Marcel Kohler und Enno Trebs in "Einsame Menschen" in den Kammerspielen vom Deutschen Theater
Deutsches Theater / Arno Declair
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Deutsches Theater Kammerspiele - "Einsame Menschen"

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Vor 130 Jahren, 1891, wurde in Berlin das Drama "Einsame Menschen" vom späteren Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann uraufgeführt. Es wurde rasch eines der bekanntesten Theaterstücke deutscher Sprache und wird seitdem landauf, landab gern gespielt. An den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin hat Regisseurin Daniela Löffner nun eine neue Inszenierung herausgebracht.

Das Drama von Gerhart Hauptmann erzählt eine scheinbar simple Geschichte: ein junges Ehepaar, gerade Eltern geworden, von der Mutter des Vaters unterstützt, wohnt am Müggelsee. Alles scheint Idylle und Harmonie zu sein. Dann kommen Menschen von außen hinzu, vor allem eine forsche junge Frau, und es stellt sich rasch heraus, dass der Schein trügt. Es kracht im Gebälk. Das verstärkt die sich schon abgezeichnet habende Depression der junge Frau und Mutter, wohingegen der junge Mann zu neuen Ufern strebt – und eine Katastrophe bahnt sich an.

Gelebte schlichte Menschlichkeit ist Hauptmanns Charakteren fremd

Hauptmanns Vorlage besticht damit, dass viel geredet wird, die Figuren sich aber nicht viel zu sagen haben. Das Entscheidende bleibt unausgesprochen. Was ein Zeichen dafür ist, dass die Menschen nicht wirklich achtsam miteinander umgehen. Und das ist das Entscheidende: Hauptmanns Charaktere kranken daran, dass sie nicht wirklich Empathie für andere aufbringen könne, nicht wirklich achtsam miteinander umgehen, ihnen gelebte schlichte Menschlichkeit fremd ist. Ein zeitloses, ein wichtiges Thema.

Es fehlt an Fallhöhe

Daniela Löffner hält sich an Hauptmanns vorgegebene Struktur, hat jedoch einschneidende Veränderungen vorgenommen: aus der Frau, die zu Besuch kommt, ist ein Mann geworden. Bis zur Pause wird vor allem daran gearbeitet, eine Atmosphäre nebulöser Lethargie aufzubauen. Es wird geredet, auch mal geflirtet und der Hausherr mehr und mehr als Jammerlappen vorgeführt.

Alles sehr kraftvoll, sehr deutlich, ja überdeutlich. Was nicht gezeigt wird, ist die Liebe zwischen den jungen Eheleuten. Sie wirken von Anfang an als Nebeneinanderlebende. So fehlt es dann – im zweiten Teil, nach der Pause – an Fallhöhe.

Deutsches Theater: "Einsame Menschen" von Gerhart Hauptmann © Arno Declair
Judith Hofmann, Franziska Machens, Enno Trebs, Linn Reusse, Marcel Kohler | Bild: Arno Declair

Die Gewalt einer Liebe - sehr klug choreografiert

Nach der Pause dann der große Knalleffekt: die zwei Männer verfallen einander, begehren einander, fallen übereinander her. Es gibt eine mehr als zwanzig Minuten dauernde wortlose Sexszene, eine erotische Explosion – sehr klug choreografiert, die Männer sind nackend, ja, das grenzt ans Softpornografische, aber selbst zarte Naturen könne hinsehen, denn es geht, deutlich spürbar, darum, die Gewalt einer Liebe zu zeigen, der niemand entrinnen kann.

Intensität ist dahin

So deutlich, so stark ist das im Theater wohl weltweit nur sehr, sehr selten zu erleben. Das ist mutig, das hat auch eine packende Intensität. Die aber fällt am Ende des vorgeführten Sex-Rauschs wie ein missratener Plumpudding in sich zusammen, weil Daniela Löffner wieder zu vordergründig gearbeitet hat: da tanzen die zwei nackten Männer dann zu "Lonesome Town" des Rock’n’Roll-Barden Ricky Nelson. Kitschalarm!

Und dann wird es albern, wenn die Männer aus einer Schublade des Esstisches frische Unterwäsche zerren, um sich mal wieder anzukleiden. Und alles an Intensität ist dahin.

Schon vorher gab es eine in ihrer Vordergründigkeit sehr zweifelhafte Szene: da fließt aus einem Waschbecken endlos Wasser eine Treppe runter, eine hübsch anzusehende Kaskade. Ein Bild dafür, dass alles den Bach runter geht. Nur wirkt es völlig unglaubwürdig, dass da keine der doch recht intelligent anmutenden Figuren auf die Idee kommt, mal den Haupthahn zuzudrehen.

Linn Reusse und Judith Hofmann spielen mitreißend

Man ist also hin und her gerissen: mal ergriffen, dann wieder von der aufdringlich ausgestellten Symbolik genervt. Trotzdem: Man kriegt einiges an Stoff zum Nachdenken und Diskutieren mit auf den Nachhauseweg. Das ist ja schon eine Menge. Und man geht beeindruckt von einigen schauspielerischen Leistungen aus dem Theater: Linn Reusse als junge Ehefrau und Judith Hofmann als ihre Schwiegermutter sind hinreißend, spielen mitreißend, bewegen einem das Herz.

Peter Claus, rbbKultur

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