Gorki Theater: Still Life © Ute Langkafel MAIFOTO
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Maxim Gorki Theater - "Still Life"

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Die polnische Sängerin, Autorin und Regisseurin Marta Górnicka arbeitet fast immer mit Chören. In Warschau gründete sie den "Chorus of Women", am Berliner Maxim Gorki Theater das "Political Voice Institute", eine Akademie zur Erprobung neuer chorischer Formen. Zum Tag der Deutschen Einheit inszenierte sie 2018 vor dem Brandenburger Tor eine Chor-Performance zum Grundgesetz. Jetzt hat sie ein neues Stück am Maxim Gorki Theater inszeniert: "Still Life - A Chorus For Animals, People And All Others Lives".

"Still Life" ist ein politisches Manifest und Pamphlet, ein vielstimmiger, manchmal gesungener, manchmal geschriener, manchmal verzweifelter Versuch, der Klimakatastrophe und Naturzerstörung, dem Aussterben der Tiere und der auf Ungleichheit, Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt basierenden Weltordnung die Leviten zu lesen und den Kampf anzusagen.

Ein "chorisches Manifest"

Die Autorin hat alles gelesen, was in Sachen Kapitalismuskritik und Kolonialgeschichte angesagt ist: Giorgio Agamben und Judith Butler, Jacques Derrida und Donna Haraway. Es geht um alles - und damit leider um nichts. Gefordert wird ein radikales Umdenken in Zeiten der Pandemie, neue Formen des Arbeitens, Lebens, Wirtschaftens, Denkens: hehre Ziele, keine Frage.

In der PR-Prosa des Theaters liest sich das reichlich verquast: "Demokratische Gesellschaften", heißt es, "beruhen auf Ausgrenzung, Kontrolle und Ausbeutung von als überflüssig geltenden Existenzen. Grenzen, Mauern, Lager und digitale Identifikationstechniken garantieren ein sorgenfreies Leben."

Politisch ausgewachsener Blödsinn. Es wird auch nicht besser, wenn Marta Górnicka meint: "Still Life" soll "ein chorisches Manifest einer neuen Gesellschaft" sein, ein "grenzüberschreitendes Lied, um die allgegenwärtigen Mechanismen der Gewalt offenzulegen, die in wiederkehrenden Genoziden gipfeln", der Chor soll die Frage stellen, ob und wie die "Lebenden und die Toten, Menschen und Tiere, Pflanzen, Bakterien und Viren im Zeitalter der Massenepedemie und Massendigitalisierung Verbindungen neu eingehen und Überlebensstrategien schaffen können."

Ziemlich starker Tobak - eigentlich schon von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Rhetorische Dauer-Kanonade

Damit kein Zweifel aufkommt, das die Welt im Argen liegt und eine radikale Umkehr vonnöten ist, beginnt der Chor mit einem Manifest für eine neue Gesellschaft, einer Phrasen-Collage, bei der sich im Laufe der Intonation immer mehr Stimmen einklinken und überlagern. Es beginnt so:

"WE MUST INVENT EVERYTHING ANEW, STARTING FROM THE COMMUNITY. NOTHING IS MORE URGENT TODAY, IN THIS CRITICAL SITUATION. WE MUST RE-INVENT SOCIETY. WE MUST RE-INVENT THE WHOLE WORLD! AND WE NEED TO DO IT NOW!NOTHING CAN BE AS USUAL. NOTHING CAN BE LIKE IT WAS IN THE BEGINNING. NOTHING CAN ALWAYS BE THE SAME. WE NEED A NEW WAY OF LIFE TOGETHER. A WORLD OF RADICAL EQUALITY. A WORLD OF RADICAL IMAGINATION."

Das geht noch eine Weile so weiter, immer mehr Stimmen klinken sich ein, es endet mit einem lauten "TOGETHER", das gleich 24 Mal wiederholt wird und in einem infernalischen Geräusch kulminiert: Der Anfang einer 60-minütigen rhetorischen Dauer-Kanonade mit eingestreutem, ironischem Songmaterial.

Intellektuell anregend - oft aber nur gedanklicher Quark

Nach dem "Manifest" für eine neue Gesellschaft steigt der Chor tief in die Geschichte der Unterdrückung und Zerstörung ein, fingiert eine "Liveübertragung" aus dem Berliner Museum für Naturkunde, will demonstrieren, wie Artefakte geraubt und verkauft, Tiere und Menschen präpariert und ausgestellt werden. In einer Szene preisen "digitale Tyrannen" ihren Populismus an, in einer anderen marschieren "digitale Horden" auf und sondern rassistischen Sprachmüll ab. Wir hören einen Monolog über die "überflüssige" und "verramschte" Menschheit, der in der pseudo-marxistischen Erkenntnis endet: "Wir sind im Kapital enthalten und das Kapital ist enthalten in uns".

Ein "digitaler Dionysos" ruft zur Befreiung auf. Ein "Chor der Mütter", die den Holocaust überlebt haben, funkt immer wieder mahnend dazwischen und erinnert daran, dass sich Vernichtung und Gewalt in einer historischen Endlos-Spirale wiederholen. Manchmal intellektuell anregend, oft aber nur gedanklicher Quark, verrührt zu einem ungenießbaren moralinsauren Brei.

Ein ziemlich banaler Abend

Der achtköpfige Chor ist ständig in Bewegung, tänzelt und trippelt, reckt Fäuste reckt und schwingt Hüften. Jede Bewegung ist streng durchchoreografiert, nichts ist dem Zufall überlassen, aber es wird nicht gespielt, sondern Sprache exekutiert.

Die Bühne ist grau und leer, und grau ist auch die Farbe der hautengen Sportanzüge, in denen die ständig herum wuselnden Akteure stecken, die rasenden Stillstand und leer laufende Hektik verbreiten. Dazu wummernde Bässe, verzerrte Rückkopplungen, computergesteuerte Endlos-Schleifen, auf Leinwände projizierte Texte und Videos. Das kann man machen und toll finden, muss man aber nicht.

Der Abend endet in einer Szene mit dem Titel "Menschliche Pastete oder: Das große Kannibalische Festmahl des Westens". Der kapitalistische Westen, das ist ja so klar wie Kloßbrühe, hat an allem Schuld, und der Chor intoniert: "Wir laden euch ein zum großen Kommunionsmahl, Festmahl! Was gibt es Gutes? Heiße Fleischpastete! Pastete aus dem Westen! Schreit, weint und freuet euch! Guten Appetiiiiiit!"

Als Nachtisch wird noch eine satirisch variierte Version von "Donna Donna" gesungen, dem alten jiddischen Lied vom Kalb, das nicht zur Schlachtbank geführt werden will.

Mit prall gefülltem Bauch und verwirrtem Kopf wanken wir dann aus dem Theater: Eine chorische Kakophonie, ein stimmliches Erlebnis, zweifellos, aber auch ein seltsam bizarrer und verrückter und - man muss es leider sagen - ziemlich banaler Abend.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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