Staatsballett Berlin: Dawson - Voices & Citizen Nowhere © Yan Revazov/Staatsballett Berlin
Yan Revazov/Staatsballett Berlin
Bild: Yan Revazov/Staatsballett Berlin Download (mp3, 4 MB)

Staatsballett Berlin - DAWSON - "Voices" und "Citizen Nowhere" von David Dawson

Bewertung:

Ausgerechnet am Superwahlsonntag hat das Staatsballett Berlin seine erste Premiere der Saison in der Deutschen Oper Berlin präsentiert. Zwei Stücke des britischen Choreografen David Dawson wurden gezeigt, eine Uraufführung und eine Berliner Erstaufführung. Schlicht "Dawson" heißt dieser Abend.

Ein Abend, bei dem die Wahlen für die Zuschauer:innen durchaus ein Thema waren, nicht nur in den Gesprächen vor der Premiere - angesetzt ausgerechnet auf 18:00 Uhr. Kurz bevor der Vorhang hochging, wurden die ersten Prognosen durch die Reihen getuschelt und in der Pause dürfte das Handynetz rund um die Deutsche Oper fast zusammengebrochen sein. Es war eine seltsame Entscheidung des Staatsballetts, die Premiere auf diesen Abend und diese Uhrzeit zu legen.

Der Choreograf David Dawson

Der britische Choreograf David Dawson könnte Ballett- und Tanzfans in der Region bekannt sein - zumindest, wenn sie über ein gutes Gedächtnis oder Archiv verfügen. Er war 2008 beim großartigen Gastspiel des Semperoper-Balletts mit einem sehr starken, sehr dramatischen Stück beim Tanz im August dabei.

Dawson kommt vom Klassischen Ballett, hat im Jahr 2000 den Schritt zur Compagnie von William Forsythe gewagt, vom Ballett in die Moderne. Seitdem choreografiert er auch und hat für seinen Tanz, für seine zurückhaltende Bearbeitung des Klassischen Balletts zu einem Tanz der Gegenwart etliche bedeutende Preise erhalten.

Es wurde Zeit, dass er nach Berlin kommt, was übrigens Johannes Öhman zu verdanken ist - der frühzeitig fortgegangene Intendant hatte Dawson zum Staatsballett eingeladen.

"Voices": Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

Für seine Uraufführung von "Voices" verwendet David Dawson das "Voices"-Album des deutsch-britischen Komponisten Max Richter, erschienen im Juli 2020, darauf seine elegische Entspannungsmusik und die Erklärung der Menschenrechte, vorgelesen von Menschen aus mehr als 70 Ländern.

"Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren" - ein Ideal, das da formuliert wurde und im Stück erklingt. Und ein Ideal an Tanz wollte offensichtlich auch Dawson erschaffen. Mitten in den Lockdowns, mit der täglichen Angst, nicht weiter proben zu können, hat er ein Stück entwickelt, das von Liebe, Gemeinschaft und Fürsorge erzählt.

Staatsballett Berlin: Dawson - Voices & Citizen Nowhere © Yan Revazov/Staatsballett Berlin
Bild: Yan Revazov/Staatsballett Berlin

Paartanz – ein achtsam-fürsorgliches Fest der Vielfalt

Der Tanz ist hauptsächlich als Paartanz organisiert und die vielen Paare umschwirren sich achtsam und fürsorglich. Zu den sanften Harmonien der Wohlbefinden-Musik von Max Richter hat Dawson einen lieblichen Tanz choreografiert - üppig, gefällig, ohne Widerspruch oder Schmerz und Leid, was bei diesem Thema ja auch hätte angebracht sein können.

Die Tänzer:innen schwelgen in den temporeichen, aber behutsamen, ornamental verzierten Bewegungen, vor allem die Arme werden überbetont in Flatter-, Schwebe- und Flugvewegungen - kaum ein Schritt, eine Hebung, eine Drehung ohne weit schwingende Arme und zum Himmel erhobenen Kopf. Das Armgewirbel und die vielen kleinteiligen Bewegungen sind wie eine Verführung durch prächtige Fülle und Komplexität - weniger wäre hier aber mehr gewesen.

Dawson wollte wohl ein Fest der Vielfalt und sanften Schönheit und Hoffnung inszenieren, herausgekommen ist etwas Schwärmerisches, Schwelgerisches, dessen Lieblichkeit manchmal fast zu süßlich wird – von den Tänzerinnen und Tänzern großartig interpretiert, vom Publikum bejubelt.

"Citizen Nowhere" – ein existenzialistisches Solo

"Citizen Nowhere" hingegen, das zweite Stück des Abends, ist ein Solo, das David Dawson 2017 auch in Reaktion auf den Brexit und auf der Grundlage von Antoine de Saint-Exupérys "Der kleine Prinz" choreografiert hat. Zitate aus dem Buch erscheinen auf der Leinwand, wie auch eine Frau in Rot, die wie als ein Sehnsuchtsziel des Tänzers Olaf Kollmannsperger wirkt. Er hat sich damit fulminant aus der zweiten Reihe ganz nach vorn getanzt.

Es ist ein existenzialistisches Stück, ein Tänzer, der in Einsamkeit seinen Gefühlen nachspürt, seiner Kindheit, seinen Träumen und Wünschen, eine Tour de Force der Gefühle, vor allem der Sehnsucht, denen Kollmannsperger noch recht zurückhaltend Raum gibt.

"Man sieht nur mit dem Herzen gut" ist das Motto für dieses Solo, für das David Dawson aber die sehr gefühlige, emotionalisierende neo-klassische Musik von Szymon Brzóska benötigt. Im Tanz selbst versteckt er sich eigentlich, dringt nicht wirklich zur Essenz von Gefühlen und seiner eigenen inneren Wahrheit durch.

Auch hier Jubel vom Publikum - insgesamt zu viel Jubel für einen schwärmerischen, wegen seines Hangs zur Gefälligkeit aber nicht restlos überzeugenden Abend.

Frank Schmid, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Berlin Circus Festival 2021: Revue Regret; © Bernadette Fink
Bernadette Fink

Berlin Circus Festival 2021 | Tempelhofer Feld - Revue Regret: "dear doubts"

Das Berlin Circus Festival hat lange Geduld haben müssen. Zwei Jahre, um genau zu sein. Da fand das letzte richtige Festival für zeitgenössischen Zirkus mit Publikum auf dem Tempelhofer Feld statt. Dazwischen: abwarten, absagen, umplanen, eine Online-Edition mit Künstlerresidenzen im letzten Winter. Doch nun können Zuschauer*innen wieder ins Zelt und auf das Festivalgelände.

Bewertung: