Staatstheater Cottbus: Der Biberpelz © Marlies Kross
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Staatstheater Cottbus - "Der Biberpelz" von Gerhart Hauptmann

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Regisseur Armin Petras, der unter dem Pseudonym Fritz Kater auch eigene Stücke schreibt, war lange Intendant am Berliner Maxim Gorki Theater und am Schauspiel Stuttgart. Jetzt hat es den Theatermacher nach Cottbus gezogen. Er ist dort in ein dreiköpfiges künstlerisches Leitungsteam eingestiegen und bringt nun seine Version von Gerhart Hauptmanns "Der Biberpelz" auf die Bühne.

Die 1893 am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführte "Diebskomödie" über Mutter Wolffen, die hinter der Fassade der herzensguten Waschfrau eine durchtriebene Kleinkriminelle verbirgt, die lügt und betrügt, um ihre Familie durch schwierige Zeiten zu bringen, hat Petras nicht nur inszeniert, sondern auch kräftig bearbeitet.

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Petras lässt Wörter und Sätze wiederholen, bis sie einen bisher verborgenen Sinn offenlegen

Viel zu lachen gibt es nicht. Für ausgelassenen Humor ist Petras auch nicht bekannt. Sondern eher dafür, Texte gegen den Strich zu bürsten, den zeitlos-aktuellen Kern eines Stückes freizulegen und ins Heute zu transportieren. Petras verfremdet und übertreibt, lässt Wörter und Sätze mehrfach wiederholen, bis sie einen bisher verborgenen Sinn offenlegen. Er treibt seine Mimen zu bizarren Verrenkungen und grotesken Grimassen an, bis die Figuren zu ihrem wahren, bisher verdrängten Wesen vordringen.

Wenn Mutter Wolff und all die anderen, die rund um Berlin in dunklen Wäldern ihr kärgliches Dasein fristen, sich im Alltagsjargon anraunzen, ist das bei Petras besonders deftig und wirkt wie ein Schutzpanzer gegen die als Zumutung verstandene Politik von "denen da oben" im fernen Berlin. Petras liest die Posse als Tragikomödie über die Entfremdung von Stadt und Land, die Furcht vor dem Fremden, die Angst vor der Freiheit: lieber schließt man die eigenen Reigen und kapselt sich ab, als der Wahrheit ins Auge zu sehen. Alle wissen, dass Mutter Wolffen Holz stibitzt und den Biberpelz geklaut hat, aber man verzeiht es ihr, weil sie dazu gehört und nur ihre Schulden bezahlen will. Sogar der liberale Dr. Fleischer, der im Fadenkreuz von Wehrhahn steht, darf, weil er sich in die Gemeinschaft einfügt, an der großen Feier teilnehmen, die Petras zum Schluss genüßlich in Zeitlupe veranstaltet.

Alles fließt ineinander

Alles fließt ineinander: Schauspieler:innen schlüpfen in mehrere Rollen und wechseln das Geschlecht. Amtsvorsteher Werhahn wird von einer Frau (Sigrun Fischer) im schicken Hosenanzug verkörpert, Werhahns Gattin von einem zum Transsexuellen ausstaffierten Mann (Torben Appel). Gendarm Schulz (Markus Paul) stolpert zunächst in Preußischer Polizeiuniform und mit Pickelhaube durchs Unterholz, bevor er zu Pistiole, Bomberjacke und Springerstiefel greift und aussieht, als gehöre er zu einer völkischen Dorfmiliz.

Oberförster Motes (Kai Börner) ist ein widerlicher Denunziant, der sich vor Angst in die Hosen pinkelt und seine schöne braune SA-Uniform beschmutzt. Schiffer Wulkow (Amadeus Göllner), der so scharf auf den wärmenden Biberpelz ist, lässt sich einen Reichsadler auf die polierte Glatze tätowieren.

Der angeblich so freigeistige Dr. Fleischer (Gunnar Golkowski) entpuppt sich als verklemmter Mann mit pädophilen Neigungen, Mutter Wolffen (Susanne Thiede) als notorische Lügnerin, die in Selbstmitleid vergeht und jede Verantwortung für ihr Unglück weit von sich weist.

Philipp Weber malträtiert live seine E-Gitarre, zerlegt mit brachialen Rückkopplungen seine Songs und schält Variationen auf "Purple Rain" (Prince) aus dem Klanggewitter: Da dürfen Leontine (Julischka Eichel) und Adelheid (Lisa Schützenberger), die Töchter von Frau Wolffen, das graue Einerlei des Alltags in Grund und Boden tanzen.

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Zeitloses Zwischenreich zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Bei Hauptmann spielt das Stück "Irgendwo um Berlin". Petras siedelt seine "Biberpelz"-Version in einem zeitlosen Zwischenreich zwischen Vergangenheit und Gegenwart an, einer düsteren, zerstörten Landschaft: abgesägte Bäume, muffige Hütten, die Drehbühne beschwört unheimliche Gegenden herauf, in denen Menschen gegen die Armut kämpfen und sich vor lauter Elend und Selbstekel radikalisieren. Manchmal fährt eine Kamera durch den Spreewald, werden die Spielszenen der Bühne mit Filmschnipseln der Cottbuser Umgebung überblendet, alles gleitet ineinander in einer aus den Fugen geratenen Welt, in der Querdenker, Spaziergänger, Reichsbürger sich breit machen, Gewalt verbreiten und sich mit Mutter Wolffen gegen alles Fremde und Moderne vereinen.

Das schmerzt beim Zuschauen und ist beileibe nicht komisch.

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Aus der "Diebskomödie" wird eine böse Sozialstudie und bittere Gesellschaftssatire

Wenn der letzte Ton von Mutter Wolffens verlogener Wehklage verklungen ist, muss das Publikum sich erstmal sammeln. Dann: befreite Begeisterung und heftiger Applaus. Es ist eine beklemmende, wegweisende Inszenierung. Petras ermuntert die Schauspieler:innen, mutig und unbequem zu sein und erprobte Spielweisen aufzugeben, sich nicht mit einfachen Antworten auf komplizierte Fragen zufrieden zu geben. Aus der "Diebskomödie" macht er eine böse Sozialstudie und bittere Gesellschaftssatire, die sämtliche Theaterregister zieht und der Fantasie die Fenster weit öffnet. So darf es in Cottbus gern weitergehen.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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