Deutsches Theater: Der Idiot © Arno Declair
Arno Declair
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Deutsches Theater - "Der Idiot" nach Fjodor Dostojewskij

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Wie prägen frühe Erfahrungen ein Leben? Woran erinnert man sich? Und wie viele Facetten hat ein Ich? Sebastian Hartmann inszeniert am Deutschen Theater "Der Idiot" nach Dostojewskij. Im Zentrum des Romans steht Fürst Myschkin, der nach mehreren Jahren Sanatoriumsaufenthalt in der Schweiz nach Russland zurückkehrt – scheinbar geheilt und gesellschaftsfähig.

Eines kann man Sebastian Hartmann wirklich nicht vorwerfen: dass er einen historischen Romanstoff auf Biegen und Brechen aktualisieren und mit plumpen Hinweisen in unsere Gegenwart verlegen würde, wie das so viele andere Regisseure tun. Nein, bei Hartmann geht es weder in die Gegenwart noch in die Vergangenheit, es geht in den Kopfinnenraum – und dort, das kennen wir von unseren eigenen irrlichternden Gedanken, blitzen die Assoziationsgewitter ganz ohne Jahreszahl.

Die "lästige Handlung" des Romans wird in 20 Minuten heruntergerattert

Der Schauspieler Elias Arens steht zu Beginn an der Rampe, ganz in Schwarz und redet wie ein zum Tode Verurteilter ins Publikum. Einer, der nur noch ein paar Minuten zu leben hat. Da schreit er alles heraus: dass die Natur den Menschen verhöhnt, dass er alle Menschen zurücklassen wollte, aber es sei gar niemand mehr da.

Immer wieder kreist der Abend um die letzten Minuten vor dem Sterben. Schließlich war Dostojewskij selbst einst zum Tode verurteilt und wurde auf dem Weg zum Schafott in letzter Minute freigesprochen.

Die Handlung des Romans, die Psychologie der Figuren interessieren den Regisseur wie immer herzlich wenig. Er gebe, so sagt er selbst, "keine Lesehilfe". Und so lässt er die lästige Handlung von Niklas Wetzel mit gespieltem russischen Akzent in 20 Minuten herunterrattern, um zu zeigen, dass das doch alles wie in einer Dreigroschenoper klingt.

Die zentrale Frage: Was bedeutet es zu sterben?

Mit Fürst Myschkin und dessen Sicht auf die Gesellschaft hat der Abend also nur lose assoziativ zu tun, er kreist mehr um die Themen, die Hartmann schon lange umtreiben: Was ist der Mensch? Was ist Glück? Was ist Traum, was Realität? Und, diesmal zentral: Was bedeutet es zu sterben?

In einigen Szenen findet Hartmann mit seinem Ensemble dafür eindrückliche, verstörende Bilder. Etwa, wenn Linda Pöppel nackt und blutüberströmt an Seilen in der Luft hängt wie eine Christusfigur und die Zuschauenden fragt: "Wie wollt ihr die Welt retten, ihr Menschen der Wissenschaft, der Industrie, der Assoziationen? Wie?"

Auch sie redet übers Sterben, ihre Scham, ihre Einsamkeit. Bis sie irgendwann als nasses Blutbündel am Boden liegt und sich Elias Arens nackt neben sie legt, bis sie schließlich verstummt. Und dann - Cut - schleift er sie in einer Plastiktüte fort wie ein Stück Rind.

Eklatant ausufernde Szenen und harte, knirschende Brüche

Die längste Zeit aber genügt sich Hartmann darin, seinen persönlichen Albtraumbildern und Bewusstseinsströmen nachzuhängen und mit viel Sentimentalität und Pathos zu bombastischen Elektro- und Piano-Sounds die eigene Endlichkeit zu beweinen.

Die Szenen ufern an diesem viel zu langen Abend eklatant aus, zwischendurch harte, knirschende Brüche. Am Ende folgt dann, wie immer: die Apokalypse, Endzeitstimmung, die Welt liegt in Schutt und Asche.

So sehr man Hartmanns Befragung der Welt jenseits aller Rationalität und oberflächlicher Nacherzählung schätzen muss: Seine neuste Dostojewskij-Episode wirkt in all ihrer Abschweifung weniger universell, weniger das große Ganze hinterfragend, als narzisstisch – und eitel.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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