Schaubühne Berlin: Wer hat meinen Vater umgebracht? © Jean-Louis Fernandez/Schaubühne Berlin
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FIND-Festival | Schaubühne am Lehniner Platz - "Wer hat meinen Vater umgebracht"

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Schon für die Adaption seines Romans "Im Herzen der Gewalt" hat Édouard Louis mit Thomas Ostermeier zusammen gearbeitet. Nun ist eine weitere gemeinsame Produktion zu erleben. Diesmal steht der französische Schriftsteller erstmals selbst als Darsteller in einem von ihm verfassten Werk auf der Bühne. Thomas Ostermeier hat "Wer hat meinen Vater umgebracht" als Solostück inszeniert.

Édouard Louis hat den Tisch verlassen, an dem er seine Geschichte in den Laptop tippt. Er stellt sich in seinem Pokémon-T-Shirt, in Jeans und Turnschuhen ans Mikrofon und imitiert das "Barbie Girl" der Gruppe Aqua – ein Top-Hit der 90er Jahre. Er post wie ein Teenie-Star, kreist die Hüften, schiebt sein Shirt nach oben, haut sich auf den Hintern, wie das in Musik-Clips als sexy gilt.

Später setzt er eine blonde Perücke auf und singt in Richtung des leeren Sessels, wo er seinen Vater imaginiert. Hinter ihm ziehen Bilder von tristen Häusern, kahlen Feldern und grauen Himmeln vorüber.

Schlüsselszene

Es ist die dramaturgische Schlüsselszene, zu der der Theaterabend immer wieder zurückkehrt: Als kleiner Junge führt Édouard seinem Vater vor dessen versammelter Freundesmannschaft diese Playback-Show vor – doch dem Vater ist das derart peinlich, dass er seinen Sohn nicht anschauen kann, während der immer verzweifelter ruft: "Schau, Papa, schau!" Aber Papa schaut nicht.

Erst gegen Ende der Inszenierung, wenn Édouard Louis in immer versöhnlicherem Ton von seinem Vater spricht – und mehr die Politik für dessen hartes Leben verantwortlich macht, dringt Louis auch zum versöhnlichen Ende dieser Szene durch. Nach dem Konzert verschwindet der Vater zum Rauchen nach draußen, der Sohn folgt ihm. Er versteht, dass er seinen Vater irgendwie verletzt hat und sagt: "Pardon, Papa." Der Vater nimmt ihn in den Arm und sagt: "Es ist nichts, mach dir keine Sorgen."

Ob sein Vater, der so gern tanzte als er jung war, Celine Dion hörte und sich als Frau verkleidete, vielleicht selbst gern ein anderer gewesen wäre?

Schaubühne Berlin: Wer hat meinen Vater umgebracht? © Jean-Louis Fernandez/Schaubühne Berlin
| Bild: Jean-Louis Fernandez/Schaubühne Berlin

Louis' beschuldigt allein die französische Politik

In Louis’ erstem Buch "Das Ende von Eddy" hatte er seinen Vater noch hart angeklagt für dessen Homophobie, sein starres Bild von Männlichkeit, den Alkohol, die Gewalt. Der schmale Band "Wer hat meinen Vater umgebracht" ist dagegen deutlich verständnisvoller der Familie gegenüber – beschuldigt wird hier allein die französische Politik, die seinen arbeitsunfähigen Vater mit der gebrochenen Wirbelsäule, verschuldet von der Fabrik, trotzdem zu körperlicher Arbeit zwingt.

Édouard Louis spielt mit Hingabe

Einerseits wirkt es naheliegend, dass Thomas Ostermeier auch diesen Text für die Bühne adaptiert. Schließlich hat er mit "Rückkehr nach Reims" von Didier Eribon, Édouard Louis’ großes Vorbild, die Frage nach sozialer Gerechtigkeit in Frankreich bereits auf den Tisch gelegt. Mit Louis ist jetzt eine jüngere, vielleicht sogar wütendere Generation am Zug, der Ostermeier ebenfalls Gehör verschaffen möchte.

Andererseits ist es ungewöhnlich für den Regisseur, der großen Wert auf die Ensembleleistung und das Training bestimmter Schauspieltechniken legt, mit einem Schauspiellaien zu arbeiten, der seine "authentische" Geschichte erzählt. Aber es ist erstaunlich, wie wenig unbeholfen oder gehemmt der junge Autor auf der Bühne steht – es wirkt, als dränge es ihn geradezu ins Rampenlicht. Seine Hingabe beim Singen ebenso wie seine ruhige, gefühlvolle Stimme, mit der er von sich und seinem Vater spricht. Ein guter Schauspieler!

Schlicht und ergreifend echt

Als Literatur kann man Louis’ schmalen Essay kaum bezeichnen – zu holzschnittartig die Art und Weise, wie er darin angesichts des Schicksals seines Vaters die Politik auf die Anklagebank setzt. Der 90-minütige Theaterabend aber lebt von genau dieser Zuspitzung. Am Ende hängt Édouard wie ein kleiner Junge in Zorro-Umhang und schwarzer Augenmaske die Fotos der Verbrecher an einer Wäscheleine auf, die seinen Vater umbringen – und wirft die beste Kinderwaffe auf sie: Knallerbsen.

Jacques Chirac hängt hier, weil er für den Vater benötigte Medikamente von der gesetzlichen Krankenversicherung gestrichen hat. Nicolas Sarkozy, weil er kranke Menschen wie den Vater zur Arbeit gezwungen hat, wenn sie ihre Sozialhilfe bekommen wollten. François Hollande, weil er unbezahlte Überstunden erlaubt hat. Emmanuel Macron, weil er den ärmsten Franzosen weitere fünf Euro aus der Tasche zieht und behauptet, das wäre doch nichts.

Hier steht der echte, aufrichtige Sohn, der von seinem echten, kranken Vater spricht und reale Politiker anklagt – schlicht und ergreifend.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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