Lina Gómez: Träumerei des Verschwindens © Roberto Duarte
Roberto Duarte
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Radialsystem V - Lina Gómez: "Träumerei des Verschwindens"

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Eine Traumreise hat die Berliner Choreografin Lina Gómez mit ihrem Stück "Träumerei des Verschwindens" inszeniert. Gestern Abend war Premiere im Berliner Radialsystem. Diese "Träumerei des Verschwindens" ist eine Choreografie der Auflösung, der Auflösung unserer üblichen Wahrnehmung von Körpern und von Raum und Zeit.

Die Körper der fünf Tänzer:innen, drei Frauen, zwei Männer, alle völlig nackt, scheinen kaum mehr Menschen zu gehören – jedenfalls entzieht uns Lina Gómez die gewohnten Ansichten, das, was uns hilft, sie zu identifizieren. Wir sehen keinen aufrechten Gang und auch keine Gesichter.

Köpfe und Gesichter abgewandt – Körper verdreht und verknotet

Die Köpfe und Gesichter der fünf sind immer auf den Boden gedrückt und von uns Zuschauer:innen abgewandt, man sieht nur Hinterkopf und Haare und ihre Körper winden sich - und das zunächst äußerst langsam.

Die Leiber sind verknotet und verkantet und in sich verknäult und zu Beginn in schummriges Halbdunkel getaucht, mit viel Schatten und wenigen Lichtpunkten auf einzelnen Körperteilen, was diese Leiber noch fremder wirken lässt.

Lina Gómez: Träumerei des Verschwindens © Roberto Duarte
Bild: Roberto Duarte

Fast konturlose Körper, die sich auflösen könnten

Der Blick richtet sich auf das, was hervorsteht, in die Luft sticht oder sich auswölbt: ein Knie, ein Fuß, die ins Licht ragen, ein Po, eine Schulter, eine Hüfte, die wie ausgestülpt aussehen. Selbst später im grellen Licht stechen hier ein paar Zehen hervor und dort ein paar Rippen – diese Körper zeigen durch ihre Verdrehungen nicht die gewohnten Formen und unser Blick wird auf Details gelenkt, auf Wirbelsäule, Muskeln und Haut. Die Körper wirken wie fragmentiert, fast konturlos – als könnten sie sich auch auflösen, gäbe es nicht die Haut, die sie zusammenhält.

Schieben und Wälzen und rankende Windungen

Die Tänzerinnen und Tänzer wälzen und schieben sich in ihren verrenkten Haltungen über die Bühne, zu Beginn sehr langsam, später schneller.

Ein gekrümmter Arm, der verdreht unter dem verdrehten Oberkörper liegt, drückt sich langsam hervor, schiebt sich an der schräg in die Luft stehenden Hüfte vorbei, durch die angewinkelt abstehenden Beine hindurch und bringt den ganzen Körper ins Kippen und Rollen, also in die nächste verzerrte Körperposition, in der dann vielleicht ein Fuß, der verdreht unterm Po lag, den Impuls für die nächste Kipp-Bewegung gibt. Erstaunlich, dass sie nicht das Gleichgewicht verlieren.

Die Bewegungsimpulse gehen immer von irgendeiner kleinen Stelle im Körper aus, gehen wie Energiestöße durch den Körper, der dann in eine andere rankende Windung geht. Ein irritierender und faszinierender Anblick, der in einigen Momenten auch etwas Unheimliches hat. Denn hier ist alles immer offen in seiner Entwicklung, es ist nicht zu erahnen, wie es weitergehen könnte, wohin die nächste Bewegung führt und diese rankenden Leiber haben auch etwas nicht-menschliches an sich.

Sound und Licht

Ein Eindruck, zu dem Sound und Licht beitragen. Die Musik ist zuerst nur ein tonloses Zischen und Pfeifen, zu dem zart gezupfte E-Gitarren-Klang-Tröpfchen und ein Wummern wie ein Herzschlag kommen. Ein Sound, der sich zum Ende immer mehr ins Spacige verwandelt, in lang gezogene, zitternde und bebende Klänge.

Das Licht hebt Details hervor und verwandelt die Körper und kommt auch selbst ins Fließen – da mäandern Schatten über die Bühne.

Lina Gómez, Choreografin © Ruppert Bohle
Bild: Ruppert Bohle

Weiterentwicklung eines früheren Stückes

Lina Gómez, die aus Kolumbien stammt und in Brasilien und Berlin Tanz studiert hat, ist hier in Bewegung, Sound und Licht eine erstaunliche Weiterentwicklung eines früheren Stückes gelungen. Eine erste Version hatte sie 2015 als Abschlussarbeit am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz Berlin gezeigt. Unvergesslich, denn sie hatte damals die nackten Leiber unendlich langsam als amorphe Masse über den Boden kriechen lassen. Jetzt, in der neuen Version, in der Vereinzelung der Körper, wirkt das noch dramatischer, wobei sie auch hier zu skulpturalen Formen findet, zu einem Haufen aus ineinander verknäulten Leibern, bei dem nicht mehr erkennbar ist, zu wem welche Körperteile gehören.

Die Wirkung beim Zusehen ist trancehaft. Dieses Stück erzeugt seine eigene Zeit und seinen eigenen Raum, ist wie eine Traumreise. Letztlich sind wir Zuschauer:innen es, die ins Träumen geraten, für die Ort und Zeitpunkt verschwinden.

Frank Schmid, rbbKultur

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