Schaubühne: "Eurotrash" © Fabian Schellhorn
Fabian Schellhorn
"Eurotrash": Joachim Meyerhoff u. Angela Winkler | Bild: Fabian Schellhorn Download (mp3, 7 MB)

Schaubühne am Lehniner Platz - "Eurotrash" von Christian Kracht

Bewertung:

Als Christian Krachts Roman "Eurotrash" im Frühjahr erschien, landete er gleich auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. An der Schaubühne hat sich nun Jan Bosse an einer Bühnenadaption der "Road-Novel" von Mutter und Sohn durch die Schweiz versucht, mit prominenter Besetzung.

Ist das noch ein Hipster oder schon ein Penner? Joachim Meyerhoff schlurft wie eine Karikatur des Autors Christian Kracht persönlich in Parka, Wollmütze und Vollbart auf die leere Bühne, wirft drei Flaschen Wodka in die Mitte und nuschelt dann die ersten Sätze ins Publikum: "Meine Mutter hatte mich angerufen, ich solle doch bitte rasch kommen, es war ganz unheimlich gewesen am Telefon."

Zur "Psycho-Mutter" ins "Aufschneider-Zürich"

Nach Zürich muss der Sohn, der im Roman ebenfalls den Namen Christian Kracht trägt. Seine kranke Mutter besuchen, eine vernachlässigte Alkoholikerin und tablettenabhängige Millionärin, der die Haushälterinnen die Pelze aus dem Schrank und den Mercedes aus der Garage stehlen.

Und während uns dieser Christian vom Aufschneider-Zürich und seiner Psycho-Mutter erzählt, verwandelt er sich: Bart, Brille und Jeans fallen – zugunsten eines hellblauen Anzugs mit rotem Einstecktuch. Unter der Wollmütze trägt Meyerhoff platinblond und sieht nun aus wie ein halbseidener Kunsthändler.

Schaubühne: "Eurotrash" © Fabian Schellhorn
"Eurotrash": Joachim Meyerhoff u. Angela Winkler | Bild: Fabian Schellhorn

Mutter-Sohn-Road-Novel

Das passt, denn nichts versteht Christian Kracht so gut wie die Mimikry seiner Figuren. Spricht hier der Autor, wenn besagter Christian dann auch noch sein Buch "Faserland" erwähnt und seinen Nazi-Großvater? Oder eine fiktive Figur? Wer erinnert hier was – und warum?

All diese Metaebenen sind allerdings vergessen, wenn Angela Winkler als derangierte Edel-Alkoholikerin die Bühne betritt, immer um Contenance bemüht – und gleichzeitig die Giftpfeile aus dem Köcher ziehend. "Du bist schuld an der ganzen Misere!" ruft sie gern.

Und dann rollt sie los, diese Mutter-Sohn-Road-Novel. Jetzt oder nie, denkt sich Christian, schnappt seine Mutter, die Beruhigungstabletten und den Wodka – und hievt sie mitsamt Rollator ins Taxi. In der Schaubühne ist das ein großes Segelboot, das poetisch aus der Tiefe emporsteigt und vom Duo mühsam bestiegen und navigiert wird.

Meyerhoff gibt dem Affen Zucker, wo er kann

Mit 600.000 Schweizer Franken, die die Mutter mal eben aus Aktiengeschäften abzieht, reisen die beiden im Taxi in die Berge, landen in einer rechten Esoterik-Kommune, essen Forelle wie vor 40 Jahren, bleiben in der Seilbahn stecken und lassen die Tausender von einer Windböe in den Abgrund wehen. Doch während die Reise im Roman nur als Auslöser für die Frage dient, ob und wie Vergangenheitsbewältigung in der dritten Generation gelingen kann, am Beispiel eines Enkels, der im Nazi-Geld seines Großvaters schwimmt – wird diese Oberfläche, der Road-Trip, auf der Bühne zur Hauptsache.

Und weil das Buch weniger auf Handlung angelegt ist als auf Beobachtung, Reflexion, Erinnerung, gibt Meyerhoff dem Affen Zucker, wo er kann, und rettet sich in Slapstick, wenn die Durststrecken all zu lang werden: etwa, indem er mit dem Beutel jongliert, den er seiner Mutter am künstlichen Darmausgang wechseln muss.

Schaubühne: "Eurotrash" © Fabian Schellhorn
"Eurotrash": Joachim Meyerhoff u. Angela Winkler | Bild: Fabian Schellhorn

Angela Winkler erschafft eine hinreißend giftige, zugleich geschundene Kreatur

Angela Winkler dagegen, diese so mädchenhaft verträumt wirkende Erscheinung, erschafft eine hinreißend giftige, zugleich geschundene Kreatur, eine weise Närrin, deren Komik sich aus dem Bewusstsein für die Abgründe der Menschheit speist. Und die ihren Sohn längst durchschaut hat:

"Deine Mutter. Verspricht ihr wer weiß was, weil sie sich ja ständig betrinken muss und Tabletten schlucken. Und schiebt dann alles auf die Schweiz, die Nazis und den Zweiten Weltkrieg", schreit sie.

Berührend-komisch, wenn auch fernab der Krachtschen Doppelbödigkeit

Die Nazis und der Zweite Weltkrieg waren zuvor allerdings nur nebenbei erwähnt worden, sodass der Ausbruch unvermittelt kommt. Die tieferen Ebenen des Romans gehen auf der Bühne verschütt. Wer ist gestörter – Mutter oder Sohn? Auf diese Frage lässt sich die Inszenierung letztlich reduzieren.

Doch bei einem Traum-Duo wie Angela Winkler und Joachim Meyerhoff verzeiht man Vieles. Und so ist diese zweieinhalbstündige Segeltour auch fernab der Krachtschen Doppelbödigkeit als letzte Annäherung zwischen Mutter und Sohn berührend-komisch anzusehen.

Barbara Behrendt, rbbKultur

Mehr

Weitere Rezensionen

Starker Wind von Jon Fosse Regie: Jossi Wieler Bühne & Kostüme: Teresa Vergho Musik: Michael Verhovec Dramaturgie: John von Düffel Auf dem Bild: Max Simonischek, Maren Eggert, Bernd Moss. (Quelle: Arno Declair)
Arno Declair

Deutsches Theater | Kammerspiele - "Starker Wind" von Jon Fosse

Der Autor Jon Fosse wird gern als der "norwegische Beckett" bezeichnet. Das Wichtigste bleibt unsagbar und steht zwischen den Zeilen. Anfang der 2000er war Fosse einer der weltweit meistgespielten Dramatiker – nach 30 Theaterstücken zog er sich dann aber in die Prosa zurück. Bis dann 2020 ein neuer Monolog für die Bühne erschienen ist, für den er in Norwegen prompt mit dem renommierten Ibsen-Preis ausgezeichnet wurde. Jetzt ist er auch hierzulande mit einem neuen Stück zurück: Das Deutsche Theater in Berlin zeigt die deutschsprachige Erstaufführung von "Starker Wind".

Download (mp3, 6 MB)
Bewertung:
Gorki Theater: Slippery Slope © Ute Langkafel MAIFOTO
Ute Langkafel MAIFOTO

Maxim Gorki Theater - "Slippery Slope"

Die israelisch-österreichische Regisseurin Yael Ronen greift in ihren komischen und turbulenten Inszenierungen aktuelle Themen auf, mischt sich frech in gesellschaftliche Debatten ein, spielt furios mit theatralischen Mitteln und Möglichkeiten. Die Theatervisionen entstehen oft zusammen mit dem Ensemble, auch am Berliner Maxim Gorki Theater, an dem sie Hausregisseurin ist. Jetzt brachte sie dort ein von ihr inspiriertes neues Stück mit dem Titel "Slippery Slope" zur Uraufführung.

Download (mp3, 8 MB)
Bewertung: