Hans Otto Theater: Die Stützen der Gesellschaft © Thomas M. Jauk
Thomas M. Jauk
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Hans Otto Theater - "Die Stützen der Gesellschaft" von Henrik Ibsen

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Henrik Ibsens erstes realistisches sozialkritisches Stück ist selten auf der Bühne zu erleben. Das hat gute Gründe. Am Potsdamer Hans Otto Theater hatte es in der Regie von Sascha Hawemann jetzt Premiere.

Die vermeintlich größte "Stütze der Gesellschaft" ist in Henrik Ibsens Drama Konsul Bernick, Chef einer großen Werft, der im Ort als moralisch unfehlbar gilt. Er engagiert sich für den wachsenden Wohlstand seiner Küstenstadt und möchte, dass eine Eisenbahnlinie gelegt wird, die mehr Menschen in die Provinz bringt. Und auch der Hilfslehrer soll die Gesellschaft stützen, in dem er die Damen des Hauses moralisch erbaut, während die ihren Stickereien nachgehen.

Doch so moralinsauer, wie Ibsen diese "Stützen" vorführt, riecht man von Anfang an nicht nur eine Leiche im Keller, sondern eine ganze Leichenhalle in den Katakomben dieses Städtchens.

Der Moralischste ist der übelste Charakter von allen

Der Moralischste, Konsul Bernick, ist der übelste Charakter von allen. Vorgeschichte: Vor 15 Jahren hatte er eine Affäre mit einer Schauspielerin, obwohl er bereits fast verlobt war; diese Verlobte verließ er dann jedoch für deren Schwester, da eben jene das große Erbe bekommen sollte. Bernicks bester Freund Johann nahm die Affäre mit der Schauspielerin großzügig auf sich, damit Bernicks Ruf unangetastet blieb und er seine Werft aufbauen konnte.

Johann wanderte nach Amerika aus – und kommt nun zum Beginn des Stücks zurück. Jetzt droht alles aufzufliegen. Für den Konsul kommt das äußerst ungelegen, da er die Bürgerinnen und Bürger vom Bau der Eisenbahn überzeugen möchte, und dafür eine reine Weste braucht. Von der Eisenbahn würde er selbst am meisten profitieren – das Land, auf dem gebaut werden soll, hat er längst mit zwei weiteren "Stützen der Gesellschaft" heimlich aufgekauft und verteilt.

Zudem lässt er aus reiner Profitgier ein marodes Schiff in See stechen – und sogar seinen ehemaligen besten Freund Johann am Ende darauf abreisen, damit die Wellen ihn zum Schweigen bringen: Er geht über Leichen. Da sein eigener Sohn sich jedoch an Bord des Schiffes stiehlt und beinahe ertrinkt, besinnt sich der Konsul letztlich auf das Wesentliche, beichtet seine Sünden – und alles löst sich in Wohlgefallen auf.

Hans Otto Theater: Die Stützen der Gesellschaft © Thomas M. Jauk
Katja Zinsmeister, Guido Lambrecht, Günther Harder, Nadine Nollau | Bild: Thomas M. Jauk

Hawemanns Gegenwart ist 30 Jahre her

Unerlässlich, dass der Regisseur Sascha Hawemann diesen Plot aus der Märchenhandlung schält. Ibsens Dramaturgie wäre heute höchstens noch als Farce spielbar: Der böse Kapitalist, der von jetzt auf gleich die ausbeuterischen Praktiken fürs Wohl der Familie über Bord wirft, gibt es höchstens bei Rosamunde Pilcher.

Doch die Art und Weise, wie Hawemann aktualisiert, kann ebenfalls nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Einerseits entwirft er eine heutige junge Generation, die, in Gestalt des Sohnes Olafs, rechtsradikalen Amokläufern gleicht und den "Öko-Gretas" die Zähne einschlägt. Und die, in Gestalt der jungen Naturschützerin Dina, über die verendenden Wasservögel weint.

Andererseits lässt er den besten Freund Johann, hier Johnny, als Wiedergänger von Kurt Cobain aus New York zurückkehren, als wären wir in den 1990ern. Den ganzen Abend über werden Nirvana-Songs gesungen, fast jeder steht hier mal an der E-Gitarre und spielt "Smells like Teen Spirit" – während Dina dazu headbangt. Als würde die heutige Jugend tatsächlich noch auf Kurt Cobain abfahren. Doch diese Gegenwart ist 30 Jahre her.

Der überdrehte 90er-Jahre Aktionismus ist hauptsächlich anstrengend

Darüber hinaus macht es den Anschein, als hätte es jeder schnelle Einfall auf die Bühne geschafft. Es wird mit Klebeband hantiert und Marx zitiert, statt Stickereien nachzugehen spielt die Frau Konsul jetzt Theater, natürlich berühmte Ibsen-Stücke. Der Lehrer ist ein schrecklicher Nationalist, alle klagen über Bauchkrämpfe und wirken wie kurz vor Exitus.

Viele dieser Ideen sind plausibel, doch in ihrer Häufung ist der überdrehte 90er-Jahre Aktionismus hauptsächlich anstrengend. Dabei ist die Frage nach moralischer Richtungsweisung und Integrität im Kapitalismus ja eigentlich hoch aktuell. Ermüdend auch, dass die Figuren keine Menschen spielen, sondern Karikaturen, die schreien und zetern und aufzogen wirken wie Duracell-Hasen.

Drei Lichtblicke

Ein Lichtblick: Guido Lambrecht. In Gestalt des Konsuls ist er der einzige Schauspieler, der seiner Figur mehrere Eigenschaften geben darf – er ist scharf, komisch, eiskalt, larmoyant, später immer verzweifelter. Ihm schaut man die langen drei Stunden dieses Abend gern zu.

Zweiter Lichtblick, trotz Apokalypse: das Finale. Nichts löst sich bei Hawemann in Wohlgefallen auf – das Schiff geht unter, die Familie stirbt, dem Konsul bleibt nur die Einsamkeit. Die Welt steht vor dem Untergang. Und Lambrecht endet mit einer Rede, die unser aller wohlfeile Herabwürdigung von Unternehmern und Erfindern anprangert, ohne die es weder das Rad noch die Batterie noch einen Impfstoff geben würde.

Und dritter Lichtblick: Die Intendantin Bettina Jahnke, die nicht nur dafür gesorgt hat, dass in Potsdam mit viel Abstand und nur halbvollem Saal gespielt wird, sondern die zum Schlussapplaus alle Zuschauerinnen und Zuschauer auf direktem Weg nach Hause schickte – aufgrund der hohen Corona-Zahlen fiel jede Form der Premierenfeier aus. Passend zum Abend eine moralisch sehr anständige Entscheidung.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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