Staatsballett Berlin: "Dornröschen"; Choregrafie, Marcia Haydee © Yan Revazov
Yan Revazov
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Deutsche Oper Berlin - Staatsballett Berlin: "Dornröschen"

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Das Berliner Staatsballett hatte gestern Abend in der Deutschen Oper Berlin die größte und wichtigste Premiere dieser Saison. Immerhin stand mit "Dornröschen" DER Ballettklassiker schlechthin auf dem Programm und immerhin hat die legendäre Marcia Haydée die Choreografie übernommen, einst Star-Ballerina und Star-Chefin des Stuttgarter Balletts in dessen goldener Ära.

Die mittlerweile 85-jährige Marcia Haydée wurde vom Publikum mit Standing Ovations gefeiert und sie hat ein rauschhaftes Märchen-Fest-Feuerwerk gezündet, bei dem sich der Märchenzauber allerdings erst spät und eher schwach einstellt.

Staatsballett Berlin: "Dornröschen" © Yan Revazov
Bild: Yan Revazov

Das Märchenhafte stellt sich zögerlich ein

Im ersten Akt gibt es ihn nicht, bei der Vorgeschichte, in der Prinzessin Aurora als Baby in der Wiege verflucht wird von der bösen Hexe Carabosse, weil sie nicht zur Taufe eingeladen wurde. Das Märchenhafte entwickelt sich allmählich im zweiten Akt, mit dem traumhaften Liebes-Pas-de-Deux, wenn Prinz Desiree seine Aurora zum ersten Mal erblickt, wenn auch nur als Traumbild - sie liegt ja noch im hundertjährigen Schlaf, er hat sie noch nicht wachgeküsst und tanzt mit einem von der Fliederfee herbeigezauberten Wunschbild.

Im dritten Akt, wenn Hochzeit gefeiert wird und mit dem berühmten herrlichen Hochzeits-Pas-de-Deux, glimmt der Märchenzauber, auch weil Marcia Haydée die Märchenfiguren und ihre Begleiter, die zum Hochzeitsball auftreten: Schneewittchen, der Gestiefelte Kater, Rotkäppchen mit viel Liebe und Humor inszeniert hat. Eine Freude nicht nur für Kinder, diese Choreografie soll ja für alle ab sechs Jahren sein.

Tiefe Verneigung vor der Tradition

Marcia Haydée hat eine reine Märchenwelt inszeniert, eine Phantasiewelt und das als tiefe Verneigung vor der Tradition. Sie hat sich in Bühnenbild und Tanz an die Uraufführung von Marius Petipa von 1890 gehalten, hat ein verschwenderisches feierliches Fest inszeniert, ohne grundsätzliche Neu-Interpretation, aber mit einer wesentlichen Akzentverschiebung, wie schon bei ihrem Erfolgs-Dornröschen 1987 in Stuttgart.

Haydée betont die Figur der bösen Hexe Carabosse. Anders als bei Petipa und allen Dornröschen-Interpretationen danach ist Carabosse die zentrale Figur, ist immer präsent, zu Beginn und am Ende, ist mehr als nur der Schatten der guten Fliederfee, die alles zum Guten wendet.

Damit stellt Haydée die Frage nach dem Bösen. Ist die Kränkung für Carabosse wegen der Nicht-Einladung zur Taufe wirklich so schlimm, dass sie nur mit einem grausamen Fluch gerächt werden kann? Woher kommt also das Böse?

Eine Antwort darauf gibt Haydée nicht, sie setzt nur einen anderen Rahmen und hat mit Dinu Tamazlacaru eine perfekte böse Hexe gefunden. Ganz in schwarz, mit bleichem Gesicht, die Feenkrone sieht nach Hörnern aus, von boshaften Trollen begleitet, tanzt er wütend und voller Hass, ist zum Fürchten. Er erzählt von Glück und Freude und Genuss, böse zu sein – eine entscheidende Umdeutung der Figur.

Staatsballett Berlin: "Dornröschen" © Yan Revazov
Bild: Yan Revazov

Star-Gast Polina Semionova als Prinzessin Aurora

Publikumsliebling Polina Semionova ist als Aurora wieder bewundernswert reine Perfektion. Aber das 16-jährige Mädchen, das ihren Geburtstag feiert und trunken vor Glück herumtollt, ist sie nicht, dafür wirkt sie zu kontrolliert, zu streng. Als strahlende Braut am Ende sie dann aber wahrlich hinreißend.

Prinz Desiree ist bei dieser A-Premiere überraschend mit Alexandre Cagnat besetzt, als Demi-Solist ein Tänzer der zweiten Reihe. Er nutzt seine Chance aufzufallen, ist schwärmerischer Träumer, ist hoffnungslos Verliebter, ist glücklich strahlender Bräutigam. Ein überzeugender Auftritt auch wenn er nicht zu Jubel anstachelt. Das gelingt Elisa Carillo Cabrera als Fliederfee von Beginn an.

Insgesamt zeigen sich die Tänzerinnen und Tänzer des Staatsballetts in guter, nicht bestechender Form und die vielen Schülerinnen und Schüler der Staatlichen Ballett- und Artistikschule sind eine Freude. Das Orchester der Deutschen Oper Berlin hat unter Leitung von Ido Arad nicht den besten Abend erwischt, ist manchmal etwas zu grell und schrill und in den Tempi etwas ungenau, aber im Grunde seriös und in den romantischen Phasen der herrlichen Musik von Peter Tschaikowsky ausgezeichnet.

Staatsballett Berlin: "Dornröschen" © Yan Revazov
Bild: Yan Revazov

Verschwenderische Pracht

Dieses "Dornröschen" ist verschwenderisch prächtig ausgestattet und inszeniert, es muss eine ungeheuer kostspielige Produktion sein. Marcia Haydée setzt mehr als 170 Figuren ein, die fast 300 Kostüme erzeugen einen Farbenrausch in Rokoko-Anmutung, alles strahlt und glitzert. Der Palast mit Säulen, Treppen, Galerien ist eine Halluzination an goldglänzender Pracht, selbst die Wiege ist golden. Hier wird also jeder Märchenwunsch erfüllt.

Ein Erfolg, aber noch fehlt der anmutige Feenzauber

Marcia Haydées "Dornröschen" wird sicherlich ein Erfolg für das Staatsballett. Es will mit aller Macht beeindrucken und prunken, es will betören – aber das Magische und unwirklich Märchenhafte, den Feenzauber kann man nicht herbeiwünschen und erzwingen. Wenn man es versucht, entzieht sich die Magie.

Das Seltsame ist, dass bei aller Opulenz und liebevollen Verschwendung, bei aller Märchen-Zauber-Welt-Pracht, die hier mit voller Wucht entfaltet wird, der Abend auch etwas altmeisterlich-gediegenes hat.

Vielleicht liegt noch zu viel Druck auf dem Ganzen, vielleicht stellt sich der notwendige anmutige Zauber noch ein, wenn sich alles gesetzt hat, selbstverständlicher geworden ist – bei der Premiere war er nur in Andeutungen zu spüren. Aber das kann ja noch kommen.

Frank Schmid, rbbKultur

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