Schaubühne: Beyond Caring © Gianmarco Bresadola
Gianmarco Bresadola
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Schaubühne Berlin - "Beyond Caring" von Alexander Zeldin

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Im Herbst 2021 war der britische Theatermacher Alexander Zeldin mit seiner Produktion "LOVE" beim Festival Internationale Neue Dramatik (FIND) zu Gast an der Schaubühne. Jetzt arbeitet er hier erstmals mit den Schauspieler:innen des Ensembles an der deutschsprachigen Inszenierung seiner Produktion "Beyond Caring". Das Stück über Putzkräfte in einer Fleischfabrik wurde 2014 in London uraufgeführt und ist nun in Berlin zu sehen.

 

"Mich interessiert nicht die Repräsentation von Leben, mich interessiert das Leben." Das sagt der britische Autor und Regisseur Alexander Zeldin, der mit seiner Kunst Wirklichkeit spiegeln und verändern will. In "Love" porträtierte er Menschen, die Weihnachten in einer Notunterkunft des Sozialamtes zubringen müssen und sorgte damit im vergangenen Jahr beim FIND an der Schaubühne für Aufsehen.

Jetzt kehrt Zeldin an die Schaubühne zurück und inszeniert sein Stück "Beyond Caring", das man mit "Mehr als nur Sorge" oder "Sich nicht kümmern" übersetzen könnte. Thematisiert wird damit die prekäre Arbeit und schwierige Lebenssituation von Reinigungskräften.

Schaubühne: Beyond Caring © Gianmarco Bresadola
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Krasser Realismus und Aufruf zur Mitmenschlichkeit

Zeldin hat "Beyond Caring" auch schon in London und Chicago gezeigt und geht bei seiner Berliner-Fassung auch auf hiesige Verhältnisse im Billiglohnsektor ein. Zudem hat er seine Akteur:innen dazu verdonnert, selbst einige Frühschichten als Reinigungskräfte zu übernehmen, um zu spüren, was das für eine fremdbestimmte Knochenarbeit ist, um selbst zu erleben, worüber und in welchem Tonfall die Reinigungskräfte in ihren Pausen sprechen, wie sie leben, was ihre Alltagsprobleme und ihre Wünsche sind.

Zeldin geht es um krassen Realismus, er will uns eine soziale Klasse, die für die bürgerlichen Schichten der Theaterbesucher:innen sonst ziemlich unsichtbar ist, näher bringen, sie aber nicht als Aussätzige vorführen, sondern als Menschen, die unsere Aufmerksamkeit verdienen, die uns daran erinnern, wie schnell es bergab gehen und unser schönes Leben im Mahlstrom des Turbokapitalismus unter die Räder kommen kann.

"Beyond Caring" ist fundamentale Sozialstudie und Aufruf zur Mitmenschlichkeit, ohne die unsere gespaltene Gesellschaft vollends zerfallen würde.

Über die Tristesse des Alltags in der Fleischfabrik

Wir begegnen den Putzkräften nachts in einer Fleischfabrik, drei Frauen und zwei Männer. Jan ist ihr Vorarbeiter, Michael angestellte Teilzeitkraft, Sonja und Becky sind über eine Fremdfirma als Subunternehmerinnen angestellt, Ava kommt über eine Maßnahme des Arbeitsamtes: Die klassische Arbeitsgesellschaft mit gemeinsamen Interessen und gewerkschaftlicher Vertretung ist längst Schnee von gestern. Ab und zu gibt es eine kleine Pause, dann hocken sie dumpf herum, blättern in Zeitschriften, essen, trinken, hören Musik, spielen mit dem Handy, schweigen viel und reden nur das Nötigste.

So geht das tagein, tagaus, immer die gleichen Tätigkeiten, immer reinigen sie die blutbesudelten Fleischmaschinen, putzen die Kacheln der verschmierten Wände, sammeln Müll ein, immer führen sie gleichen Pausengesprächen, immer hoffen wir inständig, dass sich etwas ändern möge, dass sie diesen fürchterlichen Job aufgeben, den Weg aus der sozialen Sackgasse finden, der Tristesse ihres Alttags entfliehen können.

Einige kommen sich etwas näher oder sorgen sich um eine Kollegin, die auf Medikamente angewiesen ist. Einmal fallen in purer sexueller Not zwei Putzkräfte regelrecht übereinander her, reißen sich die Kleider vom Leib, erleben einen kurzen Moment der Anarchie, bevor sie peinlich berührt auseinander driften. Aus dem Jammertal ihrer kaputten Existenz, das spürt man als Zuschauer:in sofort, werden sie sich nicht befreien können: Kein Ausweg, nirgends.

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Die Zuschauer:innen beobachten immer gleiche Szenen

Die Spielfläche ist von Zuschauer:innen umzingelt, die zu Voyeur:innen einer Versuchsanordnung degradiert werden. Der Raum ist von grellem Neonlicht permanent ausgeleuchtet, alles ist jederzeit sichtbar, alles starrt vor Dreck und Blut, überall Fett- und Fleischreste, Plastikbehälter mit Fleischkadavern, Reinigungsmittel und Putzlappen. Manchmal rennt jemand durch den offenen Bühneneingang auf die Straße, um sich Luft zu verschaffen und eine Zigarette zu rauchen, ein anderer zieht sich aufs Klo zurück, um abzuschalten oder einen Krimi zu lesen.

In dem von stinkenden Ausdünstungen, blutigem Fleisch und vergifteter Kommunikation kontaminierten Raum machen die Putzkräfte auch ihre Pause, hocken auf scheußlichen Plastikstühlen, telefonieren mit ihren Kindern, die allein zuhause sind.

Sie werden vom Vorarbeiter drangsaliert, einem Kaugummi kauenden Wichtigtuer und Schwätzer, der ständig Überstunden einfordert und allen das Leben zur Hölle macht. Gegen diesen Fiesling, der, wenn er nicht gerade sein Team herbeizitiert und mitleidlos zur Sau macht, sich auf seinem Handy an Pornos aufgeilt, kommt niemand an: weder die kesse Becky, die ihre Tochter so vermisst, noch die duldsame Ava, die sich vor Müdigkeit kaum noch auf den Beinen halten kann, und schon gar nicht die still leidende Sonja, die Vorräte hortet und sich zum Schlafen in die Fleischfabrik schleicht, weil sie keine Wohnung hat und eigentlich auch kein richtiges Leben.

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Große Schauspielkunst und Bühnen-Folter

Ein niederschmetternder Abend. Nirgendwo ein Funken Hoffnung. Natürlich bekommen die fünf Akteur:innen, wenn das menschliche Grauen endlich vorbei ist, zu Recht ihren verdienten Applaus. Was Damir Avdic, Jule Böwe, Julia Schubert, Kay Bartholomäus Schulze, Hêvîn Tekin leisten, wie sie sich erniedrigen lassen und ausgebeutet werden, wie sie sich vor Scham winden und trotzdem nie die Würde und die Hoffnung verlieren, manchmal sogar eine schelmische Bemerkung machen, das ist große Schauspielkunst.

Doch als Zuschauer:in dieser fast zwei Stunden währenden Tortur hilflos ausgesetzt zu sein, kann man auch, gerade in den emotional ohnehin schwierigen Zeiten von Krise und Krieg, als Bühnen-Folter empfinden. Selten habe ich mich nach einem Theaterbesuch so klein und so schlecht gefühlt.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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