Deutsches Theater: Auferstehung © Arno Declair
Arno Declair
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Deutsches Theater - "Auferstehung" von Lew N. Tolstoi

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Mehrfach wurde die Premiere wegen der Corona-Pandemie verschoben, jetzt war es am Wochenende endlich soweit: Armin Petras konnte seine Fassung von Leo Tolstois Roman "Auferstehung" auf die Bühne des Deutschen Theaters bringen. Nach "Krieg und Frieden" und "Anna Karenina" war "Auferstehung" Tolstois dritter und letzter Roman, der sich um die ganz großen Fragen dreht: Schuld und Sühne, Erlösung und Vergebung.

"Auferstehung" ist ein theologisches und politisches Vermächtnis: Tolstoi hatte sich der Rettung aus der irdischen Misere durch Gottes Gnade und durch die am Horizont aufscheinende Revolution verschrieben. Er war auf den Fall eines Mannes gestoßen, der in der Vergangenheit Schuld auf sich geladen hatte und im Diesseits nach Vergebung und Erlösung, nach "Auferstehung" aus dem Sündenpfuhl seines verpfuschten Lebens suchte.

Ein prall gefülltes Gesellschaftspanorama Russlands am Vorabend der Revolution

Tolstoi hat die dokumentarischen Berichte in literarische Fiktion verwandelt und erfindet einen Gutsherrn, Fürst Nechljudow, der als Geschworener mit seinen Verfehlungen konfrontiert wird. In der wegen Mord und Diebstahl angeklagten Prostituierten erkennt er Katja "Katjuscha" Maslowa, die er einst in einer Osternacht, dem Fest der "Auferstehung" Christi, verführt und vergewaltigt hat. Er hat sich schuldig gemacht, ihren sozialen Abstieg eingeleitet. Jetzt will er es wieder gut machen, kämpft um eine Revision des Urteils, legt sich mit der Justiz an, der Kirche, dem zaristischen Zwangssystem.

Weil alles nichts fruchtet, folgt der Fürst der Frau nach Sibirien in die Verbannung, fleht um Erlösung und "Auferstehung", bittet Katja, als sie begnadigt wird, um ihre Hand: Doch sie lehnt ab, nicht, weil sie ihn nicht lieben würde, sondern um einen anderen Mann zu heiraten und mit ihm ein neues Leben in Freiheit zu beginnen.

Es ist ein Traktat über Menschlichkeit und Nächstenliebe, ein mit Figuren und Nebenhandlungen prall gefülltes Gesellschaftspanorama Russlands am Vorabend der Revolution.

Deutsches Theater: Auferstehung © Arno Declair
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Weltliteratur vermischt mit Poetry Slam

Armin Petras kennt nur Rudimente und Ruinen, Steinbruch und Abrissbirne: Er bricht ein paar Ideen aus dem Romanbrocken heraus, reduziert alles auf ein Handlungsskelett, verwickelt die Schauspieler:innen in permanenten Kostüm- und Rollenwechsel, würfelt in einer schnellen Szenen-Collage Zeit und Raum durcheinander, arbeitet mit Masken, Videotapes, Traumsequenzen, Tanz und Gesang, übernimmt Tolstoi-Sätze im Original, mixt das hohe Pathos mit alltäglichem Gebrabbel, quirlt flotte Anglizismen dazu: Weltliteratur vermischt mit Poetry Slam.

Kann man machen, ist auch nicht weiter schlimm: Tolstoi hält das aus, seine grandiosen Gedanken und Figuren, seine zeitlosen Grübeleien über Schicksal und Schuld, Leid und Liebe, Gottesgnade und revolutionärem Aufbruch sind sowie "unkaputtbar".

Regisseur Petras liebt Tolstoi

Petras liebt Tolstoi. Aber die Liebenden sind oft die schlimmsten Zerstörer, weil sie sich etwas aneignen wollen, was größer und bedeutender ist als sie. Sie müssen das Große dann klein und Bedeutende unbedeutend machen, überkandidelt veralbern und in Satire und Farce verwandeln. Die russische Justiz ist ein dummer Witz, die Richter betrunken, die Zeugen gekauft, das Gefängnis ein Kinderzimmer, die Zellen ein Gitterbett, die Kirche ein pädophiler Abgrund, die Popen Lustmolche. In Rückblenden verwandelt sich die dörfliche Welt in niedliches Kindertheater mit simplen Pappmasken, Schattenspiel und Scherenschnitt. Russisches Landleben ist klebrige Folklore, die Bauern sind blöde Typen mit fettigen Haaren und dicken Mänteln, die Frauen bigotte Schlampen, die es faustdick hinter den Ohren haben und die geilen Männer über den Tisch ziehen.

Neustart nach zwei quälenden Stunden

Anja Schneider muss die Katja Maslowa als aufgedonnerte billige Hure geben, grell geschminkt, mit buntem Minirock und lüsternen Blicken. Felix Goeser ist als Fürst Nechljudow ein schwitzender Erotomane und ein fanatischer Gutmensch, der sich an seiner eigenen Rhetorik berauscht. Tschechows "Kirschgarten" wird genauso verblödelt wie Johannes Mario Simmel, denn "Niemand ist eine Insel": alles hängt mit allem zusammen.

Tolstoi trifft auf Zeitgeist und Pop, Handys werden gezückt und Selfies gemacht, die graue Welt wird sich bunt gekifft, die melancholische Seele mit schiefem Gesang gefüttert. Höhepunkt der Verhunzung ist eine grauenhafte deutsche Version des Led-Zeppelin-Klassikers "Stairway to Heaven": "Sie kauft eine Treppe zum Himmel", muss die bemitleidenswerte Kotbong Yang aus ihrer sanften Kehle heraus würgen.

Es ist kaum auszuhalten. Doch nach zwei quälenden Stunden drückt Petras plötzlich auf die Stopp-Taste und auf Neustart. Und endlich beginnt ein Theater, das den Zuschauer gnadenlos anspringt und zutiefst erschüttert. Da reißt die Bühnen weit auf, alles liegt in gleißendem Licht, Katja, Nechljudow und all die anderen Schwätzer und Gotteskinder sind auf dem Weg nach Sibirien. Die Drehbühne rotiert ohne Unterlass.

Betäubt stolpert man aus dem Theater

Ein langer Weg durch Schnee und Kälte, mitten hinein in die Hölle des Gulag, die Apokalypse der Menschlichkeit: Hier gibt es keinen Gott und keine Liebe, nur das nackte Überleben, blutige Folter und tödliche Verdammnis. Hier landen die kleinen Gauner und großen Intellektuellen, die Anarchisten und die Esoteriker, alle, die Nein sagen zur herrschenden Clique, ein anderes Leben wollen, sich die Köpfe heiß diskutieren, bevor sie erfrieren, verhungern oder erschossen werden. Bässe wummern, schrille Töne zertrümmern das Gehör, alles, was nach Demokratie und Freiheit ruft, wird vernichtet: Ob gestern oder heute, ob Zar, Stalin oder Putin: Russland war und ist ein Schlachthaus, eine Diktatur, die nur eines kennt: Unterdrückung und Unterwerfung.

Mögen Katja und der Fürst auch irgendwann diesem Zwangssystem entkommen: sie sind gezeichnet, ihre Seele ein Trümmerfeld. Betäubt stolpert man aus dem Theater. Gleich nebenan: die Botschaft der Ukraine. Blumen der Trauer und Solidarität. Auf einer Video-Wand laufen die täglichen Bilder des Grauens. Russland ist ein Monstrum, wer sich seinem Willen widersetzt und frei sein will, wird vernichtet. Das zeigte uns Tolstoi, das zeigt uns jetzt auch Petras.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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