SYM-PHONIE MMXX – Choreographie von Sasha Waltz mit dem Staatsballett, hier: Ensemble; © Bernd Uhlig
Bernd Uhlig
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Staatsballett Berlin - Sasha Waltz: "SYM-PHONIE MMXX"

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Ziemlich genau zwei Jahre nach der eigentlich geplanten Uraufführung hat Sasha Waltz in der Staatsoper Unter den Linden ihr neues Stück präsentieren können. "Symphonie MMXX", der Titel ist eine Anspielung auf die Entstehungszeit. Einen Tanz auf dem Vulkan hat das Berliner Staatsballett angekündigt, für das Sasha Waltz diese Choreografie ursprünglich inszenieren wollte. In dieser pandemiebedingt verspäteten Uraufführung treten nun ihre eigenen Tänzerinnen und Tänzer auf.

"Symphonie MMXX" ist ein brodelndes Stück der Düsternis und Kümmernis und auf bestürzende Weise aktuell, obwohl es vor zwei Jahren entstanden ist und Sasha Waltz kaum etwas daran geändert hat. Vermutlich dürfte jedem in der Staatsoper der Schrecken des Krieges in der Ukraine in den Sinn gekommen sein. So viel Tragik und Schmerz war schon lange nicht mehr bei Sasha Waltz zu sehen. Bitternis und Leidenspathos sind auch eher ein Anknüpfen an ihr Volksbühnen-Stück "Rauschen" von 2019 – daran erinnert diese "Symphonie MMXX" immer wieder.

Dramatische Musik von Georg Friedrich Haas

Die Musik dazu stammt von Georg Friedrich Haas – es ist seine erste Ballett-Musik überhaupt - und auch sie ist großes Drama. Sasha Waltz hat schon oft Musik von Haas in ihren Stücken eingesetzt, zumeist flirrende, sirrende, energetische Kammermusik. Hier nun spielt die Staatskapelle geleitet von Ilan Volkov im ersten Teil des Abends ein mächtiges Auf- und Abschwellen, kurze Klangflächen, die sich gegenseitig hochtreiben und runterziehen. Immer wieder crescendo und decrescendo – die Musik treibt auf ein Drama zu.

Und das kommt, ungefähr in der Mitte des Stückes, mit Stille. Geschätzte 20 Minuten lang ist nichts zu hören, bis die Musik im zweiten Teil etwas feinsinniger und zerklüfteter weitergeht. Kurz vor Schluss spielt das Orchester in völliger Dunkelheit, ohne Dirigenten.

Es ist eine fesselnde, hochdramatische Ballett-Musik, die allerdings kaum mehr zulässt als ein ebenso dramatisches Geschehen auf der Bühne. Die Kammermusik von Georg Friedrich Haas lässt mehr Spielräume.

Gewaltige Gruppenszenen

Zu dieser Musik hat Sasha Waltz gewaltige Gruppenszenen für 21 Tänzerinnen und Tänzer entworfen, hat Massenbewegungen inszeniert und das kann sie ja wie wenig andere. Inspiration dafür waren Demonstrationen, etwa bei der Demokratie-Bewegung in Hongkong, waren das Aufeinanderprallen von Gegensätzen, Aggressionen, sogar Kampfhandlungen. Immer wieder stehen Gruppen wie feindlich gesonnen einander gegenüber, die Tänzer werfen scheinbar Steine oder Molotow-Cocktails, in einzelnen Bewegungen sind Spuren von Martial Arts zu erkennen.

Die Schlüsselszene der Choreografie

Gewalt als Grundelement menschlichen Seins durchzieht dieses Stück, wie auch Tod und Sterben. In der wenigstens 20-minütigen Stille rücken die Tänzerinnen und Tänzer in breiter Linie an die Bühnenfront vor, zwei von ihnen ergreifen die anderen sacht und behutsam und legen sie wie leblos nieder – eine sehr mutige Szene, denn alles geschieht in äußerster Langsamkeit, wie auch das Wiederauferstehen aller, das wie ein Rückspulen der Szene wirkt. Das ist der Mittelpunkt und das Schlüsselereignis des Stückes – im Saal herrscht dabei absolute Stille.

SYM-PHONIE MMXX – Choreographie von Sasha Waltz mit dem Staatsballett, hier: Zaratiana Randrianantenaina; © Bernd Uhlig
Bild: Bernd Uhlig

Ikonographische Abbilder von Protest und Scheitern

Eingerahmt wird diese Schlüsselszene von wuchtigen Massenbildern. Die Tänzerinnen und Tänzer zumeist in schwarzen bodenlangen Kleidern und Hosen dehnen und strecken, winden und verdrehen sich vergeblich ins Nichts, finden zu Massen-Skulpturen zusammen, die wie zum Fotoshooting eingefroren werden. Diese sich auftürmenden Leiber haben das Zeug zu ikonographischen Abbildern von wütendem Protest, von tragisch scheiterndem Widerstand. Erlösung gibt es nicht, sie wird nur leicht in der Musik am Ende angedeutet. Auf der Bühne sinkt eine gigantische schwere Holzdecke auf die Tänzer herab, eine machtvolle Bedrohung, vor der es keinen Schutz gibt – als der letzte einsame, beinahe erdrückte Tänzer zur Seite kriecht, ist das Stück zu Ende.

Jubel vom Publikum

Vom Publikum gab es Jubel für die Tänzerinnen und Tänzer, für die Staatskapelle und den Komponisten und auch für Sasha Waltz.

Für mich war es eine Rückblende in die schwermütigen Stücke von Sasha Waltz mit viel Pathos und Erstarrung in fast heiligem Ernst, eine Rückblende in ihre bedeutungsschweren Stücke der späten Zwei-Zehner-Jahre, auch in die Strategien der Überwältigung mit monströsen und zugleich prächtig-schönen Tanz-Bildnissen. Davon hatte sie sich mit den beiden Dialoge-Abenden 2020 und v.a. mit der bestechend leichtherzigen „In C“-Choreografie im letzten Jahr wunderbar befreit. Man sieht dieser „Symphonie MMXX“ ihre Entstehungszeit an, die Zeit der Unruhe, die Zeit ihres unfreiwilligen und vorzeitigen Ausscheidens als Staatsballett-Co-Intendantin. Dieses Stück formuliert voller Wut ein düsteres Menschheits-Drama, ein bestürzend wuchtiges Mahnmal von Tragik, Leid und Schmerz.

Frank Schmid, rbbKultur

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