Schaubühne: Der Krieg mit den Molchen © Gianmarco Bresadola
Gianmarco Bresadola
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Schaubühne am Lehniner Platz - "Der Krieg mit den Molchen"

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Karel Čapek gehört zu den wichtigsten tschechischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. 1936 erschien sein satirischer Science-Fiction-Roman "Der Krieg mit den Molchen". Soeren Voima hat diese irre Parabel auf den Faschismus nun für die Schaubühne neu bearbeitet. Am Samstag war die Premiere der Inszenierung von Clara Weyde.

Schaubühne: Der Krieg mit den Molchen © Gianmarco Bresadola
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Lange blieben sie der Welt verborgen, doch dann werden sie auf einer kleinen Insel in der Nähe von Sumatra entdeckt: sprachbegabte Riesenmolche, die den Menschen nicht unähnlich sind. Zunächst als billige Arbeitskräfte missbraucht, proben sie irgendwann den Aufstand und wenden sie sich gegen ihre Ausbeuter. "Der Krieg mit den Molchen", ein 1936 vom tschechischen Autor Karel Capek veröffentlichter Roman, ist eine bissige Karikatur und politische Bestandsaufnahme der explosiven Verhältnisse am Vorabend des Zweiten Weltkrieges. Ein unter dem Pseudonym "Soeren Voima" auftretendes Autoren-Kollektiv hat eine Bühnenfassung des Romans verfasst. In der Regie von Clara Weyde wurde sie jetzt an der Berliner Schaubühne aufgeführt.

Hoch aktuell und politisch zeitlos

Die Faschismus-Parodie ist hoch aktuell und politisch zeitlos. Schon weil der Stoff sich nicht nur mit dem unaufhaltsamen Aufstieg des Faschismus in Europa - früher, genauso wie heute - beschäftigt, sondern auch ein satirischer Exkurs ist über den Wahnsinn von Rassismus und die Folgen von Kolonialismus und Imperialismus. Mit fiesem Grinsen und verzweifeltem Kopfschütteln über die Blödheit der Menschen, die sehenden Auges in die Katastrophe stolpern und Spaß daran haben, auf der Rasierklinge ihres Untergangs zu tanzen, spielen Roman und Inszenierung durch, wohin es führt, wenn man auf Gefühle und Bedürfnisse von Lebewesen keine Rücksicht nimmt, ihnen Minderwertigkeit bescheinigt und als Versuchskaninchen für medizinischen und technischen Fortschritt missbraucht; wohin es führt, wenn der Mensch sich zum Gott der Schöpfung erklärt und sich in seinen Macht-Fantasien die Natur und die Tierwelt zu Feinden macht: eine Parabel auf Fortschrittswahn und Faschismus, sie zeigt, wie anfällig eine gedemütigte Masse für ideologische Einflüsterungen ist, wie sie instrumentalisiert wird für politische Zwecke, schließlich aufbegehrt gegen die arrogante Elite, sich selbst zur wertvolleren Rasse erklärt und neuen Lebensraum erobern will, dafür auch bereit ist, Krieg zu führen und die Welt zu zerstören. Den Krieg können die Molche nur führen und gewinnen, weil die Menschen es zulassen und so lange mit ihnen Geschäfte machen, auf Kompromisse zielen, auf Zeit spielen, bis es zu spät und die Katastrophe vollkommen und unabwendbar ist: kommt einem in Zeiten von Klimakrise und Ukraine-Krieg irgendwie bekannt vor.

Das Autoren vom Kollektiv "Soeren Voima" pflegen sonst einen ziemlich freien Umgang mit den literarischen Vorlagen, doch mit Capeks Roman-Klassiker gehen sie erstaunlich behutsam um, verzichten auf alles Überkandidelte und Schrille, schmeißen nur in ganz kleinen Dosen Wortfetzen aus den aktuellen Diskursen (Diversity und Gendersternchen) ins Bühnengeschehen; auch Ausflüge in Rap-Musik und Hip-Hop-Kultur halten sich in Grenzen, das sind nur Kinkerlitzchen des Zeitgeistes, über die sich die Autoren ein bisschen lustig machen. Hinter "Soeren Voima", das pfeifen die Bühnen-Spatzen von den Theater-Dächern, verbergen sich vor allem Christian Weise, der als Maxim-Gorki-Regisseur "Queen Lear" mit einem Laserschwert bewaffnet zum "Krieg der Sterne" ins Weltall schickte, sowie der Schaubühnen-Dramaturg Christian Tschirner, der jetzt penibel darauf achtet, dass mit Capek kein Schindluder getrieben wird.

Wie ernst man den Roman nimmt, sieht man in einer unscheinbaren Szene: einer der ersten Molche, die sich mit menschlicher Sprache und Kultur beschäftigen, hat ein großes gelbes Buch mit einem stilisierten Molch in der Hand, darin, so der Molch, stehe alles, was er brauche, um die profitgierigen Menschen und den Kampf der Molche zu verstehen: er nennt nicht den Titel, aber der Kenner sieht von Ferne: es ist das Buch von Capek in der großartigen Aufmachung vom Aufbau Verlag und der Edition Büchergilde, wundervoll illustriert von Hans Ticha. Das Buch: eine dadaistische Collage, mit Zeitungsausschnitten und Reisenotizen, Nachrichten und Analysen, furios - und nun, auf ein spielbares Minimum reduziert, spielwütend auf die Bühne gebracht.

Schaubühne: Der Krieg mit den Molchen © Gianmarco Bresadola
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Die Welt da draußen ist nur eine Fantasie, die Erkundung der Südsee, die Ausbeutung der Molche nur ein böser Alptraum, den fünf Schauspieler_innen und ein Live-Musiker in einem Denkgefängnis variantenreich durchspielen. Sie sind eingesperrt in einem fensterlosen, holzverschachtelten Raum: ein Kerker oder Büro, ein Ort ohne Fluchtmöglichkeit, in dem sie agieren mit ihren grauen Anzügen und gleichförmigen Phrasen. Hier können sie mit ihrem profitgeilen Geplapper in kurzen Stellproben und in verschiedenen Rollen skizzieren, wie sie die Molche entdeckt und als Arbeitstiere über die Welt verteilt haben, wie die Molch-Experimente vonstatten gingen, die ersten Konferenzen stattfanden, um zu diskutieren, ob Molche eine Seele haben, Schmerzen empfinden, Rechte haben.

Ab und zu springt jemand in einen kleinen, in den Bühnen-Boden eingelassenen Pool, badet in schwarzen Gummikugeln und kommt als Molch wieder zum Vorschein, erst nur in schlabbrigem Woll-Pulli, später in silbrig und rötlich schimmernder und schuppiger Molch-Montur, ein Ganz-Körper-Gummi-Anzug mit langem Schwanz. Die Molche arbeiten zunächst nur als Reinigungskraft und lassen sich herumschubsen, aber sie werden klüger und und fordernder, spielen Blockflöte und zitieren aus den Werken der Klassiker: bis der Spaß vorbei ist und unter lautem Donnern draußen der Krieg beginnt, die letzten Menschen bibbernd in Unterhose dastehen und von den Molchen zum Aussterben in die Wüste geschickt werden.

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Die Apokalypse macht Spaß

Soweit die schlechte Nachricht. Die gute: die Apokalypse macht Spaß, auch wenn man nicht recht weiß, ab man lachen oder weinen soll, wenn Molche den Menschen Nachhilfe in richtiger Grammatik geben; wenn die letzten Menschen sich slapstickartig gegen einen riesigen schwarzen Wind-Sack stemmen, der die Bühne überflutet und sie regelrecht verschluckt; oder wenn bei einer apokalyptischen Abschiedsfeier ein gut gelaunter Molch in Glitzer-Outfit eine Empore erklimmt, zum fröhlich schwadronierenden Radio-Moderator und zum DJ des Untergangs mutiert:

Zwischen Händels Wassermusik und den besten Hits der 80er verkündet er laut johlend die Siegesmeldungen von der Front, wo es den Molchen gelungen ist, Land wegzusprengen und neuen Wasser-Lebensraum zu gewinnen, Menschen zum Aussterben in die letzten Berge zu vertreiben. Das tut weh, ist aber trotzdem ziemlich komisch. Rettung für den Menschen gibt es in der turbulenten Theaterfassung leider nicht. Wer Hilfe sucht, sollte mal ein schlaues Buch lesen, zum Beispiel den Roman von Karel Capek, da gibt es auch ein paar Gedanken, wie der ganze Irrsinn noch zu verhindern und der Krieg ganz anders ausgehen könnte.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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