Gorki Theater: Eine Zusammenfassung von allem, was war © Ute Langkafel MAIFOTO
Ute Langkafel MAIFOTO
Bild: Ute Langkafel MAIFOTO Download (mp3, 5 MB)

Maxim Gorki Theater | Container - "Eine Zusammenfassung von allem, was war"

Bewertung:

Die syrische Autorin Rasha Abbas hat sich in Deutschland mit Kurzgeschichten einen Namen gemacht. Ihr Erzählband "Eine Zusammenfassung von allem, was war" wurde von der Kritik hoch gelobt. Im Gorki-Container gibt es jetzt eine Theaterversion.

Gorki Theater: Eine Zusammenfassung von allem, was war © Ute Langkafel MAIFOTO
Bild: Ute Langkafel MAIFOTO

Die Bühne ist schwarz und leer. Zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler sitzen in der ersten Reihe und fordern uns auf gedanklich auf die Reise zu gehen: "Imagine, there is a show about loneliness, and it’s funny…"

Wir sollen uns eine Show über Einsamkeit vorstellen, die zugleich lustig ist. Die Übersetzung können wir in den Übertiteln mitlesen. Gespielt wird auf Deutsch, Englisch und Arabisch. Drei der vier Akteure stammen aus Syrien, wie die Autorin Rasha Abbas. Eigentlich eine spannende Ausgangssituation.

Die Intensität der Textvorlage wird auf der Bühne nicht erreicht

Das Buch "Eine Zusammenfassung von allem, was war" reiht 21 alptraumhafte Geschichten aneinander. Verschiedene Erzählerinnen berichten über Seelenqualen, die mit ihrer familiären Herkunft und mit dem syrischen Bürgerkrieg zu tun haben. Auf der Bühne hingegen wird herumgealbert. Wer ist am schnellsten von Null auf Hundert? Die zierliche Kenda Hmeidan kommt lächelnd auf die Bühne und brüllt ohne jeden Übergang das Publikum an: "My name is not fucking important! … You can call me fucking Velvet !!!"

Mit den Sätzen "Mein Name ist unwichtig. … Sie können mich Samt nennen" werden in der ersten Geschichte des Buchs Berichte der Protagonistin eingeleitet. In jedem Lebensalter scheint sie eine andere zu sein. Eigentlich eine gute Spielvorlage. Doch in der Inszenierung von Sebastian Nübling versuchen die Darstellerinnen und Darsteller gar nicht eine Figur zu spielen. Sie demonstrieren wie gut (oder vielmehr wie schlecht) sie sich in extreme Emotionen hereinsteigern können. Sie brüllen oder schluchzen - die Intensität der Textvorlage erreichen sie aber keine Sekunde.

Gorki Theater: Eine Zusammenfassung von allem, was war © Ute Langkafel MAIFOTO
Bild: Ute Langkafel MAIFOTO

Rasen durch einen Alptraum

Irgendwann setzen alle blaue Perücken auf und tanzen zu Technomusik. Monoton. Dazu werden Texte gesprochen, doch Wort und Bild haben wenig miteinander zu tun – bis im Text ein Drogenrausch geschildert wird. Nebel wabert, Lichtstrahlen zeichnen endlose Muster in die Luft – ein Bild der Entgrenzung. Kinan Hmeidan, der in dem Augenblick der Erzähler ist, gerät in Panik. Was geschieht, wenn er im Rausch von seinem Vermieter entdeckt und in ein Krankenhaus gebracht wird? Das Krankenhaus würde wahrscheinlich die Polizei informieren …

Für einen Augenblick sind Ort und Zeit klar. Wir sind im Berlin der Gegenwart. Ein Flüchtling mit Drogen im Blut muss sich vor den Behörden fürchten. Doch dann verwischt wieder alles. Wir rasen durch einen Alptraum, in dem es keine formale Logik gibt – genau wie im Buch. Doch während die Geschichten die Leser:innen sofort gefangen nehmen, lässt die Theaterversion merkwürdig kalt. Viel zu selten zeigt sie konkrete Situationen oder Figuren, die Szenenfolge hat etwas Beliebiges. Mal dröhnt Technomusik, mal flimmern Bilder, die aus Computerspielen stammen könnten, über eine Leinwand.

Schöne Momente - aber insgesamt unbefriedigend

Eine Tänzerin präsentiert ein Solo, bei dem sie sich fünf Minuten rasend schnell dreht, auf den Boden wirft und über die Bühne rollt. Das sei ihre Zusammenfassung des Buches erklärt sie im Anschluss ebenso atemlos, wie unkonkret. Die Aufführung wirkt wie eine Materialsammlung. Jede und jeder bekommt eine Solonummer und darf drauflos improvisieren. Das sorgt für einige schöne Momente, bleibt aber insgesamt unbefriedigend – ein Alptraum ohne dramatische Kraft.

Oliver Kranz, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Schaubühne: Nachtland © Gianmarco Bresadola
Gianmarco Bresadola

Schaubühne am Lehniner Platz - "Nachtland" von Marius von Mayenburg

Ein Aquarell in Sepia und Braun, unterzeichnet mit A. Hiller – oder steht die schwer zu entziffernde Signatur eigentlich für Adolf Hitler? Das Kunstwerk, gefunden auf dem Dachboden von Nicolas und Philipps verstorbenem Vater, entfacht eine moralische Debatte über den Umgang mit einer nicht geahnten Nazivergangenheit der Familie. Die Nachforschungen lassen einen Streit hochkochen, der den Graben zwischen den Geschwistern immer tiefer werden lässt. Eine Provenienzforschung, die zur bitterbösen Komödie über das schwere Erbe der deutschen Geschichte wird.

Download (mp3, 8 MB)
Bewertung:
Volksbühne: "Und jetzt?" von René Pollesch © Apollonia T. Bitzan
Apollonia T. Bitzan

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz - "Und jetzt?" von René Pollesch

Der Dramaturg und Regisseur René Pollesch war ein Garant für Erfolg für die Berliner Volksbühne - an der kleinen Spielstätte Prater, die Pollesch leitete, aber auch an der großen Bühne. Seit dem vergangenen Jahr ist Pollesch Intendant der Volksbühne und meldet sich in der neuen Spielzeit mit dem Stück "Und jetzt?" über das Petrolchemische Kombinat Schwedt zurück.

Download (mp3, 8 MB)
Bewertung:
Heimathafen Neukölln_"DIE KLIMA-MONOLOGE"_2022_Foto: Michael Held, Luisa Le va
Michael Held/Luisa Le va

Heimathafen Neukölln - "Die Klima-Monologe"

Man könnte den Eindruck gewinnen, dass die Klimakrise gerade von anderen, drängenderen Themen verdrängt wird: der Krieg in der Ukraine, der Inflation und jetzt auch noch durch die umstrittene WM in Katar. Aber nicht im Heimathafen Neukölln! Gestern wurden dort die "Klima-Monologe" uraufgeführt. Ein weiterer Dokumentar-Theaterabend von Michael Ruf, der sich nach den Themen Asyl, NSU und Flucht übers Meer nun dem Klima widmet.

Download (mp3, 7 MB)
Bewertung: