"Finsternis" (Bild: Videostill Felix Schuster ©Andreas Merz Raykov)
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TD Berlin - "Finsternis"

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Seit 20 Jahren gilt Lampedusa in den Medien als Sinnbild für die Flüchtlingskrise. Der italienische Dramatiker und Romancier Davide Enia ist dorthin gefahren, um sich von den Zuständen vor Ort ein Bild zu machen. 2019 erschien sein eindringlicher Text "Schiffbruch vor Lampedusa", in dem er von der Insel, ihren Bewohnern und den Menschen erzählt, die dort Rettung suchen. Der Regisseur Andreas Merz Raykov und der Schauspieler Alexander Finkenwirth haben diesen Stoff nun unter dem Titel "Finsternis" auf die Bühne gebracht.

 

Auf der Bühne ein langer Tisch, darauf eine kleine Kochplatte – hier schnippelt der Schauspieler Alexander Finkenwirth Orangen und köchelt sie zu Marmelade, bis man im Publikum einen süßlichen Zuckerduft riecht. Finkenwirth in der Rolle des Davide klärt auf, dass seine Mutter ihm eine Kiste Orangen geschickt habe, sie meint, Orangen gäbe es nur auf Sizilien und nicht in Rom, wo Davide lebt.

Der Abend startet zynisch

Es bleibt eine etwas sinnfreie Verlegenheitsgeste, dieses Marmeladekochen. Mit dem Inhalt des Abends hat es höchstens insofern zu tun hat, als dass auch der Theater-Monolog "Finsternis", den der Autor Davide Enia aus seinem dokumentarischen Buch "Schiffbruch vor Lampedusa" entwickelt hat, voll von Alltagsbeschreibungen, von Erzählungen über Freunde und Familienmitglieder ist.

Davide kommt nicht als freiwilliger Helfer oder Journalist nach Lampedusa. Sein deutscher Autoren-Freund Albert Ostermaier lädt ihn zum Literaturfest nach München ein – wenn er eine Geschichte über die Geflüchteten in Italien mitbringt. Ein zynischer Start des Abends, der das Vorurteil bedient, die Kulturbranche schlachte jedes Thema aus, das gerade als en vogue gilt.

Doch weil er das so offen zugibt, stellt Davide sich von Beginn an als vertrauenswürdiger Erzähler vor, der uns wirklich an seinen Erlebnissen auf der Insel teilhaben lässt. Zum Glück ist er Italiener, war also schon häufig auf Lampedusa, hat Freunde dort, sodass keine touristischen Reiseberichte eines Außenseiters folgen, sondern Beschreibungen des normalen Lebens auf der Insel.

Davide Enia verbindet das Sterben der unbekannten Flüchtlinge mit dem Sterben seines geliebten Onkels

Die kombiniert Davide Enia mit zwei anderen Erzählsträngen: Zum einen nimmt er seinen schweigsamen Vater mit auf die Insel, es entsteht eine kleine Vater-Sohn-Geschichte, zum anderen setzt er sich mit dem Sterben seines Onkels auseinander, der schwer an Krebs erkrankt ist. Und verbindet so das Sterben der unbekannten Flüchtlinge mit dem Sterben seines geliebten Onkels. Eine etwas gewagte und sprachlich verkitschte Angelegenheit.

Als Kennerin Lampedusas stellt er uns seine Bekannte Paola vor und schlüpft in ihre Rolle, sein Gesicht von einer Kamera gefilmt und auf Leinwand vergrößert. Eines nachts wurde sie von Geräuschen geweckt, die vom Meer kommen – Geflüchtete auf dem Wasser. In der ersten Schrecksekunde sagt sie zu ihrem Mann: "Komm, wir schließen uns im Haus ein!" Für diesen ersten Angst-Impuls schämt sie sich noch heute.

Davide erzählt von einer Ärztin, die Leichen nach dem verheerenden Flüchtlingsunglück am 3. Oktober 2013 begutachten muss – deren sich abschälende Haut wird beschrieben, ihre von Fischen angefressenen Glieder. Ein weiterer Arzt beschreibt, mit welchen Folter- und Vergewaltigungswunden die Menschen aus Libyen ankommen. Ein Taucher wird befragt, der bei jedem Rettungsversuch sein Leben aufs Spiel setzt.

Ein Theaterabend mit klarem Anliegen

Ein Abend, der ein klares Anliegen hat: auf die Toten im Mittelmeer aufmerksam zu machen und Empathie für die Geflüchteten zu erzeugen. Man kann es durchaus problematisch finden, wenn sich Theater und Aktivismus paaren und der TD, wie hier, mit SeaWatch kooperiert und im Theater Spendendosen aufstellt. Doch es geht dieser Produktion nicht um Politik, sondern um Menschlichkeit.

Davide Enia tut in dieser Theaterfassung (mit der er in Italien selbst auf der Bühne steht) gut daran, sich nicht mit Zahlen, mit politischen Forderungen, mit Fluchtursachen zu beschäftigen, sondern mit der Frage: Wie kann man angesichts des Leids, das auf Lampedusa täglich angeschwemmt wird, menschlich bleiben und zugleich nicht am Elend zerbrechen?

Ein Beispiel dafür ist die Geschichte des Friedhofswärters, der versucht, jedem Toten auf Lampedusa eine individuelle Ruhestätte zu geben – obwohl niemand deren Namen kennt, sie ohne Geburts- und Sterbedatum begraben werden, ihre Individualität also eigentlich verloren haben.

Zu sehen ist kein ästhetisch aufregendes Theater – aber ehrliches. Bei dem es um etwas anderes geht als um Diskurse und Befindlichkeiten, die nur die Regisseur:innen selbst interessieren, wie das in den vergangenen Wochen so oft der Fall war bei den Premieren in Berlin.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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