Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)
Krafft Angerer
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22. Theatertreffen - "Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)"

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Ein Theaterabend, dem eine Triggerwarnung vorausgeschickt wird – das ist neu. "Der Text enthält Schilderungen von sexualisierten Gewalthandlungen, die belastend und re-traumatisierend wirken können", schreiben die Münchner Kammerspiele auf ihrer Homepage – genau so hat es das Theatertreffen übernommen. Auch "Ab 16 Jahren" steht dort. Beides kann sich allerdings nicht auf die Inszenierung beziehen.

Auf der Bühne geht es nämlich quietschbunt und völlig harmlos zu. Fünf Aliens stehen mit Turmfrisur und grellem Makeup in Retro-Raumschiff-Look in einer Art Hüpfburg mit hohen, weißen, phallischen Zinnen und führen mit mechanischen Gliedmaßen zu Elektrosounds fremdgesteuerte Choreografien auf.

Like Lovers Do (Memoiren der Medusa) © Krafft Angerer
Bild: Krafft Angerer

Die Gewalt liegt im Text

Es ist der Text, in dem die ganze Gewalt liegt: "Dieses Lied ist dem gewidmet, der mich in einem Flur voller Schlangen fickte, bis meine Augen weiß und zu Knochen wurden... An den, der in den Müllschacht zwischen meinen Beinen spuckte und dann darin abspritzte", heißt es da.

Sivan Ben Yishai schreibt von hartem Sex. Von Gewaltpornografie. Von Sadisten, die Mädchen vergewaltigen und andere Mädchen zwingen, dabei zuzuschauen. Sie schreibt von Männern, die Frauen missbrauchen und ihnen dann die Kehle durchschneiden. Von Massenvergewaltigung im Krieg und von Vergewaltigungen in der Familie. Von übergriffigen Onkeln und Vätern, von geilen Großvätern und wegschauenden Großmüttern: "An meinen Vater, der sagte: Wenn wir im gleichen Alter wären, hätte ich dich geheiratet. An meinen anderen Onkel, der sagte: Wenn du nicht aufhörst, dich so anzuziehen, wird dich jemand vergewaltigen. An den Freund des Freundes meines Onkels, der sagte: Mach deinen Mund auf. An den Freund des Freundes meines Onkels, der mir den Finger in den Mund steckte und sagte: Mmh, so warm. Mmh, so feucht. Mmh, so rosa."

Like Lovers Do (Memoiren der Medusa) © Krafft Angerer
Bild: Krafft Angerer

Eine Anklage der Gewalt gegen Körper jedweder Art

Aber diese Textfläche, dieses angebliche Liebeslied ist eben noch viel mehr als eine Anklage der Gewalt gegen Frauen. Es ist eine Anklage der Gewalt gegen Körper jedweder Art. Manche der Vergewaltiger, von denen die Rede ist, sind Frauen, manche der Opfer haben einen Penis. Davon ist auf der Bühne nichts zu sehen und auch kaum etwas zu hören – denn oft vernuscheln die fünf Spieler:innen den Text auf der für sie viel zu großen Festspielhausbühne oder müssen ihn zum Schmachtfetzen "Time of my Life" aus "Dirty Dancing" anscheinend absichtlich schlecht singen.

Schriller Pop und androgyne Figuren

Die Essenz des Stücks liegt aber im Hinterfragen unser aller Geschlechter- und Rollenklischees: Warum träumen die fünf Freundinnen, die sich nach der Schule zum Eis treffen, vom Traummann, der sie am Feuer wärmt, bevor er sie entjungfert? Warum sind in den sexuellen Fantasien einer der weiblichen Stimmen die Frauen stets klein, jung, bedürftig und werden gefoltert?

Das kommt an diesem Abend nur in einer einzigen gelungenen Szene zur Sprache, nämlich, wenn Bekim Latifi über die Bühne hüpft wie ein Duracell-Häschen und das ganze Paradoxon aufsagt: "Nenn’ mich meine Frau, trag’ mir meine Einkäufe, bau’ mir ein Haus, fick’ mich auf dem Küchentisch, häng’ Regale für mich auf, lass’ mir ein Bad ein. Mach mir ein Kind, obwohl ich eine Feministin bin, die sich weigert am patriarchalen System der Reproduktion teilzuhaben."

Pinar Karabulut versucht dem krassen und schmerzhaften Text mit schrillem Pop und androgynen Figuren beizukommen, die das duale Geschlechtersystem bereits hinter sich gelassen haben. Doch was gehen einen diese Nicht-Menschen, diese Außerirdischen an, die Redeblasen über Sex und Vergewaltigung absondern und dabei gänzlich auf der Stelle treten?

Like Lovers Do (Memoiren der Medusa) © Krafft Angerer
Bild: Krafft Angerer

Vom Text bleibt nicht viel übrig

Später geht den phallischen Türmen die Luft und also die Erektion aus, am Ende heben die Aliens mit einem Raumschiff gen Bühnenhimmel ab. Zurück ins Paradies der Geschlechtslosigkeit? Vom Text bleibt jedenfalls nicht viel übrig außer: irgendwas mit Feminismus. Leichter und langweiliger war es nie, die offensten Türen einzurennen. Das Publikum jubelt.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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