Potsdamer Tanztage: Eun-Me Ahn - "Dragons" © Sukmu Yun
Sukmu Yun
Bild: Sukmu Yun Download (mp3, 7 MB)

Tanztage Potsdam | Hans Otto Theater - Eun-Me Ahn: "Dragons"

Bewertung:

Kunterbunte Drachen sind gelandet im Potsdamer Hans Otto Theater: "Dragons", das neue Stück der südkoreanischen Choreografin Eun-Me Ahn, war als Deutschlandpremiere bei den Potsdamer Tanztagen zu sehen. Ein Coup für das Tanzfestival, dessen diesjährige Ausgabe noch bis zum Dezember läuft.

Eun-Me Ahn zitiert in "Dragons" die Welt der Sagen, Mythen und Märchen und übersetzt die Mythologie vom Drachen in die Gegenwart. Die acht Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne und die sechs, die noch dazu in Filmen auf der Gaze-Leinwand zu sehen sind, alle sehr jung, alle um das Jahr 2000 geboren, sie sind die Drachen der Neuzeit und das in den denkbar verrücktesten Bühnenwelten, Kostümen und Tänzen. Wobei der Fokus von Eun-Me Ahn auf dem Verständnis von Drachen in Ostasien liegt, das mit dem im Westen wenig zu tun hat.

Potsdamer Tanztage: Eun-Me Ahn - "Dragons" © Sukmu Yun
Bild: Sukmu Yun

Die Drachen in ostasiatischen und in westlichen Kulturen

Im christlich geprägten Westen steht der Drache für Chaos und das Böse, ist Schreckbild und Menschenopfer-Verschlinger, war im Mittelalter sogar Symbol des Teufels, was sich erst durch den Einfluss der Fantasy-Kultur etwas verändert hat. In den ostasiatischen Kulturen wird der Drache hingegen ambivalenter gesehen, er hat zwar auch zerstörerische Kräfte, ist aber sehr viel mehr ein Glücksbringer und Regenbringer, ein Symbol der Fruchtbarkeit, ist gebieterisch und beschützend. Die koreanischen Könige haben ihre Ahnen bei Drachengottheiten gesehen und Drachen waren die Herrschaftszeichen der chinesischen Kaiser – er ist eher Gottheit als Dämon. Und in der koreanischen Mythologie können Drachen sich in Menschen verwandeln und der Mensch kann als Drache wiedergeboren werden.

Eun-Me Ahn – viele künstlerische Quellen

In diese Tradition stellt sich Eun-Me Ahn, eine der bedeutendsten Künstlerinnen Südkoreas, oft als Enfant terrible der Tanz- und Performance-Szene bezeichnet. Sie kommt vom traditionellen Tanz und vom Schamanismus und hat zusätzlich in New York Zeitgenössischen Tanz studiert. In Deutschland war sie noch nicht so häufig zu Gast, hat aber enge Verbindungen zu Wuppertal, v.a. zu Pina Bausch, die sie oft eingeladen hatte. Eun-Me Ahn vereint viele künstlerische Einflüsse und Quellen in sich.

Potsdamer Tanztage: Eun-Me Ahn - "Dragons" © Sukmu Yun
Bild: Sukmu Yun

Kunterbunte Orgie – Spektakel an Formen und Farben

"Dragons" ist nun wie eine kunterbunte Orgie an im Wortsinn fantastischen Einfällen. Die Bühne wird an drei Seiten von viele Meter langen dicken silbernen Röhren begrenzt – der Drache als Schlange. Die Tänzerinnen und Tänzer sind Fabelwesen und Fantasiegeschöpfe in quietschbunten, gern neonfarbenen Kostümen mit Anleihen bei den Kostümen der traditionellen Tänze der ostasiatischen Länder. Die meterlangen Röcke, in denen sie kreisen und wirbeln und Salti schlagen, glänzen silbern und schwarz, zumeist ist aber alles bonbonfarben bunt.

Die Tänze sind quietschvergnügt, sind eine kuriose Mischung aus traditionellen Tänzen, v.a. in der Arm- und Handgestik, aus Streetdance, v.a. Hip Hop, aus Akrobatik und Zeitgenössischem Tanz. Das ist alles sehr camp, ein Spektakel an Farben und Formen – man wird zum Kind beim Betrachten und staunt über die ungeheure Vielzahl an Einfällen auf der Bühne, die Eun-Me Ahn als Gesamtkunstwerk mit den Filmen auf dem Gaze-Vorhang verbindet.

Himmelspalast und Unter-Wasser-Tanz

Bühne und Film sind sich ergänzende Einheit. In den Filmen sind sechs weitere Tänzerinnen und Tänzer zu sehen, üppig wuchernde, wieder quietschbunte Pflanzen und Blumen, eine Art Himmelspalast und in einer der schönsten Szenen ein Unter-Wasser-Tanz. Eun-Me Ahn und ihre Tänzerinnen umschweben einander unter Wasser – sie als alte Schamanin mitten drin.

Als Schamanin tritt sie auch gegen Ende auf der Bühne auf und fügt dem extrem dynamischen Treiben eine ungeheure Zartheit hinzu. Diese gab es zwar auch schon im Tanz: Zartheit und große Gestik. Hier kommt nun noch eine Trance-Stimmung hinzu – bevor am Ende die Tänzer:innen als wandelnde Röhren mit Bildschirm-Gesichtern und dutzende Internet-Tanzvideos dazukommen.

Potsdamer Tanztage: Eun-Me Ahn - "Dragons" © Sukmu Yun
Bild: Sukmu Yun

Drachen als Symbol der Transformation

Eun-Me Ahn sieht Drachen offensichtlich als Symbol der Transformation, unaufhörlicher Veränderung und Metamorphose – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fließen ineinander, sind immer gleichzeitig präsent. Alles ist miteinander verbunden: die Tradition und die digitale globalisierte Popkultur-Gegenwart und eine als friedvoll-verspielt gedachte Zukunft.

Dieses Stück ist Fantasy und Science-Fiction, ist entstanden aus völlig frei ausufernder, unbegrenzter Spielfreude.

Die jungen Tänzerinnen und Tänzer sind die Glück und Freude bringenden Drachen, die unsere Welt in die Zukunft führen. Der Drache wird zum Symbol für eine lebensfreudige Kraft und Energie, mit der wir die Veränderungen der Welt annehmen können.

Ein staunenswertes, revuehaftes Stück mit viel Hang zu abenteuerlichem Witz und kuriosen Ungeheuerlichkeiten und mit viel Sinn für Show-Spektakel.

Frank Schmid, rbbKultur

Mehr

Weitere Rezensionen

Schaubühne Berlin: Wer hat meinen Vater umgebracht? © Jean-Louis Fernandez/Schaubühne Berlin
Jean-Louis Fernandez/Schaubühne Berlin

FIND-Festival | Schaubühne am Lehniner Platz - "Wer hat meinen Vater umgebracht"

Schon für die Adaption seines Romans "Im Herzen der Gewalt" hat Édouard Louis mit Thomas Ostermeier zusammen gearbeitet. Nun ist eine weitere gemeinsame Produktion zu erleben. Diesmal steht der französische Schriftsteller erstmals selbst als Darsteller in einem von ihm verfassten Werk auf der Bühne. Thomas Ostermeier hat "Wer hat meinen Vater umgebracht" als Solostück inszeniert.

Download (mp3, 7 MB)
Bewertung:
Oedipus: von Maja Zade; Regie: Thomas Ostermeier - Schaubühne am Lehniner Platz © Gianmarco Bresadola/Schaubühne am Lehniner Platz
Gianmarco Bresadola/Schaubühne am Lehniner Platz

Schaubühne am Lehniner Platz - "Ödipus" von Maja Zade

Mit der Inszenierung von Thomas Ostermeier kommt nun der vierte "Ödipus" innerhalb von vier Wochen in Berlin auf die Bühne. Für die Schaubühne hat Maja Zade den antiken Mythos in eine Unternehmerfamilie verlagert. Sie lotet in ihrem Stück aus, was es bedeutet, wenn nichts, was als sicher gilt, mehr Bestand hat.

Download (mp3, 3 MB)
Bewertung: