Volksbühne: Kamilo Beach © David Baltzer
David Baltzer
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Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz - "Kamilo Beach (Am Scham der Zeit)"

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Kamilo Beach – das ist ein Strand auf Hawaii, an den so viel Plastik angespült wird wie an keinen anderen der Welt. Enis Maci und Pascal Richmann beschreiben ihn als großen Schrottplatz; vielleicht ist er sogar eine Art Endpunkt der Geschichte, an dem alles die letzte Ruhe findet.

 

Die Autor:innen benutzen den Ort allerdings mehr, um vom Raketenalarm 2018 auf Hawaii zu erzählen. 38 Minuten lang dachten die Hawaiianer, ihre Insel gehe unter und verabschiedeten sich von ihren Liebsten – doch dann: Fehlalarm, jemand hatte den falschen Knopf gedrückt.

Diese 38 Minuten werden zum Ausgangspunkt einer erdachten Liebesgeschichte. Die Figuren M und R überlegen, wie das Ende zweier Liebender aussehen könnte, die zu spät merken, dass sie – anders als erwartet – noch nicht sterben müssen.

Volksbühne: Kamilo Beach © David Baltzer
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Geschichte und deren Reinszenierung

Auch M und R sind ein Liebespaar, auf der Suche nach dem Beginn und dem Ende von Geschichten – und bemerken dabei, dass nur Liebesgeschichten einen klar zu definierenden Anfang haben. Mit M und R rauschen wir durch die mediale Aufbereitung von Geschichte durch Hunderte von Jahren. Von Humboldt bis Günther Jauch, den wir als neuen Erbauer Preußens in Potsdam kennenlernen.

Geschichte und deren Reinszenierung steht im Zentrum – oft auch die Frage nach dem Ursprung rechter Gewalt. Dahinter steht immer der Versuch, die Zusammenhänge von Geschichte zu begreifen: Die Stadt Nürnberg bekam einen Preis für vorbildliche Vergangenheitsbewältigung verliehen und genau zwei Monate später exekutierte der NSU dort eines seiner Opfer – solche Zusammenhänge sind erst in der Rückschau auszumachen.

Volksbühne: Kamilo Beach © David Baltzer
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Auf der Bühne: Martin Wuttke und Rosa Lembeck

Die junge Autorin Enis Maci arbeitet hier ähnlich wie in ihrem Stück "Mitwisser", das 2019 zu den Mülheimer Stücketagen eingeladen wurde: Sie breitet historische Daten wie eine Landkarte vor uns aus. Dem einen fällt beim Betrachten dieses ins Auge, dem anderen jenes. Alles ist postdramatisch unverbunden nebeneinander platziert.

Auf der Bühne stehen Martin Wuttke und die junge Schauspielerin Rosa Lembeck, doch eigentlich waren zwei andere Schauspieler für die Rollen vorgesehen, das Autorenteam sollte zudem Regie führen. Aufgrund von Corona musste aber so oft umdisponiert werden, dass die Autoren ihren Text bis zuletzt mit den (neuen) Spieler:innen erarbeiteten – und letztlich niemand offiziell in der Regieposition ausgewiesen wird.

Jeder Text klingt wie bei Pollesch

Die Probebühne ist für die Präsentation der richtige Ort ist, wirkt das Ganze doch sehr wie eine Fingerübung. Interessantes Thema – aber der Text bleibt kryptisch, wenn man ihn nur gesprochen hört. Wuttke und Lembeck stehen eine Stunde lang um eine Tischtennisplatte herum, spielen ein bisschen Pingpong, zwischendurch gehen sie auf den Balkon und werden per Live-Video zugeschaltet. Die Hälfte des Abends lesen sie ihren Text vom Blatt ab, weil er ja grade erst fertig geworden ist. Und Martin Wuttke klingt geradewegs so, als würde er Pollesch- oder Castorf sprechen.

Ohnehin ist das eine Krux des neuen Volksbühnen-Teams: Es scheint aus dem distanzierten Sprech nicht herauszukommen, jeder Text klingt wie bei Pollesch, ob das wie zuletzt Kathrin Angerer in "MiniMe" ist oder nun Martin Wuttke.

Hoffen auf die nächste Spielzeit

Und so kann auch dieser Abend der Volksbühne unter René Pollesch nicht aus einem Tief verhelfen. Natürlich, Pollesch hat es nicht leicht: Nach Chris Dercon und Klaus Dörr wurde er wie ein Heilsbringer erwartet, der das Haus auferstehen lassen soll – nicht leicht, diesen Anforderungen gerecht zu werden, noch dazu, bei einem Intendanz-Start mitten in der Pandemie.

Doch es wirkt mehr und mehr, als kümmere sich Pollesch zu wenig um bürokratische, organisatorische Fragen und solche der Kommunikation, obwohl auch das nun mal zum Job eines Intendanten gehört. Das Verständnis wäre sicher groß gewesen, wären Polleschs Pläne bekannt gemacht und anschließend von Corona zerschlagen worden. So aber sah man nur häufig ein sehr leeres Haus. Geschadet hätte auch nicht, man hätte darum gewusst, dass die drei Inszenierungen des Hausherrn einer Trilogie entsprechen sollen, bei der sich alle Ensemblemitglieder einmal vorstellen dürfen. Wer soll das verstehen, wenn nicht einmal bekannt ist, wer zum Ensemble gehört?

Darüber hinaus fehlt allerdings auch die überzeugende Kunst. Bisher war zu sehen: Pollesch, Pollesch und Pollesch – zudem Constanza Macras und Kornel Mundruczo mit durchwachsenen Inszenierungen. Kein Haus, das momentan für einen Besuch zu empfehlen wäre. Hoffnung liegt in der nächsten Spielzeit, wenn womöglich mehr gute Künstler:innen an Bord kommen.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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