Kat Válastur "Eye, Lash!" © Leon Eixenberger
Leon Eixenberger
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Hebbel am Ufer 2 - "Eye, Lash!" von Kat Válastur

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Die Choreografin Kat Válastur, in Athen geboren, seit vielen Jahren eine Berlinerin, hat für ihre Tanzstücke schon oft befremdliche und sonderbare Welten entwickelt, oft inspiriert von Mythologie und archaischen Ritualen. In ihrem neuen Solo-Stück "Eye, Lash!" sollen nun "Geister von Frauen der Vergangenheit und Gegenwart" auftauchen. Gestern war Premiere im Hebbel am Ufer 2.

Diesmal ist ein magischer Garten Schauplatz von vielen Wunderlichkeiten. Auf der Bühne liegen quadratische schwarz-grau-braune Platten, die nach Marmor aussehen. Aus diesem Plattenmosaik sprießen Blumen und wachsen Büsche und es liegt wie eine Insel in knöcheltiefem Wasser, das weit an die schwarzen Bühnen-Vorhänge heranreicht. Dieser Ort ist wie ein Weltwundergarten der Antike, eine blühende Oase inmitten von Dunkelheit, denn wie so oft bei Kat Válastur schält sich das Geschehen aus Düsternis heraus, einer Düsternis, in der am Ende auch alles wieder versinkt. Für kurze Zeit sind wir zu Gast an einem magischen Ort, jenseits einer konkreten Zeit oder konkreten Welt.

Jeder Atemzug bringt Veränderung

Hier liegt Kat Válastur zu Beginn des Stückes wie leblos auf dem Boden und stemmt sich dann mit einzelnen schweren Atemzügen in die Höhe und ins Leben. Jeder Atemzug ist ein Aufrichten und bringt eine Veränderung mit sich. Wir sehen das Erwachen einer mythischen Gestalt, die sich schließlich driftend über die Bühne bewegt, als wären ihre Bewegungen nicht immer ihre eigenen, als wären sie ihr fremd, von irgendwoher zugeflogen.

Kat Válastur zeigt eine schwer greifbare, nicht zu definierende Gestalt, die sich aus unendlich vielen Frauenfiguren zusammenzusetzen scheint. Sie ist eine Traumfigur mit langen wallenden rotblonden Haaren und im blaugrauen Anzug, der schnell klitschnass ist, weil sie durch den Teich getollt ist und sich das Wasser einer Blumenvase über den Kopf geschüttet hat.

Abbilder vieler verschiedener Frauenfiguren

Kat Válastur schlüpft in diesem Stück immer wieder momenthaft in viele verschiedene Figuren, ist Nonne und Seherin, Königin und Kriegerin, ist vergnügt quiekendes Mädchen, ist reine Unschuld und rothäutige Teufelin. Die Inspirationsquellen, historische Frauengestalten sind dabei nicht konkret wiedererkennbar. Weder die spätmittelalterliche Mystikerin Marguerite Porete, Anfang des 14. Jahrhunderts von der Inquisition auf dem Scheiterhaufen verbrannt, noch die englische Neun-Tage-Königin Lady Jane Grey, Mitte des 16. Jahrhunderts enthauptet. Und ebenso wenig wiedererkennbar wie eine andere Inspirationsfigur aus Andrei Tarkowskis rätselhaftem Meisterwerk "Stalker", die Tochter des Schmugglers, die am Ende des Films Zauberkräfte zu besitzen scheint.

Kat Válastur schlüpft in immer auch mehrdeutig markierte Frauen-Figuren, als würde ein Geist in ihren Körper fahren, diesen kurz besetzen und schnell wieder verlassen.

Keine feste Identität – eine fluide Existenz

Wie schon in früheren Stücken geht es in "Eye, Lash!" um das Thema Identität. Wobei es bei Kat Válastur keine festen Identitäten, kein unveränderliches, für immer fest bestimmtes Ich gibt. Das ist nur eine Konstruktion, eine Idee, die uns Menschen die Illusion von Sicherheit und Überblick geben soll. Eine simple Idee mit weitreichenden Folgen, etwa in Anbetracht der strengen Debatten der Identitäts-Politik, die eher auf Abgrenzung als auf Durchlässigkeit beruhen.

Kat Válastur zeigt eine fluide Existenz, vielgestaltig, immer in Veränderung, im Werden und Vergehen, die feste Zuschreibungen verhindert.

Zugänge zur Gegenwart

Das Faszinierende auch an diesem Stück ist, dass es Kat Válastur gelingt, aus Mythologie und archaischen Bildnissen und Ritualen und auch aus postapokalyptischen Science-Fiction-Ideen Zugänge zu unserer Gegenwart zu finden. Ihre fluide Figur ist eine Frau der Gegenwart, die durchströmt wird von Erinnerungen an Frauen der Vergangenheit und von Visionen möglicher Frauen der Zukunft.

Ähnlich war es in ihrem Odysseus-Zyklus, den Tanzstücken, in denen sie Homers "Odyssee" in viele Formen von Irrfahrten durch Raum und Zeit verwandelt hat. Oder in ihrem Stück aus dem Jahr 2019 "Arcana Swarm" mit der düster-bitteren Analyse unserer Moderne als einer zwangsgestörten neurotischen Gesellschaft.

Faszinierende magisch-mythische Welt

Auch in diesem Stück setzt Kat Válastur ihren minimalischen, redundanten, mitunter ins Komische kippenden Tanzstil ein, setzt auf Mehrdimensionalität, auf ständig wechselnde, aufblühende und verglühende emotionale Zustände, so dass ihre Bühnenfigur eine immer undeutliche, schemenhafte Erscheinung bleibt. Sie hat für "Eye, Lash!" eine faszinierende magisch-mythische Welt entworfen, in der tiefe Bässe wummern und das karge Licht sich der Dunkelheit erwehren muss.

Das Ende dieses Stückes kommt mit perfekt gesetztem Timing, kurz bevor das ständig Unstete, das fast Zuviel an Gestalten und Wunderlichkeiten, das ständige Verflüssigen von Figuren und Bewegungen zu Beliebigkeit werden und zu Überdruss führen kann.

Frank Schmid, rbbKultur

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