Schaubühne: (Kein) Weltuntergang – mit Alina Vimbai Strähler; © Gianmarco Bresadola
Gianmarco Bresadola
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Schaubühne am Lehniner Platz - "(Kein) Weltuntergang"

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"Kein Weltuntergang", so heißt der neue Text der jungen britischen Dramatikerin Chris Bush, in dem sich alles um die Klimakrise dreht. Katie Mitchell hat das Stück nun an der Schaubühne inszeniert.

Die Inszenierungen der englischen Regisseurin Katie Mitchell gleichen multimedialen Performances. Oft umkreisen mehrere Kameras das Geschehen, die Bilder werden in Echtzeit verarbeitet und auf eine Leinwand projiziert: Das Publikum erlebt, wie aus einem Theaterstück ein Film entsteht. Jetzt bringt die einstige Hausregisseurin der Royal Shakespeare Company an der Berliner Schaubühnen ein Stück der preisgekrönten britischen Dramatikerin Chris Bush zur Uraufführung: Es trägt den Titel "(Kein) Weltuntergang", und damit beginnt das große Spiel der Fragen. Denn das Wort "Kein" ist durchgestrichen.

Der Klimawandel schreitet unaufhaltsam voran und wird in der finalen Katastrophe für Mensch und Natur enden, wenn wir nicht endlich anfangen, die Treibhaus-Emissionen radikal herunterzufahren, die Erderwärmung sofort zu stoppen, die ehrgeizigen Klima-Ziele nicht nur lauthals zu verkünden, sondern sie auch praktisch umzusetzen. Manche, wie Schriftsteller Jonathan Franzen, meinen, wir haben es vergeigt und können jetzt nur noch die ärgsten Schäden eindämmen und das Überleben erträglich gestalten. Andere, wie Krimi-Autorin Fred Vargas, schreiben flammende Appelle, appellieren an die Vernunft und machen Vorschläge, wie jeder einzelne durch Konsumverzicht und einen radikal anderen Lebensstil etwas zum Guten bewirken kann.

Die englische Dramatikerin Chris Bush greift widersprüchliche Sichtweisen und Deutungen auf, schlägt Schneisen durch das Dickicht der hyperventilierenden Debatte, in der man die Wahrheit kaum noch von der Lüge unterscheiden kann. Der vermeintliche "Weltuntergang" wird - je nach Perspektive, Hautfarbe, sozialer und kultureller Herkunft - anders gesehen und gedeutet: Im Stück werden die Positionen kritisch befragt, wer sie vertritt und wem sie dienen, und was die Apokalypse mit der Klassenfrage, dem Kolonialismus und dem Patriarchat zu tun hat. So entsteht ein vielstimmiger Chor aus vielen verschiedenen Erzählungen, die jeder Zuschauer selbst entziffern und bewerten muss.

Waghalsige Exkursion in die Abgründe der Klimapolitik

Zwei starke Frauen mit verschiedenen Ansichten und Absichten spielen ihre Positionen in diversen Variationen durch: Dr. Anna Vogel (als nervöses Energiebündel gespielt von Alina Vimbai Strähler) bewirbt sich um eine Stelle bei der angesehenen Klimaforscherin Professor Uta Oberdorf (mit herablassender Arroganz verkörpert von Jule Böwe). Wie in der Chaos-Theorie durch minimale Veränderungen eines Details, zum Beispiel dem Flügelschlag eines Schmetterlings, alles radikal anders wird und aus einem lauen Lüftchen tausende Kilometer entfernt ein tosender Sturm wird, verändern sich auch die Meinungen und Macht-Hierarchien der Wissenschaftlerinnen in dem Gespräch, das immer wieder mit neuen Argumenten gefüttert wird. Aus dem mit Verstellung und Verwandlung geführten Lehrstück über Spielarten der Kommunikation wird eine waghalsige Exkursion in die Abgründe der Klimapolitik. Die beiden Forscherinnen versuchen, sich zu beeindrucken und zu erniedrigen, kämpfen um Deutungshoheit und Kompetenz, streiten darum, welche Opfer jeder einzelne bringen muss, um den Klimawandel aufzuhalten, uralte Bäume und orientierungslose Eisbären zu retten, ob Widerstand möglich und Terror sinnvoll wäre.

Während die beiden ihre Schlammschlachten ausfechten, lösen sich Zeit und Raum auf: eine trauende Frau in schwarz (mit stoischer Ruhe gespielt von Veronika Bachfischer) schleppt eine Urne und Blumen auf die Bühne, hält eine Rede auf die unter mysteriösen Umständen Verstorbenen, setzt an zu einer Hymne auf ihre Forschungen und fordert uns alle eindringlich auf, in ihrem Geiste weiterzumachen. Auch die Trauerfeier wird mehrfach leicht variiert durchbuchstabiert und zugespitzt. Zusätzlich mischt sich gelegentlich eine neugierige Frau ins Geschehen ein (ebenfalls von Jule Böwe verkörpert, aber jetzt mit zeternd-zickigem Unterton), sie will genauer wissen, woran die beiden Forscherinnen gearbeitet und wie sie gestorben sind: Alles ziemlich kompliziert und manchmal auch ein bisschen unübersichtlich.

Schaubühne: (Kein) Weltuntergang – mit Veronika Bachfischer, Jule Böwe und Alina Vimbai Strähler; © Gianmarco Bresadola
Bild: Gianmarco Bresadola

Bilder in Echtzeit

Katie Mitchell verzichtet diesmal auf Kameras und Video-Bilder, die herbei zitierte Klimakatastrophe findet nur in unserem Kopf-Kino statt, einerseits. Andererseits bewegen sich alle Figuren so abgehackt, als würden sie im Schneideraum eines Filmstudios immer wieder hin und her gespult werden, rückwärts staksen sie zur Tür, durch die sie dann wieder staksend auf die Bühne stolpern. Das ist oft nervig und manchmal komisch, aber wenn man genau hinschaut, verdichtet sich das Geschehen, werden die Bewegungen gefiltert, die herauf beschworenen Bilder treffender, die geführten Debatten konzentrierter, die ausgetauschten Argumente klarer. Die Inszenierung zerlegt den disparaten Text in unzählige Film-Szenen, die geschnitten und montiert werden, das ist befremdlich, aber auch ungemein spannend: Jetzt müsste sich Katie Mitchell sich nur noch einmal in den Regieraum setzen und aus den fertig geschnittenen Sequenzen den finalen Film machen. Aber das wäre dann eine andere, neue Inszenierung.

Klimaneutral

Die Inszenierung selbst legt großen Wert darauf, Ressourcen zu schonen und klimaneutral zu bleiben. Auf der weitestgehend leeren Bühne sind nur ein paar Utensilien - zwei Stühle, ein paar Blumen, eine Urne aus natürlichen Stoffen - die man recyceln kann. Der Strom für das Mikrofon, in das die Trauernde ihre Rede flüstert, der Strom für die zitternden Lichtreflexe und für die sirrenden Töne, mit denen das Vor- und Zurück-Spulen der filmischen Spielsequenzen begleitet wird: der Strom wird live auf der Bühne von drei Fahrradfahrerinnen erzeugt, die 90 Minuten lang ununterbrochen in die Pedale treten und schwitzend ihre Theatertauglichkeit unter Beweis stellen müssen. Ein kurioser und befreiender Gegensatz zur gelegentlich niederschmetternden Gedankenschwere des Abends. Das Theater verlässt man nicht gänzlich hoffnungslos, der Weltuntergang kann gern noch ein bisschen warten.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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Arno Declair

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Der Autor Jon Fosse wird gern als der "norwegische Beckett" bezeichnet. Das Wichtigste bleibt unsagbar und steht zwischen den Zeilen. Anfang der 2000er war Fosse einer der weltweit meistgespielten Dramatiker – nach 30 Theaterstücken zog er sich dann aber in die Prosa zurück. Bis dann 2020 ein neuer Monolog für die Bühne erschienen ist, für den er in Norwegen prompt mit dem renommierten Ibsen-Preis ausgezeichnet wurde. Jetzt ist er auch hierzulande mit einem neuen Stück zurück: Das Deutsche Theater in Berlin zeigt die deutschsprachige Erstaufführung von "Starker Wind".

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