Chin Meyer (Quelle: Markus Nass)
Markus Nass
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Bar jeder Vernunft - Chin Meyer: "Dein Lovesong"

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Chin Meyer hat sich als Finanzkabarettist einen Namen gemacht. Niemand kann wie er Bankencrashs erklären und die blumigen Namen von Investmentfonds durch den Kakao ziehen. In seinem neuen Programm sattelt er auf große Gefühle um.

Äußerlich steckt er noch in der Finanzwelt. Er trägt einen Maßanzug und Krawatte, dazu die orange getönte Brille, die sein Markenzeichen ist. Doch diesmal ist Chin Meyer in Sachen der Liebe unterwegs.

Unterwegs in Sachen Liebe

"Ohne dich kann ich nun nicht mehr sein", singt er mit Herz-Schmerz-Miene zur Melodie eines bekannten Münchner-Freiheit-Songs. Doch den Text hat er geändert: "Ohne dich trink ich noch nicht mal Wein, ohne dich bin ich ein armes Schwein…" – nicht übermäßig originell.

Doch die Pointe kommt zum Schluss. Da zieht Chin Meyer einen 100-Euro-Schein aus der Tasche und es wird klar, dass er die ganze Zeit über Geld gesungen hat.

Wo der Humor aufhört und der Ernst anfängt, ist kaum auszumachen

Geld regiert die Welt und Liebe kann eine Ware sein - davon ist er überzeugt. Er hat für Männer und Frauen Formeln entwickelt, mit denen er ihr erotisches Kapital berechnen kann: Erotikkapital = Alter – Bodymassindex * (Einkommen)² betont er mit Blick auf die Herren. Und wer erotisches Kapital habe, wolle auch eine Rendite sehen. Herrlicher Sarkasmus.

Chin Meyer hält den Ton gekonnt in der Schwebe. Wo der Humor aufhört und der Ernst anfängt, ist kaum auszumachen. Und manchmal tut es richtig weh:

"Wer kommt für Sie als Liebhaber in Frage?", will Chin Meyer von einer Zuschauerin wissen. "Wenn er ein Schwarzer ist und auch noch Jude, das macht Ihnen doch nichts aus?" – Natürlich nicht. – "Und wenn er ein schwarzer Jude ist, der gerade zum Islam konvertiert ist?" – Auch damit hat die Frau keine Probleme. – "Und wenn es ein schwarzer Jude ist, der gerade zum Islam konvertiert ist, der außerdem noch behindert ist und Ihr Boss?!" – Die Frau weiß nicht mehr, was sie sagen soll. – "Sie würden also jemanden aufgrund seiner sozialen Stellung diskriminieren?!" – Eine gezielte Provokation.

Chin Meyer führt vor, wie leer diese Zuschreibungen sind und zugleich wie mächtig. Außerdem wird spürbar, dass wir längst nicht so offen und aufgeklärt sind, wie wir meinen. Und noch etwas spricht er an: Menschen aus bestimmten sozialen Milieu bleiben immer häufiger unter sich.

Chin Meyer: Dein Lovesong © Markus Nass
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Launige Songs und Kabarettnummern mit Widerhaken

Früher, so Chin Meyer, hätte man sich wenigstens hochschlafen können, und das sei nicht sexistisch gemeint: "Es haben sich ja nicht nur Frauen hochgeschlafen, sondern auch Männer. Beim Mann sagt man nur nicht, der hat sich hochgeschlafen, da sagt man, der hat die Firma vom Schwiegervater übernommen."

Die Pointe sitzt, der Applaus donnert, doch die kabarettistischen Nummern machen nur die Hälfte des Abends aus. Die andere Hälfte besteht aus Songs, die Chin Meyer aus dem Stegreif erfindet.

Er fragt Pärchen im Publikum, wie sie sich kennengelernt haben und lässt sie Lose ziehen, auf denen ein Musikstil steht. Dann improvisiert er drauflos. Er besingt Manuela und Klaus, die sich in einem Lokal mit Tischtelefonen kennengelernt haben, oder das Lobbyistenpärchen Alexander und Rayani, das sich in Berlin-Mitte ein kleines Büro teilt. Es ist unglaublich, was die Zuschauerinnen und Zuschauer Chin Meyer alles erzählen und wie schnell er es verarbeitet, doch wirklich treffsicher wirken die Pointen nicht. Zwischen den improvisierten Liedern und den vorher einstudierten Texten gibt es riesige Qualitätsunterschiede.

Immerhin reißt Chin Meyer durch seinen Charme das Publikum mit. Die Songs klingen launig und die Kabarettnummern haben Widerhaken.

Oliver Kranz, rbbKultur

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