FEINSTOFF Szenenfoto mit (v.l.n.r.): Susann Thiede, Thomas Harms, Sophie Bock, Johannes Scheidweiler foto: Marlies Kross
Marlies Kross
Bild: Marlies Kross Download (mp3, 10 MB)

Staatstheater Cottbus | Kammerspiele - "Feinstoff. Vier Versuche mit Seide" von Lars Werner

Bewertung:

Einige Zeit war Lars Werner, 1988 in Dresden geboren, nur ein literarischer Geheimtipp. Doch seit der Autor für sein Stück "Weißer Raum" 2018 den Kleist-Förderpreis erhielt, ist er auf dem besten Weg, in die erste Liga der zeitgenössischen Literatur aufzusteigen. Am Nationaltheater Mannheim arbeitet er am neu gegründeten Institut für Digitaldramatik. Das Staatstheater Cottbus hat bei ihm ein Stück in Auftrag gegeben. Es trägt den Titel "Feinstoff. Vier Versuche mit Seide". Uraufführung war jetzt in der Kammerbühne.

Bei Cottbus denkt man an Braunkohle und Luftverschmutzung, Energiewende und Arbeitsplatzvernichtung. Doch Cottbus war einst auch ein wichtiges Zentrum der Tuch-Industrie, der Herstellung und Veredelung von Seide. Das Preußische Heer, die Deutsche Wehrmacht, die Nationale Volksarmee - alle brauchten Umformen, der zunehmende Massenkonsum preiswerte Kleidung, die man in DDR-Zeiten gegen harte Devisen ins Ausland verkaufen konnte: sie wurde in Lausitzer Fabriken hergestellt, zuletzt im Textilkombinat Cottbus, das die Wende nicht überstand.

Geblieben sind nur Ruinen, industrielle Brachen und der Versuch, sich der fast vergessenen Geschichte wieder zu vergegenwärtigen.

Alles dreht sich um Seide und darum, was Seide mit Macht und Widerstand verbindet, mit Arbeit und Ausbeutung

Das alles wird nicht explizit durch dekliniert, aber es rumort als Hintergrundgeräusch durchs Stück, das sich auf einen eher exotischen Bereich der Stoffverarbeitung in Cottbus kapriziert und sie in den Kontext politischer und kultureller Absurditäten stellt. Denn alles dreht sich um Seide, Maulbeerbäume und Seidenspinner, "Morus Alba" und "Bombyx Mori", darum, was Seide mit Macht und Widerstand verbindet, mit Arbeit und Ausbeutung.

Lars Werner will das große Ganze und wirft Schlaglichter auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der erste Versuch führt ins Jahr 1943, die sorbische Minderheit wird von den Nazis umgesiedelt, ein Lehrer entgeht der Verfolgung und versteckt sich in den Wänden seiner Schule, verpuppt sich wie eine Raupe in einem Kokon. Hilfe bekommt er von einer sorbischen Schülerin. Sie boykottieren die Seidenproduktion, die die Schule leisten muss, damit die Nazi-Flieger genug Fallschirme haben. Sie lesen auch in einem alten Theaterstück, "Morus Alba", in dem es um Preußenkönig Friedrich II. geht, seine Vorliebe für Maulbeerbäume und Seidenproduktion, mit der er die Bevölkerung drangsaliert.

Staatstheater Cottbus: "Feinstoff" © Marlies Kross
Bild: Marlies Kross

Vier Versuche - von der Vergangenheit bis in die Zukunft

Das führt direkt zum zweiten Versuch, zurück ins Jahr 1776: Charlotte, die Autorin von "Morus Alba" lebt in einem Cottbusser Waisenhaus, das für den König Maulbeerbäume pflanzen muss. Das Mädchen ist frech, schreibt aufrüttelnde Verse und wird von Friedrich, der sich gern als Aufklärer gibt, an seinen Hof zitiert. Sie diskutieren über Männerherrschaft, Frauenrechte und Preußischen Militarismus.

Der dritte Versuch springt ins Jahr 1983: Die Stasi verhaftet und verhört die Mitglieder der Cottbusser Umweltgruppe "Morus Alba", die die Textilproduktion sabotiert.

Der vierte Versuch reist in die Zukunft, ins Jahr 2154, die Klima-Katastrophe hat stattgefunden, alles ist öde und kaputt und die Zeit von Maulbeerbaum und Seide nur eine ferne Erinnerung in einer digitalen Dystopie. Als wäre das nicht schon genug, gibt es auch noch ein bizarres Zwischenspiel, das uns nach Island verschlägt, ins Jahr 1783, ein verheerender Vulkanausbruch spuckt Lava und Asche aus, finstere Wolken verdüstern den Himmeln über Europa, die Maulbeerbäume in Preußen sterben ab, die Seidenproduktion fällt aus.

Wer sich nicht über Stück und Autor informiert, versteht nur Bahnhof

So viele Zeiten, Orte, Figuren: Wer sich nicht über Stück und Autor informiert, versteht nur Bahnhof. Leidlich zusammengehalten wird alles durch das Thema Arbeit und Ausbeutung, Aufstieg und Niedergang der Seidenproduktion. Sowie durch dramaturgische Mittel, die sich durch alle "Versuche" ziehen: Immer gibt es einen so genannten "Stadtplaner", der als Erzähler agiert, die Strippen zeiht, durchs Geschehen führt. Außerdem gibt einen mit ätzenden Worten agierenden "Chor" der Schüler und Soldaten, Waisen, inoffiziellen Mitarbeiter und Seidenspinner: allwissender "Stadtplaner", kommentierender "Chor" und dröhnende Sprache erinnern an episches Theater von Brecht und Geschichtsfatalismus von Müller. Muss nicht schlecht sein. Ist es hier aber.

Ein überflüssiger Bühnenirrtum

Die Bühne sieht aus wie bei Hempels unterm Sofa, ein kunterbunter Allerlei, eine wüstes Requisiten-Chaos, Turnmatten, Plastikrohre, Stoffreste, Heizungskörper, Stücke von Kunstrasen, Stühle, Tische, Mikrofone, Tonbandgeräte - ein wildes Durcheinander, alles wird irgendwann benutzt und dann wieder achtlos entsorgt.

Alles fließt nahtlos ineinander, für die einzelnen Szenen und Seiden-Versuche brauchen sich die vier Darsteller:innen (Susann Thiede, Sophie Bock, Thomas Harms, Johannes Scheidweiler) nicht einmal umziehen, sie behalten bei ihrem Historienreigen und Rollengewusel ihre Alltagskleidung an: Rollkragenpullover, schlabbriges T-Shirt, Hosenanzug, Kleid.

Männer spielen Frauen, Frauen spielen Männer, der Chor besteht manchmal nur aus einem einsamen Rufer in der Theaterwüste, manchmal verkeilen sich alle vier Mimen zu einem Sprachstampfen, an dem Einar Schleef seine Freude gehabt hätte.

Wer auch immer sich als "Stadtplaner" verkleidet, fingert an einem Keyboard herum, untermalt seine ironischen Kommentare mit einem schrägen Melodiensalat. Es wird falsch gesungen und albern geblödelt, Klischees sind Trumpf.

Beim Ausflug nach Island werfen sich alle ausgefranste Felle um, schreien Zeter und Mordio, schießen mit der Discokugel Lichtreflexe ab, dass einem schwindelig wird. Bei der Reise in die Zukunft flackern Bildschirme, reden alle mit knarzender Computerstimme, entern Kinder die Apokalypse und stöbern in den Ruinen von Cottbus und der misslungenen Inszenierung.

Manches wirkt wie eine Parodie auf eine schlechte Schülerinszenierung, das liegt weniger an den Schauspieler:innen als an dem konzeptlosen Regisseur, der nicht weiß, was er sagen und zeigen will, und an dem verquasten Text: eine kaum spielbare, hölzerne, papierne Kopfgeburt, ein überflüssiger Bühnenirrtum. Bitte schnell entsorgen.

Frank Dietschreit, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)
Krafft Angerer

22. Theatertreffen - "Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)"

Ein Theaterabend, dem eine Triggerwarnung vorausgeschickt wird – das ist neu. "Der Text enthält Schilderungen von sexualisierten Gewalthandlungen, die belastend und re-traumatisierend wirken können", schreiben die Münchner Kammerspiele auf ihrer Homepage – genau so hat es das Theatertreffen übernommen. Auch "Ab 16 Jahren" steht dort. Beides kann sich allerdings nicht auf die Inszenierung beziehen.

Download (mp3, 6 MB)
Bewertung:
steppenwolf_c_arno-declair
Arno Declair

Deutsches Theater - "Der Steppenwolf" von Lilja Rupprecht

Lilja Rupprecht ist auf dem besten Weg, in die erste Liga des deutschsprachigen Regie-Theaters aufzusteigen. Ihre Inszenierungen sorgen immer für Aufsehen und Diskussionen. Nach "Antigone" und "Ode" inszeniert sie jetzt bereits zum dritten Mal am Deutschen Theater in Berlin. Diesmal hat sie sich Hermann Hesses Kult-Roman "Der Steppenwolf" vorgenommen, der 1927 erschien und den Weltruhm des späteren Literaturnobelpreis-trägers begründete.

Download (mp3, 8 MB)
Bewertung:
Schaubühne: Beyond Caring © Gianmarco Bresadola
Gianmarco Bresadola

Schaubühne Berlin - "Beyond Caring" von Alexander Zeldin

Im Herbst 2021 war der britische Theatermacher Alexander Zeldin mit seiner Produktion "LOVE" beim Festival Internationale Neue Dramatik (FIND) zu Gast an der Schaubühne. Jetzt arbeitet er hier erstmals mit den Schauspieler:innen des Ensembles an der deutschsprachigen Inszenierung seiner Produktion "Beyond Caring". Das Stück über Putzkräfte in einer Fleischfabrik wurde 2014 in London uraufgeführt und ist nun in Berlin zu sehen.

 

Download (mp3, 8 MB)
Bewertung: