Hans Otto Theater: Good. Better. Greta. Ein theatraler Dialog über das Klima; © Thomas M. Jauk
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Hans Otto Theater | Reithalle - "Good. Better. Greta. oder Wer, wenn nicht wir?"

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Im August 2018 hat Greta Thunberg zum ersten Mal mit einem Pappschild zum Schulstreik aufgerufen. Keine vier Jahre ist das her – doch in dieser kurzen Zeit hat sie eine Klimabewegung in Gang gesetzt, bei der Jugendliche überall auf der Welt auf die Straße gehen. Sie wurde zum Symbol für den Klimastreik – und nun auch zum Titel eines Theaterstücks. Entwickelt haben den Abend der Regisseur Frank Abt und die Dramaturgin Natalie Driemeyer, gemeinsam mit Schauspieler:innen des Ensembles und dem Jugendclub des Theaters.

 

 

Der Untertitel lautet: "Ein theatraler Dialog über das Klima". Damit ist wohl die generationsübergreifende Auseinandersetzung gemeint, die vonnöten ist, damit Jugendliche nicht jahrelang auf die Straße gehen, während die Erwachsenen kaum ein verbindliches Gesetz zum Klimaschutz durchsetzen. Am Anfang des Probenprozesses stand also wohl die Frage, wie Jung und Alt miteinander ins Gespräch kommen.

Hans Otto Theater: Good. Better. Greta © Thomas M. Jauk
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Es hätte furios werden können ...

Auf den Moment, da auf der Bühne die Welten aufeinanderprallen, wartet man jedoch vergeblich. Von einem Dialog ist wenig zu sehen. Ebenso wenig von gegensätzlichen Haltungen, Schmerzpunkten, persönlichen Einsichten. Dabei hätte es furios werden können, Menschen, denen das Klima wurscht ist, zusammenzubringen mit solchen, die deshalb Depressionen bekommen, wie das bei manchem Jugendlichen der Fall ist. Doch generell wird wenig miteinander gesprochen auf der Bühne. Gemeinsame Szenen gibt es zwar, allerdings sagt dabei oft jeder einzeln seinen Text auf.

Panorama der Erkenntnisse und Positionen

Inhaltlich, das bestätigt der Programmzettel, soll ein Panorama der Erkenntnisse und Positionen aufgezeigt werden – vieles ist daher ähnlich einer Lecture Performance aufgebaut. Zu Beginn etwa der interessante Vortrag über die britische Wissenschaftlerin Rosalind Watts, die Psilocybin erforscht, ein Psychedelikum ähnlich LSD, das ein Wundermittel gegen Depression sein soll und zum Gefühl des "erweiterten Selbst" führt, sodass die Verbundenheit mit der Natur wächst. Und somit auch die Bereitschaft, die Natur schützen zu wollen.

Ein schöner Auftakt – zu überlegen, wie die Bereitschaft für Klimaschutz gesteigert werden kann. An dieser Frage hätte sich der Abend bestens abarbeiten können. Doch diesen Pfad verlässt die Inszenierung schnell wieder.

Belehrung statt Konflikt

Plötzlich geht es um die Frage, mit welchem gesellschaftspolitischen System der Klimawandel aufzuhalten wäre. Schaffte man das Wachstum, auf dem der Kapitalismus aufbaut, einfach ab, führte das in die massenhafte Arbeitslosigkeit. Grünes Wachstum bleibt jedoch bislang ein Wunschtraum. Somit wird für grünes Schrumpfen plädiert. Thematisch geht’s also quer durch den grünen Gemüsegarten. Die meiste Zeit mahnen die Jugendlichen mit im Geiste erhobenem Zeigefinger - zum Beispiel, dass es doch wirklich nicht die 95 Kleidungsstücke brauche, die der Durchschnittsbürger besitzt.

Um über den Klimawandel schlichtweg zu informieren, wie das der Abend tut, braucht es das Theater nicht – das kann jeder gut recherchierte Zeitungsartikel mit eindrücklicheren Fakten vermitteln. Und auch die Romane von Chimamanda Ngozi Adichie, die Katja Zinsmeister vorliest, lassen sich in der Selbstlektüre besser studieren.

Viele verpasste Chancen sind also zu sehen an diesem langen, zweieinhalbstündigen Abend. Frank Abt, der oft so intime, berührende Inszenierungen mit Laien zustande bringt, enttäuscht diesmal. Über die Jugendlichen erfährt das Publikum so gut wie nichts, alles ist angelesenes Material – dabei wäre es so aufschlussreich gewesen, mehr aus ihrer individuellen Sicht zu hören. Doch selbst, wenn das hier und da in Ansätzen passiert, fehlt der Gegenpart, der widerspricht. Es gibt keinen Konflikt auf der Bühne, sondern Belehrung. Was selbstredend nicht den Jugendlichen anzulasten ist, sondern dem Regieteam. Natürlich: Wenn ein Team lediglich Schauspieler:innen und Jugendliche sucht, die sich für den Klimawandel interessieren, entsteht eine homogene Gruppe.

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"bla bla" im falschen Moment

Selbst damit hätte man arbeiten können, hätte man intensiv erforscht, warum Menschen sich so schwer tun, ihr Verhalten zu ändern. Oder hätte man auf den Furor der jungen Leute gesetzt. Die wütendste Passage, die zu zivilem Ungehorsam aufruft, nämlich dazu, SUV-Fahrern die Luft aus den Reifen zu lassen und ihnen dann einen Erklärungsbrief an die Scheibe zu hängen, kommt aber ausgerechnet vom ältesten Schauspieler auf der Bühne, Joachim Berger. Und ausgerechnet in dieser Szene halten zwei Mädchen seltsamerweise Pappschilder hoch auf denen die Greta-Worte "bla bla" stehen. Dabei geht Berger doch tatsächlich, das sehen wir, von der Bühne auf die Straße. Zum Widerstand.

Wer weiß, vielleicht ist das ja sogar eine Ansage.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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