Tanz im August: Milla Koistinen: Breathe © Lennart Laberenz
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Tanz im August | Sophiensaele | Anhalter Bahnhof - Thiago Granato: "The Sound they make when no one listens" | Milla Koistinen: "Breathe"

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Am Sonntag geht der Tanz im August bereits zu Ende und die verkürzte Ausgabe des Internationalen Tanzfestes startet mit einem Premierenreigen ins letzte Wochenende. Gestern Abend gab es gleich zwei Uraufführungen, in den Sophiensaelen in Berlin-Mitte und auf einem Sportplatz am Anhalter Bahnhof.

In den Sophiensaelen hat der Berliner Choreograf Thiago Granato die Uraufführung seiner Choreografie "The Sound they make when no one listens" gezeigt.

Raum-Choreografie der Achtsamkeit – lange Metallstäbe

Eine Choreografie, inspiriert vom Zuhören, vom Reagieren der Tänzer aufeinander. Wobei Thiago Granato, aus Brasilien, einer der auffälligsten aufstrebenden Tanzkünstler Berlins, eine Raum-Choreografie entworfen hat, bei der das Hören nur ein Mittel der Achtsamkeit ist.

Das Trio, eine Frau, zwei Männer, darunter Granato selbst, tanzen wie in sich versunken, abgekapselt für sich und doch durch Hören, Sehen, Spüren miteinander verbunden. Und das unter erschwerten Bedingungen, denn alle drei tragen lange dünne Metallstäbe, wie Verlängerungen ihrer Körper. Diese Stäbe vergrößern die Räume, die sie einnehmen, setzen Raumgrenzen, bestimmen die Räume, die sie für sich beanspruchen und damit den anderen nehmen.

Macht und Ohnmacht und utopischer Ansatz

Im Hintergrund dieses Stückes steht ein politisches Thema: wer wird gesehen, wem wird zugehört – etwas zugespitzt gesagt: wer dominiert z.B. einen gesellschaftlichen Diskurs, wer hat Macht und hält andere in Ohnmacht?

Insofern hat Granato einen utopischen Ansatz, denn die drei kämpfen nicht miteinander um die Räume, die sie für sich besetzen wollen, sondern sie geben einander den Raum, um sich in der Bewegung auszudrücken.

Sachte Verbundenheit – soziale Achtsamkeit

Ihr Umeinander-Fließen im Liegen, im Wälzen auf dem Rücken, im Taumeln und Aufbäumen, im schlotternden Mäandern fast durchgehend mit den langen Metallstäben in den Händen, ist fesselnd anzuschauen. Drei Persönlichkeiten in einer sachten Verbundenheit, einer sozialen Achtsamkeit. Auffälliges Dominanzgehabe, Herrschafts-Ansprüche, Kämpfe um Wahrnehmung und Aufmerksamkeit gibt es hier nicht - das würde man sich für so manche derzeitige Debatte wünschen. Ein packendes Stück, immer unter Spannung gehalten, auch durch den beunruhigend unheimlichen Elektrosound.

Milla Koistinen: "Breathe" – auf dem Sportplatz

Auf dem Lilli-Henoch-Sportplatz, direkt am Anhalter Bahnhof hat die Choreografin Milla Koistinen mit der Uraufführung ihres Stückes "Breathe", "Atmen" das gesamte riesige Fußballfeld buchstäblich zu ihrer Arena werden lassen. Denn sie allein lässt uns den Tumult von Zuschauermassen erleben, als wären die Ränge vollbesetzt – das Stück ist auch eine Reaktion auf die Kontaktbeschränkungen und das Gebot des Abstandhaltens in der Pandemie. Sie bespielt den ganzen Platz, wir Zuschauer laufen hinter ihr her und versuchen ihren unvorhersehbaren Laufwegen auszuweichen. Wir bilden eine Gruppe und doch ist jede und jeder von uns auch isoliert, denn zum Stück gibt es einen Soundtrack, der uns auf Kopfhörern zugespielt wird. Den kann man vorher aufs Smartphone herunterladen oder bekommt Geräte beim Einlass.

Soundtrack auf Kopfhörern – Große Gestik, intime Momente

Zu hören sind zunächst leise Umgebungsgeräusche, Vögel, Kinder, Straßenlärm, Wind und Atmen und fernes Stadion-Gejubel, dann elektronische Musik wie für einen Entspannungskurs und schließlich aufpeitschende House-Musik.

Dazu tanzt Milla Koistinen ganz weich, mit wenigen runden, zarten, genau definierten Bewegungen. Sie geht etwa in Siegerinnen- und Jubel-Posen, wie ein Fußballstar, der ein Tor geschossen hat – alles ganz langsam, mit äußerster Sorgfalt. Dadurch wird die große Gestik von Jubel, Triumph, Anfeuerung und Aufpeitschen, wird die Gestik der Ekstase zu privaten, intimen Momenten. Koistinen löst die Bewegungen von den üblichen Konnotationen und überlässt die Deutung unserer Fantasie.

Zwei riesige Luftkissen – Skulpturen in Bewegung

Milla Koistinen, Berlinerin aus Finnland, seit Jahren eine der faszinierendsten Tanzkünstlerinnen der Stadt, spielt mit Distanz und Nähe, mit dem Abwesenden, das anwesend ist, der Menschenmenge, und sie spielt mit riesigen aufgeblasenen Ballons.

Denn auf dem Feld sind zwei riesige Luftkissen aus Ballonseide, rosa und rostrot das eine, abendblau und frühlingsgrün das andere. Milla Koistinen zieht sie über das Feld, wobei die Luftkissen ihr Eigenleben haben, wie flatternde, sich aufbauschende, im Wind treibende Wesen, Skulpturen in Bewegung. Und wir Zuschauer weichen aus und folgen ihr und ihren Ballons, werden zu Mitspielern, die sich immer fragen: wie nah kann ich ran, wie nah will ich ran. Auch ohne die Pandemie-Bezüge, ohne Bezug auf das Atmen im Stücktitel konkret deuten zu müssen, eine wunderbare, spielerische Choreografie.

Frank Schmid, rbbKultur

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