Gorki Theater: Slippery Slope © Ute Langkafel MAIFOTO
Ute Langkafel MAIFOTO
Lindy Larsson | Bild: Ute Langkafel MAIFOTO Download (mp3, 8 MB)

Maxim Gorki Theater - "Slippery Slope"

Bewertung:

Die israelisch-österreichische Regisseurin Yael Ronen greift in ihren komischen und turbulenten Inszenierungen aktuelle Themen auf, mischt sich frech in gesellschaftliche Debatten ein, spielt furios mit theatralischen Mitteln und Möglichkeiten. Die Theatervisionen entstehen oft zusammen mit dem Ensemble, auch am Berliner Maxim Gorki Theater, an dem sie Hausregisseurin ist. Jetzt brachte sie dort ein von ihr inspiriertes neues Stück mit dem Titel "Slippery Slope" zur Uraufführung.

Der Schlitterpfad führt uns auf eine ziemlich schiefe Ebene, auf der man ganz schön ins Rutschen kommt. "Slippery Slope" ist eine musikalische Revue, eine überkandidelte Show, ein bunter Abend mit grandios verspielten Video-Collagen und tollen Songs, die einem sofort ins Blut und ans Herz gehen.

Schlitterpartie durch Wahn und Wirklichkeit des Zeitgeistes

Es wird gesungen und getanzt, gealbert und geblödelt: eine satirische Farce auf das ausgelutschte, nun aber keck reanimierte Musical-Genre. Es ist, als würden Lady Gaga und Billie Eilish, Eminem und Jay-Z, Beyonce und Taylor Swift sich ein muntres Stelldichein geben, sich Elektro-Pop und Country-Klänge, Gangster-Rap und Soul-Kitchen fröhlich vereinen

Yael Ronen hat das Treiben arrangiert, die eigentlich kreative Arbeit lag bei Shlomi Shaban, Riah May Knight und Itay Reicher, die den musikalischen Reigen komponiert und die klangliche Schlitterpartie durch Wahn und Wirklichkeit des Zeitgeistes mit den passenden Noten versehen haben.

Gorki Theater: Slippery Slope © Ute Langkafel MAIFOTO
Anastasia Gubareva, Lindy Larsson | Bild: Ute Langkafel MAIFOTO

Lustvolles Tummeln auf kommunikativen Problem und medialen Minenfeldern

Die Revue tummelt sich lustvoll auf allen kommunikativen Problem und medialen Minenfeldern, tritt zielgenau in alle Gendersternchen-Fettnäpfchen, mischt sich ein in die Debatten um korrekten Sprachgebrauch und sexuellen Missbrauch.

"Cancel Culture" und "MeToo" werden durch den musikalischen Kakao gezogen, Wahrheit und Lüge, Fehlverhalten, Diskriminierung und Ächtung zu einer klanglichen Kakophonie verschmolzen. Es geht um Fake-News und den Terror der Transparenz, den Hass in den a-sozialen Medien und darum, dass wir oft Freund und Feind nicht mehr unterscheiden können, die Befindlichkeiten von einzelnen Gruppen ins Zentrum des Interesses stellen und dabei die großen sozialen Probleme, Ungleichheit und Ausbeutung, Armut und Hunger, Klima- und Flüchtlingskatastrophe aus dem Blick verlieren.

Jeder braucht eine verbindliche Erzählung, ein Narrativ, das uns die Welt erklärt. Doch was ist, fragen die satirischen Songs, wenn die Wirklichkeit ambivalent ist, die Bösen nicht von den Guten, die Unbestechlichen nicht von den Korrupten zu unterscheiden sind und alles zu einem indifferenten Meinungs- und Gefühlsbrei verschwimmt?

Kitsch pur

Lindy Larsson stolpert in ollen Cowboy-Stiefeln, ranzigen Hippie-Klamotten und fettigen Haaren über die mit Laufstegen, Glitzervorhängen und Mikrofonen bestückte Bühne und gibt einen abgehalfterten Sänger, Gustav, der einst ein umjubelter Bühnen-Berserker war und dann über einen vermeintlichen Missbrauchsskandal tief gefallen ist. Nun versucht er ein Comeback, erinnert sich an alte Erfolge, Songs und Alben, die er in einem Medley besingt und deren Plattencover an die Wände projiziert werden. Er will noch einmal klarstellen, dass er in seine Background-Sängerin Sky unsterblich verliebt war und der Sex immer einvernehmlich war.

Das sieht Sky, die musikalisch dazwischenfunkt und ihre Sicht der Ereignisse besingt, ganz anders: Sie fühlte sich immer von Gustav ausgenutzt und an ihrer eigenen Karriere behindert. Karriere hat sie, nachdem Gustav von den Medien als Frauenfeind geächtet und in den Orkus des Vergessenes verdammt wurde, dann auch gemacht, zusammen mit Shantez, einem ziemlich spinnerten Musiker, der wie ein entrückter Schamane über die Bühne schwebt und zu einem fulminanten Duett mit Sky ansetzt. Während grelle Musikvideos über die Wände flimmern, singen Riah May Knight und Emre Aksizoglu sich die Kehle wund und die Seele aus dem Leib.

Das ist Kitsch pur, klebrig wie ein süßer Lolli aus naiven Kindertagen.

Alle singen im Chor: "Everything I touch turns into shit"

Mit Anastasia Gubareva (Klara) und Vidina Popov (Stanka), beide ganz in schwarz, mischen sich zwei dramatische Stimmen ins Geschehen, beide sind Journalistinnen, beide sind sich spinnefeind. Die umtriebige Klara hat immer zu Gustav gehalten, nicht weil sie ihn und sein Macho-Gehabe mag, sondern weil er um ihre Leichen weiß, die sie im Keller versteckt. Sie hat auf Wunsch ihrer Vorgesetzten eine fundiert recherchierte MeToo-Story unter den Teppich gekehrt und bekam dafür den Sessel der Chefredakteurin.

Die vermeintlich selbstlose Stanka spielt sich zum weiblichen Robespierre der Frauen-Emanzipation auf, fordert moralische Korrektheit, benutzt ihre Worte wie eine scharfe Guillotine, mit denen sie alle abweichenden Ansichten einen Kopf kleiner macht. Dass sie selbstverliebt und karrieregeil ist, bekommt Klara schmerzlich zu spüren. "Believe in me", singt jeder mit dem Brustton höchster Überzeugung.

Doch wer hat recht, wem kann man glauben? Wer am schönsten singt und am besten tanzt, muss kein Heiland, sondern kann ein Scharlatan sein. Denn schließlich singen auch alle gern im Chor: "Everything I touch turns into shit."

Szene aus "Slippery Slope" am Gorki Theater
| Bild: Ute Langkafel MAIFOTO

Endlich wieder Theater zum Lachen!

Das Publikum reagiert regelrecht befreit und beglückt: endlich wieder was zu lachen, nicht schon wieder hysterisches Apokalypse-Theater und grüblerische Endzeit-Debatten, sondern intelligente Unterhaltung, musikalische Leichtigkeit, theatralische Selbstironie. Stück und Inszenierung halten uns den Spiegel vor, sagen: Nehmt euch nicht so ernst, macht euch mal locker, hört den anderen zu, akzeptiert auch abweichende Meinungen, glaubt nicht, ihr hättet die Weisheit mit dem Löffel gefressen: Die Welt ist komplizierter und spannender als ihr denkt!

Die Zuschauer:innen bedanken sich mit herzhaftem Applaus und stehenden Ovationen und hätten nichts gegen eine kleine Zugabe gehabt. Die aber gab es, leider, nicht. "Slippery Slope" wird bestimmt Kult und zu einem Theater-Dauerbrenner.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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