Szene aus "Himmerl, Erde, Luft und Meer" am GRIPS-Theater
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GRIPS Theater | für Menschen ab 9 Jahren - "Himmel, Erde, Luft und Meer"

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Vor fast 30 Jahren schrieb Volker Ludwig sein Umwelt-Stück "Himmel, Erde, Luft und Meer" für das Berliner GRIPS Theater. Heute ist es aktueller denn je. Der damalige GRIPS-Chef erdachte eine Figur mit besonderen Fähigkeiten. Das Mädchen Anna konnte Gift in der Luft riechen und in der Nahrung schmecken. Ihre Empfindlichkeit und ihr Engagement für die Natur brachten die Erwachsenen zum Nachdenken.

Es ist verrückt: Jahrzehntelang wurde dem GRIPS Theater vorgeworfen, übermächtige Kinderfiguren zu entwerfen. In Wirklichkeit, so wurde argumentiert, seien Kinder doch eher hilflos und die Opfer einer von Erwachsenen geschaffenen Situation. Nun, während die Klima-Krise sich zuspitzt, sorgt die "Fridays for Future"-Bewegung für die Rehabilitation des GRIPS-Gedankens: Dass die Welt veränderbar sei und zwar durch Kinder! Opfer ja, aber hilflos?

Alte Figuren, neue Geschichte

Und so kann man heute gar nicht anders, als beim Erleben der kämpferisch klugen, ein bisschen zu ernsten Anna-Figur an Greta Thunberg zu denken. Die Anna in der ursprünglichen Fassung der 90er-Jahre wird kurz nach der Wende von ihren West-Verwandten aus Bitterfeld nach Berlin geholt. Dort stellt sie fest, dass es mit dem Umweltschutz in der BRD auch nicht viel besser aussieht als in der DDR.

Für das aktuelle Stück hat GRIPS-Schauspieler und Autor Christian Giese die Figuren übernommen, aber deren Geschichte komplett neu erfunden. Geblieben ist die Empfindlichkeit von Anna, ihre Ernsthaftigkeit und ihr Wille zur Veränderung. Sie ist neu in der Schule, mit ihrer Oma von Brandenburg nach Berlin gekommen. Am liebsten sitzt sie in ihrem Baum auf dem Schulhof. Sie ist eine Außenseiterin, ihre Mitschüler nehmen sie als schrullig, aber auch interessant wahr. Nach und nach lassen sich die beiden Kinder Julia und Aldi von ihr mitreißen und überzeugen. Als ein neuer Sportplatz gebaut und der Baum gefällt werden soll, organisieren die Kinder gemeinsam eine Protestaktion.

Verspielte Inszenierung

Während das Stück von Volker Ludwig als Familiengeschichte auf der Ost-West-Folie angelegt war, ist in Christian Gieses Fassung der Fokus noch stärker bei den Kindern und ihrem Konflikt mit den Erwachsenen in Sachen Umweltschutz. Leider wird viel geredet, diskutiert, gestritten, verhandelt und erklärt. Die eigentliche Handlung, der Konflikt um den Baum, setzt spät ein und wird nicht recht zu Ende erzählt.

Regisseurin Petra Schönwald hat einen ungewöhnlichen Rahmen erfunden und das ganze Geschehen auf ein großes Spielfeld mit vorgezeichneten Wegen gesetzt. Die Schauspieler:innen bewegen sich teilweise mechanisch wie Spielfiguren zu Computertönen. Sie tragen einfarbige Kleider in Rot, Blau und Gelb und gleichen so den Männchen oder Frauchen aus "Mensch ärgere Dich nicht".

Diese Abstraktion schafft Abstand zum GRIPS-typischen Realismus. Vielleicht ist alles nur ein Computer-Umweltspiel? Das ist formal interessant, bringt aber keinen großen inhaltlichen Mehrwert. Denn diese Geschichte sollte nicht als großes Spiel angesehen, sondern sehr ernst genommen werden.

Szene aus: "Himmel, Erde, Luft und Meer“ (Quelle: David Balzer/Bildbuehne)
Bild: David Balzer/Bildbuehne

Zur Diskussion anregende Aufführung

Trotzdem verbringt das Publikum eine kurzweilige Stunde im Theater. Dafür sorgen die witzigen kleinen Szenen, zuhause und auf dem Schulhof, die souverän und Pointen-sicher agierenden Schauspielerinnen Schauspieler sowie die alten, teilweise berühmten GRIPS-Songs (so das Lied vom kleinen Baum) vom verstorbenen Komponisten Birger Heymann. Die Lieder sind neu aufgenommen und arrangiert, müssen aber leider Corona-konform vom Band kommen.

Die Aufführung regt Kinder und Erwachsene an. Wer rauskommt, diskutiert über Umwelt- und Klimaschutz. "Baum, Baum, kleiner Baum, bleib am Leben" – nie war dieser Liedtext wichtiger als heute.

Regine Bruckmann, rbbKultur

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