Starker Wind von Jon Fosse Regie: Jossi Wieler Bühne & Kostüme: Teresa Vergho Musik: Michael Verhovec Dramaturgie: John von Düffel Auf dem Bild: Max Simonischek, Maren Eggert, Bernd Moss. (Quelle: Arno Declair)
Arno Declair
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Deutsches Theater | Kammerspiele - "Starker Wind" von Jon Fosse

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Der Autor Jon Fosse wird gern als der "norwegische Beckett" bezeichnet. Das Wichtigste bleibt unsagbar und steht zwischen den Zeilen. Anfang der 2000er war Fosse einer der weltweit meistgespielten Dramatiker – nach 30 Theaterstücken zog er sich dann aber in die Prosa zurück. Bis dann 2020 ein neuer Monolog für die Bühne erschienen ist, für den er in Norwegen prompt mit dem renommierten Ibsen-Preis ausgezeichnet wurde. Jetzt ist er auch hierzulande mit einem neuen Stück zurück: Das Deutsche Theater in Berlin zeigt die deutschsprachige Erstaufführung von "Starker Wind".

Das Publikum nimmt auf der Drehbühne Platz – und der Schauspieler Bernd Moss sitzt allein im Zuschauerraum. Verkehrte Welt also. Das passt, denn die Hauptfigur, die hier nur "der Mann" heißt, findet sich nicht zurecht in der neuen Wohnung, in die seine Frau gezogen ist, während er auf einer langen Reise war. Und es kommt noch schlimmer: Die Liebste wohnt hier jetzt mit einem anderen, einem jüngeren Mann. Aber ist das überhaupt seine Frau? Warum ist sie blond? Und wo ist eigentlich das Kind? Ist das alles womöglich ein Albtraum, eine Urangst in Bilder gefasst?

Ist hier überhaupt etwas real?

Die Drehbühne setzt sich in Bewegung und 180 Grad später sehen wir das, worauf Bernd Moss aus dem Zuschauerraum schaut: Seine Frau, gespielt von Maren Eggert, auf einer giftgrünen Kletterwand die Höhen und Tiefen zum jungen Mann austarierend, gespielt von Max Simonischek. Wie Fliegen an der Scheibe kleben sie an der Wand oder verrenken sich am Boden – ein rätselhaftes Bild, das der Regisseur Jossi Wieler hier inszeniert hat.

Ebenso surreal die Szene, als das verliebte Paar unter den Stühlen im Saal verschwindet und er mit ihrem Kleid am Leib wieder hervortaucht, sie in seinen Hosen. Ist hier überhaupt etwas real?

Deutsches Theater: Starker Wind © Arno Declair
Bild: Arno Declair

Eindimensionales Selbstgespräch

"Starker Wind" wirkt wie eine Fortschreibung von Fosses Theaterdebüt "Da kommt noch wer" vor 20 Jahren. Darin wartet ein junges Paar im neuen Haus darauf, dass der unvermeidliche Dritte, der Störenfried, kommt. Hier hat sich die Angst des Mannes nun bewahrheitet: der Störenfried hat ihm den Platz genommen.

Vieles an Fosses Schreiben ist unverändert: die Reduktion auf wenige, glasklare Worte, die sich rhythmisch wiederholen, die dröhnende Stille dazwischen. Auch der Symbolismus, der den Boden wanken lässt und die Grenzen zwischen Traum und Realität verwischt: ein Fenster, das für die Sicht auf die Welt steht – aus dem man sich aber tatsächlich in den Tod stürzen kann. Eine kleinere Wohnung, die die schrumpfende Daseinsberechtigung symbolisiert – aus der man aber tatsächlich hinausgeworfen werden kann.

Doch Fosse scheint sich nach seiner langen Theaterpause immer weiter gen Stillstand zu schreiben. Noch handlungsärmer als früher wirkt dieses sehr eindimensionale Selbstgespräch, das allein die Perspektive des betrogenen Mannes beleuchtet. Dass seine Frau ihn rauswirft, kann nur ein Fehler sein. Auch das ist leider ein Charakteristikum von Fosses Schreiben, ob in der Prosa oder im Drama: Die Frau weiß oft nicht, was sie sich tief im Inneren wünscht, und muss vom Mann zu ihrem Glück gezwungen werden.

Festgefroren im lyrischen Stillstand

Doch auch wenn man über das vorsintflutliche Frauenbild hinwegsieht: Die Unbehaustheit, die existenzielle Einsamkeit des Menschen, der finstere Schlund, der sich beim Lesen von Fosse-Texten immer wieder auftut, ist aus diesem Stück heraus kaum auf die Bühne übertragbar.

Jossi Wieler treibt den Text ins Grotesk-Surreale, unterlegt ihn mit einem unheimlichen Rauschen des Windes und findet mitunter eindrückliche Bilder. Letztlich ist dieses "szenische Gedicht" aber so sehr im lyrischen Stillstand festgefroren, dass es auf der Bühne wie eine verrenkte Kunstanstrengung wirkt. Oder ist die Zeit für diese Art des philosophischen Theaters aus männlichem Blick schlicht vorbei?

Es wäre schade, denn Fosses Stimme ist bei allem Anachronismus noch immer eine singuläre in der europäischen Theaterlandschaft.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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