"MiniMe" in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Kathrin Angerer (r.) und Maia Rae Domagala © Thomas Aurin
Thomas Aurin
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Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz - "MiniMe" von Kata Wéber

Für die zehnjährige Mini ist Zuhause kein sicherer Ort. Ihr Elternhaus beschützt sie nicht, die Grenzen werden ständig überschritten. In dem Theaterstück "MiniMe" von Kata Wéber in der Regie von Kornél Mundruczó steht das Leben eines Kindes in einer dysfunktionalen Familie im Mittelpunkt. Barbara Behrendt war bei der Premiere.

 

Es ist Trainingszeit. Mit schwarzem Klebeband markiert Mama Clau einen Laufsteg quer durchs Wohnzimmer, dann zieht sie Mini Plüschstilettos an, legt ihr ein dickes Buch auf den Kopf – und Mini trippelt in schulterfreiem Top im Catwalk über die Linie am Boden und zieht eine Grimasse in Richtung Kamera, die die Jury als strahlendes Lächeln interpretieren soll. Dann muss Mini ihrer Mutter nachsprechen: "Ich bin eine Gewinnerin!" Aber das Buch fällt von ihrem Kopf und Mini hat keine Lust mehr, Model zu üben. Darauf Clau beleidigt: "Deine Einstellung ist zum Kotzen!"

Mini wird von ihrer Mutter psychisch missbraucht

Mini ist zehn Jahre alt und überhaupt kein Modepüppchen – anders als ihre Mutter, die in Hot-Pans über die Bühne stöckelt und nichts im Kopf hat außer Botox, Outfit, Makeup und die Schönheitswettbewerbe ihrer Tochter, die diese ganz offensichtlich ausschließlich für ihre Mutter gewinnen muss. "Minime" heißt ja bereits der Titel, also: das Ich in Kleinformat, die Tochter, die das versäumte Leben ihrer Mutter nachholen soll. Die hat es, wie wir später erfahren, nämlich nicht zum großen Star in Hollywood geschafft – was sie sich selbst und ihrem Mann natürlich nie eingestehen würde.

Eigentlich sind diese "Zehn Lektionen in Unterwerfung“, wie der Untertitel lautet, eine finstere Angelegenheit. In einem modernen Beton-Bunker mit Pool und Kamin, eingerichtet in schickem Retro-Style, wird Mini von ihrer Mutter psychisch und emotional missbraucht wie es im Lehrbuch steht. Aus Angst vor Liebesentzug zwingt sie sich zu allem, ohne es ihrer Mutter je recht machen zu können – nur, wenn der Druck zu groß wird, lässt sie sich auf den Boden fallen und stellt sich tot wie ein Tier in Schockstarre.

Ein Schuss auf das Meerschweinchen

Die erste Hälfte des Abends wird als Live-Film auf die Außenwand des Beton-Hauses projiziert, das auf der Bühne steht. Vor der Bühne steuert ein Musiker die dröhnenden, düsteren Sounds bei. Erst, als sich die Wand hebt, entpuppt sich das Innere als Kulisse, in der die Schauspieler agieren. Man blickt auf den typischen Mundruczó-Hyperrealismus: Vom Messerblock an der Küchenwand bis zur angebrochenen Weinflasche auf der Anrichte ist das Haus detailgenau ausstaffiert.

Umso mehr das Stück voranschreitet, desto bizarrer wird es: Die Mutter bedroht den Vater mit dessen Jagd-Gewehr, sie spritzt Mini Botox ins Gesicht – während Mini mit einem gezielten Schuss aufs Meerschweinchen ihre Liebe beweisen muss. Die Nachwuchs-Darstellerin Maia Rae Domagala macht das hervorragend und sehr überzeugend. Doch bei der bewährten Volksbühnen-Schauspielerin Kathrin Angerer, die Minis Mutter gibt, klingt jeder Satz so ironisch gebrochen, als spreche sie einen Pollesch-Text.

Alles wird Angerer zur Komödie, weil sie ihre Figur schlicht nicht ernst nimmt. Und mit Blick auf den Text kann man das verstehen: Die Geschichte über Eltern, die ihre Kinder als Verlängerung ihrer Selbst missbrauchen, hätte ins Mark treffen können, wenn die Erwachsenen im Stück nicht solche Karikaturen wären – der hemdsärmelige Jäger und das Modepüppchen mit Profilneurose. Ob die Autorin Kata Wéber dieses Karikatureske beabsichtigt hat, bleibt fraglich – ihre Frauenfiguren waren bislang ernsthafte Charaktere wie Martha in "Pieces of a Woman“, die sich das Recht auf ihren individuellen Schmerz nicht nehmen lässt.

Mitunter geht es bitter komisch zu

"Pieces of a Woman“ war der Kinofilm, ursprünglich ein Theaterstück, der dem ungarischen Regisseur Kornél Mundruczó und seiner Autorin Wéber 2020 einen großen internationalen Erfolg beschert hat: Die Hauptdarstellerin Vanessa Kirby wurde für ihre Rolle für einen Oscar nominiert. Der Film (immer noch auf Netflix zu sehen) zeigt das Leiden einer Frau nach dem Tod ihres Babys. Ein "Mikroportrait“ nennen es die beiden Künstler – und neuer Teil dieser Serie von Mikroportraits soll "Minime“ sein.

Doch auf der Bühne wirkt es nun so, als entlarve Angerer mit ihrer Spielart die mangelnde Glaubhaftigkeit der Sätze und Figuren dieses neuen Stücks. So entwickelt sich der Abend zur skurrilen Horror-Groteske; ausgestellter Hyperrealismus statt psychologische Glaubwürdigkeit. Ästhetisch ist das formvollendet. Inhaltlich geht es mitunter bitter komisch zu – oft allerdings auch ziemlich flach und vorhersehbar.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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