Tanztage Potsdam: Adi Boutrous - "One More Thing" © Ariel Tagar
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Potsdamer Tanztage | fabrik Potsdam - Adi Boutrous: "One More Thing"

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Ein Tanzstück für vier Männer, ein Quartett der Intimität. Das ist "One More Thing", das Stück des israelischen Choreografen Adi Boutrous. Gestern hatte es Deutschlandpremiere in der fabrik Potsdam bei den Potsdamer Tanztagen.

Für Adi Boutrous, Jahrgang 1989, waren Übergangsrituale in westafrikanischen Kulturen, wenn in rituellen Zeremonien aus Jungen Männern werden, eine der Inspirationsquellen. Von dieser konkreten Bedeutung hat er sich jedoch weit entfernt.

Was kann es bedeuten, ein Mann zu sein

Er zeigt keinen Prozess einer Mannwerdung, sondern fragt, was es bedeuten kann, ein Mann zu sein. Und seine Antworten sind ungewöhnlich, denn er findet zu einer Intimität, die im Tanz selten zu sehen ist - vor allem, wenn ausschließlich Männer tanzen. Da gibt es zumeist Hierarchie-Positionsrangeleien oder ein Raumeinnehmen und Raumbesetzen oder machohafte körpersprachliche Stereotype – mit alldem hält sich Adi Boutrous gar nicht erst auf.

Tanztage Potsdam: Adi Boutrous - "One More Thing" © Ariel Tagar
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Zärtlichkeiten – das Miteinander genießen

Er zeigt vier Männer, alle um die Dreißig, die sich nah sind und noch näherkommen, die keine Berührungsängste haben und Zärtlichkeit nicht scheuen, die Rangeleien untereinander nicht nötig haben - sie könnten Freunde sein oder Fremde, die sich respektvoll begegnen. Es gibt in diesem Stück kein erotisches Begehren und auch keine Figurenpsychologie und keine Entwicklungsdramaturgie. Wir sehen, wie die vier ihr Miteinander genießen und vertiefen, in einem dynamischen Tanz mit Wurzeln in der Akrobatik, wobei Adi Boutrous die Hebe- und Tragefiguren immer aus dem Tanz heraus entstehen lässt.

Außergewöhnliche Lösungen in der Akrobatik

Und so heben sie einander über Kopf und Schulter, bauen Pyramiden im Stehen und Liegen, tragen, stützen und halten einander und das zumeist im Viererknäuel und mit zumeist außerordentlichen Lösungen.

So kann es in einer einzigen langen Bewegungssequenz geschehen, dass jeder der vier gehoben, geworfen und aufgefangen wird. Ihre Körper sind eigentlich völlig verknäult, die Bewegungsmöglichkeiten eigentlich eingeschränkt - aber von irgendwoher kommt ein haltender Arm, ein stützendes Knie, eine Hand, die den Körper vorm Sturz bewahrt und in eine neue Hebung führt.

Es hat mit herkömmlicher Akrobatik nichts mehr zu tun, wenn sie übereinander klettern, unter den Leibern der anderen hervorkommen, ineinander sinken, aufeinander liegen. Oder wenn alle vier sich aus dem Yoga-Sitz erheben, in dem sie, sich an den Händen haltend, ihre Kräfte bündeln. Keiner von ihnen könnte ganz allein derart aufstehen, das gelingt nur, weil alle gemeinsam die Bewegung teilen.

Die Gruppe als ein Schutzraum

Das ist der zweite zentrale und ungewöhnliche Aspekt an diesem Stück über das Mannsein. Die Gruppe ist kein Ort des Zwanges, wie sonst üblicherweise, sondern ein Schutzraum, in dem jeder sich aufgehoben fühlen kann, ohne sich selbst aufgeben zu müssen. Dadurch gibt es auch keine Aggressionen oder Widerstände in der Gruppendynamik.

Alle vier haben auch eigene Soli, zeigen ihre von der Gruppe unabhängige Individualität. Da tanzen sie in ihren Alltagshosen und T-Shirts Szenen der Selbstsuche, der Unruhe und Unsicherheit. Einer stürzt sich in ein aberwitziges Glieder-Schleudertrauma-Solo, Adi Boutrous kriecht rückwärts, schüttelt den Körper, den Kopf. Ruhe und Gelassenheit gibt es in diesen vier Soli nicht.

Die finden sie nur im Tanz miteinander, im Vertrauen zueinander und in der Zärtlichkeit, mit der sie sich halten und führen.

Keine Dominanz, keine Hierarchie

Adi Boutrous geht es im Kern darum, wie Körper weich und durchlässig werden können, wie Hingabe möglich werden kann und auch Passivität, ohne dass dadurch Dominanz entsteht oder Machtverhältnisse zu wirken beginnen.

Tanztage Potsdam: Adi Boutrous - "One More Thing" © Ariel Tagar
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Sanfte Intimität, friedvolle Ernsthaftigkeit

"One More Thing" ist erst die sechste Choreografie von Adi Boutrous und die vorherigen waren Stücke in den kleineren Formaten Solo, Duo, Trio – man sieht hier auch, dass er darin die tiefsten Erfahrungen hat. Aber wie er in diesem Stück mit der Quartett-Struktur arbeitet, mit immer fließenden, aus dem Tanz entstehenden Auflösungen und Neuverbindungen, ist schon sehr reif und weit entwickelt.

Das Faszinierende an diesem Stück sind die sanfte Intimität und die Umdeutung der Gruppe als Raum des Vertrauens, der Verbundenheit und des Ineinander-Ruhen-Könnens. Das Faszinierende ist die unpathetische friedvolle Ernsthaftigkeit, frei von jedem Gefühls- oder Achtsamkeitskitsch.

Ein exzellentes Stück – wie schon so oft bei den Gastspielen der Potsdamer Tanztage in diesem Jahr.

Frank Schmid, rbbKultur

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