Gorki Theater: Queen Lear © Ute Langkafel MAIFOTO
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Maxim Gorki Theater - "Queen Lear"

Bewertung:

"King Lear" als Star-Wars-Parodie mit einer unterforderten Corinna Harfouch als Königin: Christian Weise beweist am Gorki Theater, dass er zu den überschätztesten Regisseuren unserer Tage gehört.

Wer liebt den Vater am meisten? Es ist eine unbeantwortbare, eine verzweifelte Frage, die der alte König Lear seinen drei Töchtern stellt, als er sein Erbe unter ihnen aufteilen möchte. Ausgerechnet seine ihm liebste Tochter Cordelia verweigert die Antwort, sie möchte kein Süßholz raspeln wie ihre Schwestern – und wird glatt enterbt. "König Lear" gilt als Shakespeares gewaltigstes, undurchdringlichstes Drama. Es ist die Tragödie des alternden, jähzornigen, liebessehnsüchtigen Vaters. Es ist aber auch die Tragödie des Herrschers, der sich mit seinem baldigen Sterben befassen muss.

Gorki Theater: Queen Lear © Ute Langkafel MAIFOTO
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Eine neue Geschichte

Am Maxim Gorki Theater wurde nun nicht "King Lear" gegeben, sondern "Queen Lear" – nach Shakespeare, in einer neuen Textfassung des Schreibkollektivs Soeren Voima (dazu gehört der Schaubühnen-Dramaturg Christian Tschirner).

Der Regisseur Christian Weise möchte also nicht nur eine Männerrolle mit einer Frau besetzen, sondern eine neue Geschichte erzählen. So haben es Weise und Corinna Harfouch im Interview beschrieben: Harfouch soll dezidiert eine Frau spielen. Wenn es einen Unterschied macht, ob Lear Vater oder Mutter ist, müsste es auch einen Unterschied machen, ob von der Liebe zwischen Mutter und Sohn oder Mutter und Tochter die Rede ist.

In der neuen Fassung ist alles durchmischt: Cordelia bleibt eine junge Frau, ihre älteren Geschwister werden zu jungen Männern. Die Vergleichbarkeit der Beziehungen ist also kaum gegeben.

Reines Knallchargen-Theater

Christian Weise möchte, so sagt er, die Frauenrollen aufwerten, weil er Shakespeares Stück für "frauenfeindlich" hält – alle guten Charaktere sollen jetzt Frauen sein, alle schlechten Männer. So simpel ist das bei Shakespeare natürlich mitnichten angeordnet; gerade dessen Frauenfiguren emanzipieren sich gegen den Patriarchen. Doch so genau hat Weise gar nicht hingeschaut: Letztlich interessieren ihn Figuren und deren Beziehungen zueinander herzlich wenig. Wir sehen: reines Knallchargen-Theater.

Der Regisseur inszeniert "Queen Lear" als eine Art Krieg der Welten. Corinna Harfouch trägt einen schwarzen Raumfahrt-Anzug mit Umhang und Kapuze als sei sie Darth Vader, und auch die anderen Figuren stecken in futuristischen Space-Anzügen wie in einer Star-Wars-Parodie. Der Narr trägt grünes Haar und riesige Elfenohren als sei er dem "Herrn der Ringe" entsprungen.

Gorki Theater: Queen Lear © Ute Langkafel MAIFOTO
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Harfouchs Können ist völlig verschenkt

Das zeigt, dass die Aufführung deutlich mehr mit ihrer Ausstattung, ihren Witzchen, ihren Anspielungen an den Zeitgeist beschäftigt ist, als sich für die Geschichte des Dramas zu begeistern. Corinna Harfouch spielt das, was wir von ihr kennen: die schroffe, bittere Frau, der keiner so schnell was vormacht – die aber einsamer ist, als sie es sich eingestehen will. Allerdings bekommt sie kaum Platz in dieser Inszenierung – zu keiner der Figuren baut man ein Gefühl oder Verständnis auf, Psychologie spielt keine Rolle. Harfouchs Können ist völlig verschenkt.

Weise will die Tragödie als Komödie erzählen. Das geht nicht auf

Weise behauptet, "King Lear" sei das "Stück der Stunde", weil es um einen Herrscher gehe, dessen Abdanken das komplette System verändere – ähnlich dem Mauerfall oder dem Corona-Ausbruch. "King Lear" ist jedoch ein tragischer, unheimlich düsterer Stoff, ohne Hoffnung auf Gnade, Erlösung, auf ein Leben nach dem Tod. Die zerstörerische Liebe zwischen Eltern und Kindern steht im Zentrum, eine zu große Liebe und Liebesbedürftigkeit ist die Ursache allen Übels, das Familienleben eine einzige Tragödie. "Systemveränderung" spielt höchstens am Rande eine Rolle.

Wie auch immer: Weise möchte den Machtwechsel verulken, als sei das Gebaren der Eltern und der Erben nichts als lächerlich. Schon richtig – doch es ist eben nicht abendfüllend, Figuren-Parodien dabei zuzuschauen, wie sie sich mit Laserschwertern bekriegen und dabei ironisch in die Kamera blinzeln. Die Tragödie will Weise als Komödie erzählen. Aber weil er trotzdem der Dramaturgie des Stücks folgt und daher die tragischen Szenen integrieren muss, geht das nicht auf.

Gelungen ist allerdings die Ausstattung. Den Großteil der Aufführung schauen wir auf eine Leinwand, auf der das Spiel der Schauspieler:innen projiziert wird: Sie bewegen sich durch bemalte Papp-Raumschiff-Wände, dahinter fliegen die Sterne vorbei. Hier und da ploppen Papp-Flammen auf, eine Papp-Mikrowelle wird eingeschaltet. Julia Oschatz hat das, ähnlich wie bei Christan Weises "Hamlet" am Gorki, mit viel Witz und Einfallsreichtum entworfen.

Undurchdachtes Meta-Theater

Doch der Regisseur verliert sich so sehr in seinen flachen, zeitgeistigen Anspielungen – vom Gendersternchen über die Cancel Culture hin zur Diktatur der Moral – und setzt auf den krachledernen Humor der Schauspielerin Svenja Liesau, dass man am Ende nicht mehr weiß, was hier drei lange Stunden erzählt werden soll.

Der Abend wirkt wie undurchdachtes Meta-Theater gelangweilter Theaterleute, die die Verbindung zum Publikum verloren haben. Angesichts seiner vergangenen fünf Inszenierungen darf man Christian Weise spätestens nach dieser Arbeit als einen der am meisten überschätzten Theater-Regisseure unserer Tage bezeichnen.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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