Volksbühne: Constanza Macras & Dorky Park: The Future © Thomas Aurin
Thomas Aurin
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Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz - "The Future" von Constanza Macras

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Die Choreografin Constanza Macras hat schon während der Interimsintendanz von Klaus Dörr recht erfolgreich an der Volksbühne inszeniert – beim neuen Intendanten René Pollesch gehört sie zu den Hausregisseurinnen. Mit "The Future" zeigt sie ihre erste Arbeit unter neuer Leitung.

Die ersten Bilder des Abends sind stark: Eine Tänzerin streckt verzweifelt ihre Arme hinter einem Bauzaun hervor, versucht, über ihn zu klettern – und scheitert. Das sich abschottende Europa kommt einem in den Sinn, die Menschen in den eiskalten Wäldern an der weißrussischen Grenze.

Stimmungswechsel

Szenenwechsel: Menschen rennen zu Elektrobeats über die Bühne, stoppen plötzlich wie eingefroren und fallen leblos zu Boden, immer wieder, immer mehr von ihnen, bis sie alle wie tot daliegen. Zweifellos, scheint das zu sagen, hält die Zukunft eines ganz sicher für uns bereit: das Sterben.

Stimmungswechsel und harter Schnitt hin zum Swing: Von einem großen Feuer, das gar nicht so schlimm war, singen und swingen die Tänzerinnen, von einer unglücklichen Liebe, die einen auch nicht umgebracht hat und von der tollsten Zirkus-Show, die halt auch nur eine Show war – wenn das alles ist, was das Leben zu bieten hat, dann lasst uns weitertrinken, feiern und tanzen.

Volksbühne: "The Future" von Constanza Macras © Thomas Aurin
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Ein Potpourri aus Songs, Choreografien, Bildern, Kostümen und Diskursschnipseln

Eindrückliche, stringente erste 20 Minuten, mit denen die dann folgenden anderthalb Stunden kaum mithalten können. Wie so oft bei Constanza Macras folgt nun ein Potpourri aus Songs, Choreografien, Bildern, Kostümwechseln und theoretischen Diskursschnipseln, die Dutzende Themen oberflächlich anreißen – sich aber nicht zu einem Ganzen formen, sondern disparat nebeneinanderstehen.

Das Orakel von Delphi tritt in Toga auf einen der beiden blauen Plastikberge auf der Bühne und weissagt den Menschen die Zukunft. Später geht es in die 80er Jahre, in den Club Dystopia, wo nicht nur das Ende dieser Disco durch explodierende Mieten vorausgesagt wird, sondern auch das Ende jedes Individualismus. Mit H&M-Klamotten werden wir dem Klimawandel unseren Tribut zollen, heißt es da – nach der Angst vor dem Atomkrieg ist er unser neues Weltuntergangsszenario.

Zwischendurch streut das Ensemble Gedanken von Walter Benjamin und Jaques Derrida ein, streift die Relativitätstheorie, trägt Schrödingers Katze herein und denkt über die Zeit als solche nach: Ist sie ein linearer Vorgang? Oder ein zirkulärer, bei dem sich alles wiederholt?

Über das Konzept "Zukunft" hat der Abend wenig zu sagen

Bei Constanza Macras hängen wir in der sich wiederholenden Zeit im Retro der 1980er Jahre fest: Szenen aus "Dallas" werden als Comedy in Dauerschleife zitiert, der "Dirty Dancing"-Soundtrack und die Hits des Jahrzehnts eingespielt, während auf dem Club-Dancefloor die schönsten Tüll-Kleider und Irokesen-Schnitte wetteifern und religiöse Symbole zum selfietauglichen Accessoire verkommen.

Volksbühne: "The Future" von Constanza Macras © Thomas Aurin
Bild: Thomas Aurin

Schließlich endet alles in einer blutigen Schlacht der Weltgeschichte: Wikinger, Römer, Alte Griechen, Manager und Cowboys ziehen sich die Keulen und Schwerter über – Kriege gibt’s immer, soll das wohl heißen.

Ein bunter Gemischtwarenladen aus halbgaren Gedanken, gängigen Choreografien, hübschen Kostümen und Ironiefetzen ist dieser Abend, lustig mitunter, aber über das Konzept "Zukunft" hat er wenig zu sagen und entlässt einen eher achselzuckend in die pandemieüberschattete Dezembernacht. Der eindrückliche Auftakt vom sich abschottenden Europa ist da schon fast vergessen.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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