Hans Otto Theater: "In den Gärten oder Lysistrata Teil 2" von Sibylle Berg © Thmas M. Jauk
Thomas M. Jauk
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Hans Otto Theater - "In den Gärten oder Lysistrata Teil 2" von Sibylle Berg

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Seit Jahren zieht die Autorin Sibylle Berg mit Schärfe und Spott gegen die klassischen Geschlechterrollen zu Felde. Ihr Stück "In den Gärten oder Lysistrata Teil 2" beschreibt eine Zukunft, in der die Frauen die Welt regieren und Männer nur noch im Museum zu finden sind. Die Regisseurin Anna-Elisabeth Frick inszeniert es im Potsdamer Hans Otto Theater wie eine Séance, in der die Geister der Vergangenheit lebendig werden.

Ein Betonmischer rumpelt auf der halbdunklen Bühne – minutenlang. Es geschieht nicht viel mehr, als dass Menschen, die verknäuelt auf dem Boden liegen, sich erheben und ihre Glieder strecken. Es dauert fast eine Viertelstunde, bis sie die ersten Sätze vor sich hinmurmeln – derart verschlafen, dass der leichtfüßige, vor Ironie und Sarkasmus sprühende Text zu einem schweren Klumpen wird.

In neuen Zeit haben die Frauen die Macht übernommen, es herrschen Ruhe und Frieden

Drei Priesterinnen mit langem blondem Haar umkreisen einen Schrein, auf dem Adam und Eva abgebildet sind. Im Text ist eigentlich von einem Museum die Rede, das in Sälen, die wie Gärten gestaltet sind, typisch männliche und typisch weibliche Verhaltensweisen präsentiert. Wir blicken aus der Zukunft zurück auf die Gegenwart und wundern uns, wie unlogisch und falsch alles war.

In neuen Zeit haben die Frauen die Macht übernommen. Es herrschen Ruhe und Frieden.

Es gibt noch drei Männer vom alten Schlag

Doch im Museum gibt es noch drei Männer vom alten Schlag. Sie heißen alle Bernd und stellen sich im Chor als "das überlegene Geschlecht" vor.

Hans Otto Theater: "In den Gärten oder Lysistrata Teil 2" von Sibylle Berg © Thomas M. Jauk
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"Ich habe die Geschichte der Welt geschrieben!". Da die drei auf der Bühne aber nur schwarze Pyjamahosen tragen, sehen sie ziemlich lächerlich aus. Sie sind die Spielpartner, mit denen die Priesterinnen durch die "Gärten" des Museums wandern und die alten Zeiten noch einmal heraufbeschwören.

Kraftvolle Pointen, müdes Spiel

Im "Vorspielgarten" bereiten sich Männer und Frauen auf ihr erstes Date vor. Im "Liebesgarten" begegnen sie sich und sind enttäuscht, weil Wunschbilder und Realität kaum übereinstimmen. Im "Missionarsgarten" kommt es zum ersten Sex – natürlich nur verbal.

Der Text beschreibt die Peinlichkeiten des Liebesspiels, die Schauspielerinnen und Schauspieler geben sich unbeholfenen gymnastischen Übungen hin. Die Komik hält sich allerdings in Grenzen. Egal wie kraftvoll der Text Pointen abfeuert, das Spiel läuft müde hinterher – auch als die Geschichte eine überraschende Wendung nimmt. Nach dem Sex folgen Partnerschaft und Kindererziehung – und auf einmal wollen die Männer gar nicht mehr hart und dominant sein.

Sie kümmern sich um die Kinder und gründen Männergruppen, während die Frauen – von der belastenden Haushaltsarbeit befreit – Karriere machen.

Eine Frage bleibt unbeantwortet

Die blonden Priesterinnen berichten mit leuchtenden Augen von Sexspielzeugen, die sie allein benutzen können. Doch die Befriedigung währt nicht lange. "Nichts hat sich geändert, außer dass wir jetzt die Welt beherrschen", stellen sie verwundert fest, und als sich die Männer verabschieden und winkend hinter den großen Flügeltüren des Adam-und-Eva-Schreins verschwinden, blicken sie ihnen traurig hinterher.

Dass Machtumkehr keine Lösung ist, ist sofort klar. Doch was stattdessen geschehen sollte, diese Frage lassen Stück und Inszenierung unbeantwortet.

Oliver Kranz, rbbKultur

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