DT Box: Mercedes von Thomas Brasch – hier: Caner Sunar, Julia Windischbauer, Franziska Machens; Vorabfoto: © Arno Declair
Arno Declair
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DT-Box - "Mercedes"

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Sakko und Oi sind Zufallsbekannte. Sie ist eine Herumtreiberin und er ein Arbeitsloser. Und beide haben jede Menge Zeit. Doch wie soll man damit umgehen? "Mercedes" von Thomas Brasch wurde 1983 uraufgeführt und ist nun am Deutschen Theater in der Box zu sehen.

Thomas Brasch war zeitlebens ein Rebell und Außenseiter. In der DDR wurde der Sohn eines hohen Kulturfunktionärs wegen "Verunglimpfung führender Persönlichkeiten" vom Studium ausgeschlossen und jobbte als Kellner und auf dem Straßenbau. Nachdem er mit seiner Lebensgefährtin Katharina Thalbach nach West-Berlin ausgereist war, schlüpfte er in die Rolle des exzessiven Trinkers und politischen Provokateurs. Sein schillerndes literarisches Werk wurde fast zur Nebensache und geriet nach seinem frühen Tod (2001) schnell in Vergessenheit. Jetzt hat sich das Deutsche Theater an den Dramatiker Brasch erinnert. Charlotte Sprenger inszeniert in der "Box" das 1983 in Zürich uraufgeführte Stück "Mercedes".

Der Autor, dem zeitlebens der ganz große Durchbruch versagt blieb, wird heute kaum noch gelesen und gespielt. Vielleicht weil die Attitüde des notorischen Rabauken dem Publikum irgendwann auf die Nerven gegangen ist: Irgendwann merkt jeder, dass sich hinter dem schlampigen Genie viel heiße Luft verbirgt, dass Brasch immer nur ein uneingelöstes Versprechen war. Der Erzählband "Vor den Vätern sterben die Söhne" meiert mit der Arroganz des Eiferers die faschistischen und stalinistischen Väter ab, die der Jugend die Zukunft verbauen und weg geräumt gehören. Der Gedichtband "Der schöne 27. September" liest sich mit seinen ironischen Verweisen auf Pop und Politik als wäre Brecht auf Speed. Sein Romanprojekt "Mädchenmörder Brunke" wurde zu einer literarischen Leiche mit 10.000 Manuskriptseiten und brachte den Verlag zur Verzweiflung: das Buch, das dann kurz vor seinem Tod erschien, ist eine nur 99-seitige Roman-Ruine. Seine Dramen, "Lovely Rita", "Rotter" und "Mercedes" verschwanden schnell wieder vom Spielplan, weil jeder spürte, wie unausgegoren die Stücke sind: nicht geeignet für große Bühnen, sondern eher etwas für Experimentiertheater, die Lust haben, im Sprachschlamm nach Theatertrüffeln zu suchen - also genau richtig für die kleine "Box".

Brasch erzählt von jungen Arbeitslosen, zwei Herumtreibern, die keinen Plan und kein Ziel haben. Die Leere ist ihr Lebenselixier, bietet Raum für abstruse Fantasien und bizarre Träume. Sie benutzen eine seltsame, künstliche Sprache, ziehen unzählige Silben zu kaum noch verständlichen Wortketten zusammen. Sie heißen Sakko und Oi, werden von einer Lautsprecherstimme vorgestellt und sind Teil einer "Versuchsanordnung", die immer wieder variiert und kommentiert wird. Als dritte Person kommt irgendwann ein Mann dazu, der angeblich in einem Mercedes-Cabrio hockt, aber vielleicht auch nur in der Fantasie von Sakko und Oi existiert, die sich vorstellen, wie es wäre, den Mann im Auto zu beleidigen, ihn vielleicht sogar zu töten oder sich auszumalen, sei von entführt worden. Man weiß nicht genau, was das Ganze soll und was Brasch uns sagen will: ist es ein kritisches Sozialdrama, eine Abrechnung mit der erdrückenden Väter-Generation, eine zynische Feier des sinnentleerten Lebens? Hilfreich ist auch nicht die Stimme, die zum Schluss verkündet: "Gesamtergebnis des Versuchs: Die Unschärfe."

Die Regisseurin hat das Laborhafte und Wissenschaftliche komplett weggestrichen. Nirgendwo wird mehr verkündet: "Die Versuchsanordnung wird hergestellt", "Neue Versuchsanordnung", "Der Versuch wird abgebrochen", "Die Versuchspersonen übernehmen den Versuch" oder eben: "Gesamtergebnis des Versuchs: Die Unschärfe". Statt der szenischen Hinweise und Kommentare - die an Brechts "episches Theater" erinnern - werden das szenische Arrangement durch Lichteffekte und Musikeinlagen verändert, werden die jeweiligen neuen Spiel-Experimente mit Tanz und Gesang eingeläutet, läppische Pop-Rhythmen und neckische Gehopse, das dem Alt-Rocker, Beatles- und Stones-Fan Brasch nicht besonders gefallen hätte. Dass die Geschlechter-Rollen verwischt werden und jede Erotik zwischen Sakko und Oi aufgehoben wird, wäre dem bekennenden Macho ziemlich sauer aufgestoßen.

Franziska Machens als Oi und Julia Windischbauer als Sakko stecken beide in gold-gelben Kostümen, wirken wie vom Himmel gefallene Engel, die sich auf einem Müllplatz wiederfinden und Zuflucht in einem ausgebrannten Auto gefunden haben. Sie spielen Bruder und Schwester, reden über Krieg und Frieden, Arbeit und Freizeit und reden, spielen, tanzen mit dem namenlosen Mercedes-Fahrer im schmuddeligen Anzug (Caner Sunar), der keine Projektionsfläche für Fantasien mehr ist, sondern real ins Geschehen eingreift, mit einem Maschinengewehr hantiert, in einer Szene sogar in die Rolle von Oi schlüpft, sich an ihrer Stelle auf den Autostrich begibt und Sakko sexuelle Angebote macht. Aus dem irrlichternden Spiel mit Wunschfantasien wird ein verwirrendes Spiel mit Identitäten.

Der gesellschaftskritische Furor einer sich an den Bevormundungen der Väter abarbeitenden Jugend geht vollends den Bach runter, die ironische Abrechnung mit dem Brechtschen Belehrungstheater, die zersplitterten Sprach-Fetzen, das satirische Verwursten der Versuchsanordnung, der aufmüpfige Ton des vielleicht nach einer durchzechten Nacht mal schnell hingerotzten Stückes wird zu einer neckischen und unterhaltsamen Theater-Banalität umgemodelt. Wer mit Brasch und seiner anarchischen Zerstörungswut nichts anfangen kann, sollte die Finger von ihm lassen. Ihn nur nett herzurichten, das hat der notorische Wüterich nicht verdient. In der DT-Box wird Brasch nicht zum zeitlos aktuellen Autor reanimiert, sondern nur als harmloses Bühnen-Gespenst neu verkleidet: Darauf hat wirklich niemand gewartet.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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