Volksbühne: "Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen" von René Pollesch; © Christian Thiel
Christian Thiel
Download (mp3, 5 MB)

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz - "Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen"

Bewertung:

Lange Jahre war die Berliner Volksbühne das Zentrum der deutschen Bühnenavantgarde. Doch nachdem Frank Castorf von Bord gehen musste, verkam der Theatertanker zum Schlachtfeld der Kulturkämpfe. Auf den konzept- und glücklosen Chris Dercon folgte Interims-Intendant Klaus Dörr, der wegen "MeToo"-Vorwürfen vom Hof gejagt wurde. Von der Volksbühnen-Fangemeinde als Retter in der Not auserkoren, übernahm Dramatiker und Regisseur René Pollesch das Haus, an dem er einst seine größten Erfolge feierte. Den Neustart wagt Pollesch mit der Uraufführung seines Stückes "Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen".

Es hatte den Charme eines Volksbühnen-Klassentreffens. Im Publikum die ehemaligen Volksbühnen-Dramaturgen Matthias Lilienthal und Carl Hegemann. Auf der Bühne Kathrin Angerer, Martin Wuttke, Susanne Bredehöft und Margarita Breitkreiz. Für Raum und Kostüme sorgt Leonard Neumann, Sohn des legendären und leider viel zu früh verstorbenen Bert Neumann, dessen Bühnen-Konstruktionen oft aufregender waren als die eigentlichen Inszenierungen.

Für eine Bühnenhandlung hat sich Pollesch nie interessiert

Pollesch hat sich noch nie für eine Bühnenhandlung oder die Entwicklung von Theaterfiguren interessiert, ihm sind Charaktere schnuppe, das Repräsentationstheater kann ihm gestohlen bleiben, niemand muss bei ihm eine logische und kohärente emotionale Darstellung zeigen. Er schreibt Texte, um kulturelle und politische Theorien besser verstehen zu können, collagiert Zitate über Kolonialismus und Kapitalismus, Mode, Macht und Mafia.

Auch jetzt gibt es keine festgezurrten Figuren, keine ausformulierten Dialoge, sondern nur witzig-konfus verknäulte Textbausteine zur Theorie und Praxis des Theaters unter besonderer Berücksichtigung der Rolle des Vorhangs, die den Schauspieler*innen zum Fraß und zur freien Improvisation vorgeworfen werden.

Intelligenter Blödsinn

Der seidig-orangefarbene Vorhang senkt und hebt sich ohne Unterlass, schwebt als Wolke durch den Raum und zaubert ein magisches Kaninchen hervor, damit die süffisant grinsenden Mimen den intelligenten Blödsinn auf die Spitze treiben können. Martin Wuttke stolpert in Cowboystiefel umher, fuchtelt mit einer Pistole, schleppt als ein menschliches Skelett auf dem Rücken und salbadert von einer neuen Erfindung, die das Theater revolutionieren wird.

Kathrin Angerer schürzt beleidigt die Lippen, erregt sich über die Lustlosigkeit der Jugend, badet ihre Füße in einer Plastikwanne und wünscht sich die große Tragödie zurück, die einem wahrlich ans Herz geht. Margarita Breitkreiz räsoniert über den Vorhang, der den Anfang und das Ende markiert und ein Bühnenleben dazwischen überhaupt erst ermöglicht. Susanne Bredehöft sucht hinterm Vorgang eine Pforte, um ins Tolstoi-Universum zu gelangen und findet sozialistische Schauspielerinnen toll, die sich nur schwer von den krausen Ideen eines Regisseurs überzeugen lassen.

Volksbühne: "Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen" von René Pollesch, hier: Kathrin Angerer; © Christian Thiel

Wiedergeburt eines Theaters, das sich an keine Regeln hält

Alle tragen scheußliche Kleidung und suchen Hilfe bei der Souffleuse, die so manchen Texthänger ausbügelt und genauso wichtig ist wie der durch Zeit und Raum flatternde Vorhang. Es ist die Wiedergeburt eines Theaters, das sich an keine Regeln hält und mit einer Mutter-Courage-Persiflage lustvoll Brecht und das ganze olle Belehrungs- und Zeigefingertheater veralbert.

Die Scheinwerfer tanzen ein furioses Lichtballet im Takt der Musik, Kathrin Angerer kokettiert mit flatternden Bändern zu rhythmischer Sportgymnastik, Martin Wuttke greint als greiser Tolstoi-Wiedergänger über die verlorene Jugend und mault über die verpassten Chance einer Theater-Revolution. Margarita Breitkreiz nuschelt irgendetwas auf Russisch und Susanna Bredehöft wirbelt elfenhaft mit dem Vorhang herum wie weiland Kate Bush über die englische Heide. Dazu erklingt, natürlich ohrenbetäubend laut, der Bush-Klassiker "Wuthering Heights".

Wer wissen will, worauf das ganze Tohuwabohu basiert, sollte einen Blick auf den Programmzettel werfen: Bücher von Susan Sontag, Stefan Zweig und Slavoj Žižek werden aufgeführt. Kann vielleicht nicht schaden, da mal reinzuschauen. Ist aber viel anstrengender als eine kurzweilige 90-minütige Pollesch-Sause.

Volksbühne: "Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen" von René Pollesch, hier: Susanne Bredehöft, Martin Wuttke; © Christian Thiel
Bild: Christian Thiel

Eine Mischung aus "Rolle rückwärts" und "Alles auf Anfang"

Das Premieren-Publikum freute sich über die wiedergewonnene anarchische Theater-Volksbühnen-Freiheit mit einem intelligent-verrückten und überkandidelt-sinnfreien Text, der Raum für Fantasie lässt und die Darsteller*innen animiert, sich um Kopf und Kragen zu spielen. Eine nostalgische und frivole Mischung aus "Rolle rückwärts" und "Alles auf Anfang": Wohin die Reise geht, ist noch längst nicht ausgemacht.

Frank Dietschreit, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Schaubühne Berlin: Wer hat meinen Vater umgebracht? © Jean-Louis Fernandez/Schaubühne Berlin
Jean-Louis Fernandez/Schaubühne Berlin

FIND-Festival | Schaubühne am Lehniner Platz - "Wer hat meinen Vater umgebracht"

Schon für die Adaption seines Romans "Im Herzen der Gewalt" hat Édouard Louis mit Thomas Ostermeier zusammen gearbeitet. Nun ist eine weitere gemeinsame Produktion zu erleben. Diesmal steht der französische Schriftsteller erstmals selbst als Darsteller in einem von ihm verfassten Werk auf der Bühne. Thomas Ostermeier hat "Wer hat meinen Vater umgebracht" als Solostück inszeniert.

Download (mp3, 7 MB)
Bewertung:
Oedipus: von Maja Zade; Regie: Thomas Ostermeier - Schaubühne am Lehniner Platz © Gianmarco Bresadola/Schaubühne am Lehniner Platz
Gianmarco Bresadola/Schaubühne am Lehniner Platz

Schaubühne am Lehniner Platz - "Ödipus" von Maja Zade

Mit der Inszenierung von Thomas Ostermeier kommt nun der vierte "Ödipus" innerhalb von vier Wochen in Berlin auf die Bühne. Für die Schaubühne hat Maja Zade den antiken Mythos in eine Unternehmerfamilie verlagert. Sie lotet in ihrem Stück aus, was es bedeutet, wenn nichts, was als sicher gilt, mehr Bestand hat.

Download (mp3, 3 MB)
Bewertung: