Carolin Haupt, Robert Beyer, Lukas Turtur, Jenny König, Genija Rykova, Konrad Singer (Quelle: Gianmarco Bresadola)
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Schaubühne am Lehniner Platz - "Reden über Sex" von Maja Zade

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Maja Zade und Marius von Mayenburg verbindet manches: Beide beschreiben und kommentieren in ihren Theaterstücken den unübersichtlichen Zustand des Zeitgeistes, führen Regie, arbeiten dramaturgisch. Gern gemeinsam und oft an der Berliner Schaubühne. Kürzlich hat Marius von Mayenburg dort Maja Zades Stück "status quo" uraufgeführt. Auch jetzt war er bei der Uraufführung von Maja Zades neuem Stück "reden über sex" an der Schaubühne wieder für die Regie verantwortlich.

Der Titel ist Programm: Sechs Personen mittleren Alters, drei Frauen, drei Männer, treffen sich zu einem monatlichen Gesprächskreis, um zwei Stunden lang über Sex zu reden. Über ihre Erfahrungen und Erlebnisse, Ängste und Wünsche, was sie erregt, verwirrt, verzaubert, warum sie mal zu viel und mal gar keinen Sex haben.

Schaubühne am Lehniner Platz: "Reden über Sex" von Maja Zade © Gianmarco Bresadola
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Wir erfahren wenig über die Personen, woher sie sich kennen, was sie sich von den Gesprächen erhoffen: alles bleibt vage. Es gilt: Sprechen und Zuhören, Bericht und Beichte. Nur dass niemand auf Erlösung wartet. Zum Schluss wird festgelegt, wer beim nächsten Mal für Knabberzeug sorgt. Es ist kein Therapeut oder Analytiker dabei, der die seelischen Abgründe ausleuchtet, Wahrheit und Lüge herausdestilliert.

Die Therapeuten und Analytiker sitzen im Publikum: Den Zuschauer:innen obliegt es, darüber zu spekulieren, welche Konsequenzen sich aus das Reden über Sex ergeben könnten. Vieles ist nicht jugendfrei, manches pornografisch.

Reden über Sex

Deshalb hier nur ein paar Andeutungen: Ein Mann berichtet, er sei wieder ins Haus seiner alten Mutter gezogen, weil sie nach einem Schlaganfall bettlägerig ist und Hilfe braucht. Als er sich an ihr Bett setzt, greift sie plötzlich nach seinem Penis. Nicht nur der gezielte, fordernde Griff der Mutter verwirrt und beschämt ihn, sondern auch, dass ihn das sexuell total erregt.

Eine Frau erzählt, dass ihr Freund am liebsten mit ihr schläft, wenn sie ihre Tage hat, das Blut sei für ihn wohl eine Art Fetisch und würde ihn zu sexuellen Höchstleistungen anspornen.

Ein Mann beichtet, dass er noch nie richtigen Sex hatte: Denn beim ersten Mal, vor 15 Jahren, hat seine Freundin, kaum dass beide nackt waren, nach ihrer Kleidung gegriffen und fluchtartig das Bett verlassen: Sein Penis war ihr einfach zu klein. Eine lesbische Frau erklärt, dass es sie besonders erregt, bewegungslos auf einem Stuhl zu sitzen, zu einem Möbelstück zu mutieren und ihrer Lebenspartnerin dabei zu beobachten, wie sie heftigen Sex mit einem Mann hat. Ein schwuler Mann offenbart, dass er mit seinem Partner in der Hochzeitsnacht das erste mal richtig geschlafen hat, vorher lagen sie nur nebeneinander und haben sich mit flüchtigen Berührungen und erotischen Worten bis zum Orgasmus stimuliert.

Ein Frau berichtet, wie einmal die Batterien ihres Vibrators leer waren und sie dann hektisch die Batterien ihrer Weihnachtsbaumbeleuchtung heraus geklaubt hat: Da kann man dann - endlich einmal - auch ein bisschen schmunzeln.

Die Zuschauer:innen werden zu Voyeuren degradiert

Der Zuschauer fühlt sich unwohl, hat das Gefühl, zum Voyeur degradiert und sich Dinge anhören zu müssen, die nicht für ihn bestimmt sind und die er gar nicht hören möchte. Es ist eine vertrackte Versuchsanordnung darüber, wie schwer es ist, über Sex zu reden, über verdrängte Sehnsucht, vergessene Träume. Was man lieber verschweigt und ungesagt lässt. Dass schon das Reden über das Unsagbare befreiend sein kann. Für den Zuschauer aber ist es nicht befreiend, sondern beklemmend. Manchmal auch unfreiwillig komisch.

Spannender wäre es gewesen, über erotische Machtverhältnisse in der neo-liberalen Gesellschaft zu sprechen, wo sich alles um Gewinn und Verlust dreht, Sex instrumentalisiert und zu einer politischen Metapher wird. Die Soziologinnen Eva Illouz und Dana Kaplan haben das in ihrem Buch "Was ist sexuelles Kapital?" (Suhrkamp) plausibel aufgedröselt. Stattdessen erfahren wir, warum der eine gern unter Dusche masturbiert und die andere es toll findet, sich einen künstlichen Penis umzubinden.

Der Regie-Kokolores entlarvt den eigentlichen Kern des Problems

Ob gewollt oder ungewollt, durch die Inszenierung wird der ernsthafte Duktus der Sex-Tiraden satirisch aufgeladen und ins Absurde überführt. Regelmäßig werden Mikrofone gezückt und Lieder gesungen, "Wrong" von Depeche Mode, "Relax" von Frankie Goes to Hollywood, "Put Your Lights On" von Santana, einmal wird auch erotisch mit den Hüften gewackelt und ein Tänzchen gewagt. Man weiß nicht, warum und was es soll, aber die traurige Endlos-Suada wird so zeitweilig zu einer munteren Musik-Revue.

Schaubühne am Lehniner Platz: "Reden über Sex" von Maja Zade © Gianmarco Bresadola
Bild: Gianmarco Bresadola

Gelegentlich werden Yoga-Matten ausgerollt, Gymnastik- und Atemübungen absolviert, einmal geraten zwei Streitende heftig aneinander und balgen sich, jemand fällt, weil er das Gerede über Sex nicht mehr aushält, in Ohnmacht, Kunstpausen und Versprecher werden eingebaut.

Das steht alles nicht im klein geschriebenen, fast interpunktionslosen Text, aber der an den Haaren herbeigezogene Regie-Kokolores entlarvt mit all seinen ironischen Verfremdungseffekten immerhin, dass das Reden über Sex selten zum eigentlichen Kern des Problems führt. Alle sind so schrecklich einsam und allein, verstört und verloren da oben auf der leeren Spielfläche sind. Man möchte auf die Bühne springen und alle in den Arm nehmen und trösten. Aber das geht in Corona-Zeiten natürlich nicht.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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