Volksbühne: Jessica - an Incarnation © Julian Röder
Julian Röder
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Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz - "Jessica - An Incarnation"

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Susanne Kennedy gehört zu den gefragtesten Regisseurinnen im deutschen Theaterbetrieb, vielfach ausgezeichnet und von der Kritik gefeiert. Nach "Coming Society" und "Ultraworld" ist mit "Jessica – An Incarnation" nun eine neue Arbeit der Regisseurin an der Volksbühne zu sehen. Das Stück über eine Prophetin ist (wieder) in Zusammenarbeit mit dem bildenden Künstler Markus Selg entstanden.

Volksbühne: Jessica - an Incarnation © Julian Röder
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Jessica spricht: "Seid nicht erstaunt, wenn ich euch sage: Ihr müsst alle wiedergeboren werden."

In Feinripp-Unterwäsche und Kopftuch hält sie ihre Reden an die Handvoll Jüngerinnen und Jünger, die ihr in die Wüste gefolgt ist. Eine abgehalfterte Sekte, deren Mitglieder wie aussortierte Plastik-Barbies aussehen: blondsträhnige Langhaarperücken, die Jeans fallen zerrissen von ihren Beinen.

"Jessica" ist eine Art weiblicher Jesus, ein Medium, eine Sektenführerin

Jessica ist eine Art weiblicher Jesus, die Bibelworte in ihre Reden einstreut und das letzte Abendmahl bis zum Verrat durch ihren Partner Jude durchspielt. Sie fungiert aber auch als Medium, verdammt zum ewigen Kreislauf von Sterben und Wiederauferstehen, stecken geblieben im Loop der Sinnfragen.

Als Sektenführerin hat sie ihre vielfache Auferstehung von den Toten natürlich kommerzialisiert und im Death Valley die Firma "Anamnesis" gegründet. Ein Begriff aus der griechischen Philosophie: Die Technologie "Live Review" soll das tun, was sich schon Platon vorgestellt hat – Menschen mit ihren vergessenen Erinnerungen, mit dem ihnen eingeborenen Wissen in Kontakt bringen.

Dafür sitzen die blonden Klone vor einer Leinwand, auf der sich aus animierten Spiralen Bilder formen, und weinen bitterlich. Beziehungsweise: Sie lassen ihren Oberkörper erzittern – das Weinen selbst dringt übers Playback zu uns. Die Stimmen kommen, wie immer in Kennedys Verfremdungsuniversum, vom Band.

Volksbühne: Jessica - an Incarnation © Julian Röder
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"Hyperlink-Dramaturgie"

Auch diesmal hat Markus Selg eine grelle Drehbühne in Computerspiel-Ästhetik entworfen. Zerfallene Säulen stehen in dieser Wüste herum. Die animierten, psychedelischen Bilder, die Selg auf sämtliche Bühnenwände wirft, sollen nach Cyberspace ausschauen und die Frage stellen: In welcher Realität befinden wir uns? Und Kennedy liefert die, wie auf der Homepage der Volksbühne zu lesen ist, "Hyperlink-Dramaturgie" des Abends – ein herrliches Wort dafür, Schnipsel aus dem Internet zu fischen und aneinanderzureihen. Das merken wir uns.

In wie vielen Welten leben wir?

Alles wie gehabt also, zwei zerdehnte Stunden lang zusammengepanschte Sinnfragen, zwischendurch Brüche zwischen Realität und Fiktion: "Brauchen wir diese Szene wirklich?"
Es ist das alte Lied von Authentizität und Fake, das Kennedy anstimmt, von wahrer und imaginierter Transzendenz. In wie vielen Welten leben wir?

In ihren letzten Arbeiten hat sich die Regisseurin ganz unverhohlen dem esoterischen Geraune hingegeben, das sie ihren Figuren in den Mund legt. Diesmal führt sie zumindest eine kritische "Interviewerin" ein, die Jessicas Geschäftsmodell hinterfragt, Propaganda und Verschwörung wittert. Die quasireligiöse Berieselung behält allerdings die Oberhand und wirkt vor allem: einschläfernd.

Volksbühne: Jessica - an Incarnation © Julian Röder
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Authentizitätsfrage

Wie anders war das, als Kennedy 2014 mit "Fegefeuer in Ingolstadt" zum Theatertreffen eingeladen war! Auch in diesem kritischen bayerischen Volksstück von Marieluise Fleißer bewegen sich die Figuren letztlich in zwei Welten: im vorgetäuschten christlichen Dorfidyll und in der bigotten, brutalen Realität, mit all ihrer Unmenschlichkeit.

Schon hier hat Kennedy in einem von religiösen Werten geprägten Setting die Authentizitätsfrage gestellt – und ausgestellt, anhand der Sprache, die den Figuren abhanden und daher vom Band kommt. Kennedy verlegte das Stück in einen Albtraum-Raum voller menschlicher Urängste. Man sah geknechtete, deformierte Seelen, die auf Erlösung hoffen, die vielleicht sogar erst noch zu Menschen werden müssen. Unglaublich verstörend war das, wie sich die wächsernen Figuren zu immer neuen statischen Installationen formierten.

Kennedys Theater fehlt es an Fallhöhe und Reibungsfläche

Doch seitdem Kennedy ihre "Stücke" selbst "schreibt", fehlt ihrem Theater die Fallhöhe und die Reibungsfläche. Intellektuell sind diese zusammengeklebten Internet-Funde eine Zumutung und ihre Faszination für Posthumanismus, Esoterik und pseudotherapeutische Selbstbespiegelung ist kaum noch nachvollziehbar.

Für die Beobachterin ist dagegen faszinierend, wie geschmeidig sich Kennedys Arbeiten in die unterschiedlichsten Theater-Ausrichtungen einfügen. Dass eine Regisseurin sowohl für den Kurator Chris Dercon als en vogue gilt, der Kennedy damals an die Volksbühne geholt hat, als auch für sein Counterpart René Pollesch, der heute die Volksbühne leitet, klingt wie pure Ironie.

Zuletzt geht an diesem Abend die digitale Sonne auf und Jessica schwebt mitsamt Altar gen Himmel. Dazu erklingt ausgerechnet Bob Dylans kryptische, zweiteilige Ratlosigkeitshymne, die noch immer auf Entschlüsselung wartet: "All the tired horses in the sun, how am I supposed to get any riding done?"

Was das alles zu bedeuten hat? Vermutlich: nichts. Jedenfalls: Halleluja!

Barbara Behrendt, rbbKultur

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