Berliner Ensemble: "Mein Name sei Gantenbein" von Max Frisch © Matthias Horn
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Berliner Ensemble - "Mein Name sei Gantenbein" von Max Frisch

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Oliver Reese ist Intendant des Berliner Ensembles, Dramaturg, Autor und Regisseur. Gern inszeniert er von ihm selbst verfasste Bühnenadaptionen von berühmten Romanen wie Nabokovs "Lolita" oder die Grass´sche "Blechtrommel". Jetzt hat er sich Max Frischs Roman "Mein Name sei Gantenbein" vorgenommen und Film- und Fernsehstar Matthias Brandt nach 20-jähriger Theaterabstinenz für ein Bühnensolo die Rolle des vermeintlich blinden Beobachters und Erzählers auf den Leib geschrieben.

Matthias Brandt spielt sich in Rage, redet sich um Kopf und Kragen, zieht sämtliche Schauspielregister, variiert und modelliert permanent seine Gestik und Mimik, brennt ein Feuerwerk an Gefühlswallungen und Sprachvariationen ab, versucht alles, um diesen Mann, der aus Liebeskummer und Lebensüberdruss beschließt, den Blinden zu spielen und ab sofort "Gantenbein" zu heißen, möglichst facettenreich auszuleuchten.

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Matthias Brandt überdreht

Und überdreht dabei: Vieles, was in Frischs luftiger Versuchsanordnung leicht und ironisch ist, wirkt bei Brandt verkrampft und deftig. Frischs feiergeistiger Humor mutiert zu derber Komik, die schelmische Melancholie wird zu tragischem Weltschmerz. Man spürt sofort, dass "Gantenbein", der sich permanent selbst befragt, fundamental an seiner Identität zweifelt und Geschichten anprobiert wie Kleider, dem Darsteller aus der Seele spricht.

Verdoppelung als dramaturgisches Prinzip der Inszenierung

Um in andere Rollen zu schlüpfen, den Wissenschaftler Enderlin und den "baumlangen Böhmen" Svoboda zu verkörpern, schlägt er mal sanfte, mal schrille Töne an, lässt seinen Körper verrutschen und seine Gesichtszüge entgleisen.

Die Verwandlung geschieht meistens fließend, fast wie in Trance, als würde er einer inneren Uhr folgen, einem mathematischen Laufwerk, einer göttlichen Schöpfung, die von allein funktioniert, weil sie genial und zeitlos und von keinem kaputt zu kriegen ist.

Auch nicht von einem Regisseur, der (in Überschätzung seiner schriftstellerischen Fähigkeiten) einen 300-seitigen genialen Roman auf karge 24 Seiten einzudampfen, ein fein austariertes Gesamtkunstwerk auf ein paar mickrige Themen und Motive zu verkürzen und seinen Schauspieler zu den banalsten Dingen anstiftet: Wenn einer vom Dreigestirn Gantenbein/Enderlin/Svoboda der geliebten Lila ein Kuss geben möchte, schürzt Matthias Brandt kokett die Lippen, wenn einer der Herren erzählt, er sei wütend auf Lila sind und würde sie am liebsten schlagen, muss er dazu laut brüllen und eine Schlagbewegung vollführen.

Berliner Ensemble: "Mein Name sei Gantenbein" von Max Frisch © Matthias Horn
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Wenn Gantenbein seine "Maniküre"-Stunden bei der Prostituierten Camilla Huber ausmalt, muss er jedes mal auf einem Plüschhocker Platz nehmen und seine Finger affektiert in die Luft strecken.

Das dramaturgische Prinzip der Inszenierung ist die Verdoppelung: alles Gesagte wird auch gezeigt und geschauspielert, jede herbeizitierte Stimmung bekommt eine passende musikalische Untermalung, die von Jazz bis Kaufhausgedudel reicht.

Die Bühne ist ein abstraktes Bühnengefängnis

Die Bühne ist ein abstraktes Bühnengefängnis, ein saugender Schauspielschlund, ein tödlicher Theatertunnel, der ins schwarze Nichts führt. Umrahmt wird der Bühnenkasten von Neonlichtern, die auf Gantenbeins Befindlichkeit und Stimmungslage reagieren, von rot nach blau, von grün nach gelb changieren.

Die hölzernen Tunnelwände verbergen Klappen und Schubladen, in denn sich allerlei Nützliches findet: Blindenbrillen, Bierflaschen, Whiskeygläser, Anzüge - alles, was Gantenbein und Co. brauchen, um die einer Rolle zu tauschen, ein durchgeschwitztes Hemd zu wechseln oder den Durst zu stillen. Nach Gebrauch wird der ganze Krimskrams in den Orchestergraben geworfen, der zu einer Müllgrube ausrangierter Gegenstände und Gedanken umfunktioniert wird.

Berliner Ensemble: "Mein Name sei Gantenbein" von Max Frisch © Matthias Horn
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Leider keine mitreißende Theatersinfonie

Das Premierenpublikum fühlt sich prächtig unterhalten und applaudiert kräftig. Dass die kastrierte Textfassung roh und anmaßend ist, die Regieeinfälle grobschlächtig sind und das Spiel von Matthias Brandt nur an der Oberfläche des Textes kratzt, interessiert nicht. Sich ständig wütend die Haare zu raufen, verzweifelt mit den Händen herumzufuchteln, Weltekel und Selbsthass in Heulattacken und Schweißausbrüchen umzumünzen: das ist doch recht simpel und klischeehaft.

Frisch aberwitzige Identitätscollage mündet leider nicht in einer klangvollen und mitreißenden Theatersinfonie. Schade.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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