin, die beim Schlussapplaus vom Regisseur auf die Bühne gezerrt wurde, machte gute Miene zum schlechten Spiel und lächelte freundlich: Glücklich kann sie aber nicht gewesen sein darüber, wie ihr sprachmächtiger Roman theatralisch gehäckselt und geschreddert wurde. Ein klarer Fall von überflüssiger Literatur-Vernichtung.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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