Volksbühne: "Geht es dir gut?!" von Pollesch/ Hinrichs – hier: Fabian Hinrichs; © Thomas Aurin
Thomas Aurin
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Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz - "Geht es dir gut?"

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In René Polleschs legendärem Volksbühnenstück "Kill your Darlings!" ist Fabian Hinrichs mit 15 Turnern aufgetreten. Dann stand er in "Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt" mit 28 Tänzer:innen der Palast-Compagnie auf der Bühne des Friedrichstadtpalasts. Und nun gibt es ein neues Stück des Erfolgsduos Pollesch/Hinrichs: "Geht es Dir gut?" wurde gestern in der Volksbühne uraufgeführt. Fabian Hinrichs und René Pollesch gelingt mit dem Klagegesang der erste sehenswerte Abend der neuen Volksbühne.

Die leere, weite Bühne. An der Rampe nichts als ein Klavier, auf dem Fabian Hinrichs ein paar Akkorde spielt, während der Chor um ihn größer wird. Die Männer und Frauen von den "African Voices" und den "Bulgarian Voices Berlin" stecken in sandfarbenen Outfits und erinnern fast an eine Soldaten-Armee, würden sie keine Plüsch-Ohrenschützer tragen. Den Auftakt macht thematisch jedoch nicht der Krieg, sondern die Pandemie.

Klagegesang über eine Müdigkeitsgesellschaft

"Wir waren weg", konstatiert der Chor, während Hinrichs zu schweren Moll-Klängen widerspricht: "Nein, wir waren im Homeoffice." Und die Schulfreunde, die existieren nur zweidimensional. Jetzt sind die Masken dran. Hinrichs schreit seine imaginäre Geliebte an, während die Töne anschwellen: "Gib deine Maske her! Die ist vier Wochen alt! Ich will dein Lächeln sehen!"

Dann wird auch der Krieg zum Thema dieses Klagegesangs über eine Müdigkeitsgesellschaft, die der Klimawandel, die Pandemie und nun Putins Angriff fertigmachen. "Pandemie und Krieg und 1,5 Grad und 1,5 Meter und 2 Mal 1,5 Atomkoffer. Ich möchte nur noch besoffen sein."

Geht es dir gut? von Pollesch/Hinrichs
Geht es dir gut? von Pollesch/Hinrichs

Sentimentale Erschöpfungslitanei

Hinrichs sentimentale Erschöpfungslitanei klingt schrecklich selbstbezogen, mit Absicht: Das sind wir – diese Menschen, die noch vor vier Wochen über Einsamkeit und Depression angesichts der Corona-Krise geklagt haben, und die jetzt im warmen Wohnzimmer an Kriegsbildern "leiden" und die Welt nicht mehr zu fassen kriegen.

Mit der gigantischen silberfarbenen Rakete, die das Jammern unterbricht und unter großem Getöse und Nebel vom Himmel fährt (Bühne: Kathrin Brack), schimmert Hoffnung auf: Auf einem anderen Planeten kann es ja nur besser sein. Der Chor steigt ein – doch bis Hinrichs mit dem Taxi, das ebenfalls auf die Bühne gerauscht kommt, zuhause seine sieben Sachen gepackt hat, ist die Rakete ohne ihn abgezischt.

Atemberaubende Breakdance-Nummer und "Hinrichs in a nutshell"

Was bleibt? Der Blick auf die jungen Leute. Aus dem Bühnen-Taxi steigt eine Jungs-Gang, vor der man nachts Reißaus nehmen würde. Aber statt dem schmalen Hinrichs eins drauf zu geben, starten die Tänzer von der "Flying Steps Academy" atemberaubende Breakdance-Nummern, die den Saal zu Szenen-Applaus mitreißen. So schnell, wie sie gekommen sind, verschwinden die Jungs allerdings wieder. So richtig taugen auch sie nicht, um den Glauben an die Zukunft zu retten.

Nach der unvermittelten Tanzeinlage krabbelt Hinrichs in eine große Walnussschalenhälfte, "Hinrichs in a nutshell" sozusagen, und weiter geht’s mit dem Gejammer: existenzielle Einsamkeit, eine verlorene Liebe, 1,5 Grad Erderwärmung und 1,5 Meter Abstand – die Zahlen, die unser Leben prägen:

"Ich meine, was soll eigentlich noch kommen? Es kann doch eigentlich nur noch ein Meteorit kommen. Oder Außerirdische. Es könnte doch höchstens noch Gott persönlich zu uns sprechen."

Von der viel zitierten "Zeitenwende" ist an diesem Abend nichts zu spüren

In den besten Momenten sagen diese emotionalen, mit großer Verletzlichkeit gesprochenen Suaden auch bei dieser Pollesch-Hinrichs-Arbeit viel über unseren Gesellschaftszustand und Gefühlshaushalt aus. Für die Vereinsamung im Lockdown, unsere asymmetrischen Gesichter hinter der Maske finden die Theatermacher wunderschöne Sätze.

Doch man merkt dem Abend an, dass er die Pandemie und den Klimawandel zum Grundthema hatte – die hineingewerkelten Aktualisierungen im Hinblick auf Putin, der zwischendurch im Foto eingeblendet wird, wollen sich nicht so recht ins Requiem der Privilegierten einfügen.

Lässt sich der Krieg so leicht einflechten in den allgemeinen Erschöpfungszustand? Schlicht ein Ding "on top", wie Hinrichs sagt? Führt auch dieser Krieg nur zu kurzzeitigen Solidaritätswellen, die im Narzissmus der westlichen Welt bald abebben? Von der viel zitierten "Zeitenwende" ist hier nichts zu spüren, gar nichts. Vielleicht kommt dieser Abend fünf Wochen zu spät.

Volksbühne: "Geht es dir gut?!" von Pollesch/ Hinrichs – hier: Fabian Hinrichs; © Thomas Aurin

Eine Inszenierung, die einen wirklich angeht

Wenn Hinrichs zum Schluss das große Ganze irgendwie in den Blick nimmt, wirkt das wie eine kleine Erlösung: "Was ich mir wünsche? (...) Vielleicht das: dass es in 200 Jahren hier unten noch etwas gibt und nicht nur nichts. Uns beide gibt es dann nicht mehr, aber es ist ja nicht unbedingt und automatisch nichts, nur weil wir beide nicht mehr sind. Weißt du, eine Rakete, ein Krieg, der mir sagt, ich kann hier nicht mehr nur über uns beide sprechen."

Trotz mancher Einwände: Mit "Geht es dir gut?" hat die Volksbühne eine Inszenierung vorgelegt, die einen wirklich angeht.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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